Papst wollte Verhältnis zum Deutschen Reich verbessern

Historiker: Pius XII. führte Geheimverhandlungen mit dem NS-Regime

Aktualisiert am 07.06.2022  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Ein neues Buch des US-Historikers David Kertzer beleuchtet die kontrovers diskutierte Frage, wie Papst Pius XII. zum Nationalsozialismus und zur Judenverfolgung stand. Besonders bemerkenswert: Laut Kertzer begann Pius XII. kurz nach Beginn seines Pontifikats, geheime Verhandlungen mit dem NS-Regime zu führen.

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Papst Pius XII. (1939-1958) hat kurz nach Beginn seines Pontifikats damit begonnen, geheime Verhandlungen mit dem NS-Regime zu führen. Das schreibt der US-Historiker David Kertzer in seinem am Dienstag veröffentlichten Buch "The Pope at War: The Secret History of Pius XII, Mussolini, and Hitler". Die Initiative für die Verhandlungen sei von Adolf Hitler ausgegangen, der nach der Wahl Pius XII. die Chance gesehen habe, die Beziehungen zum Vatikan zu verbessern oder den neuen Papst zumindest von offener Kritik am Deutschen Reich abzuhalten. Pius XII. habe sich daraufhin mehrfach zu Gesprächen mit dem von Hitler beauftragten Vermittler Philipp von Hessen getroffen und dabei ebenfalls das Ziel verfolgt, das Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich zu verbessern und Erleichterungen für die Kirche in Deutschland zu erreichen, so Kertzer.

Der Historiker stützt sich in seinem Buch auf Recherchen in den Archivbeständen des Vatikan zu Pius XII., die 2020 erstmals für Historiker geöffnet wurden, sowie auf weitere Archivfunde in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien. Auszüge aus dem Werk hatte der Historiker, der 2016 bereits ein Buch über Pius XI. (1922-1939) und dessen Verhältnis zum Faschismus veröffentlich hatte, vor einigen Tagen in einem Artikel in der US-Zeitschrift "The Atlantic" veröffentlicht.

"Wenn wir Frieden haben, werden die Katholiken treu sein, mehr als alle anderen"

Laut Kertzer traf sich Pius XII. am 11. Mai 1939 – gut zwei Monate nach seiner Wahl zum Papst – erstmals mit von Hessen. Dabei habe er dem Gesandten erklärt, dass er sehr an einer Einigung mit dem NS-Regime interessiert und zu einem Kompromiss bereit sei, soweit sein Gewissen dies zulasse; vorher müsse sich jedoch die Situation der Kirche im Deutschen Reich verbessern. Beispielhaft habe der Pontifex auf die erzwungene Schließung von katholischen Schulen und Seminaren im Dritten Reich, die Veröffentlichung von antikirchlichen Büchern sowie die Kürzung von staatlichen Mitteln für die Kirche in Österreich hingewiesen. "Ich bin sicher: Wenn der Friede zwischen Kirche und Staat wiederhergestellt ist, werden alle zufrieden sein. Das deutsche Volk ist in der Liebe zum Vaterland geeint. Wenn wir Frieden haben, werden die Katholiken treu sein, mehr als alle anderen", zitiert Kertzer Pius XII. aus einem deutschsprachigen Bericht über das Treffen mit von Hessen, den der Historiker eigenen Angaben zufolge in den vatikanischen Archiven gefunden hat.

Das zweite Gespräch zwischen Pius XII. und von Hessen fand Kertzer zufolge am  26. August 1939 – und damit wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs – in Castel Gandolfo statt. Auch zu diesem Treffen hat der Historiker nach eigenen Angaben einen deutschsprachigen Bericht in den Archiven gefunden. Der Vertreter des Diktators habe dem Papst dabei zunächst mitgeteilt, dass Hitler dem Pontifex seinen "sehnlichsten Wunsch" versichern wolle, den Frieden mit der Kirche wiederherzustellen. Hitler, so von Hessen, glaube nicht, dass es große Fragen gebe, die das Deutsche Reich und den Vatikan trennten. Notwendig sei eine Verständigung über die richtige Rolle des katholischen Klerus in Deutschland.

Im März 1933 stellte Adolf Hitler den Kirchen überraschend weitreichende Zugeständnisse in Aussicht.
Bild: ©Bundesarchiv

Laut Historiker Kertzer ging die Initiative für die Gespräche zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich direkt von Hitler selbst aus.

Pius XII. habe daraufhin betont, dass auch er es begrüßen würde, wenn die Kirche zu einer "ehrenvollen Einigung" käme, die den religiösen Frieden im Deutschen Reich sichern würde. Was Hitlers zuvor von dessen Gesandten zum Ausdruck gebrachte Besorgnis über die politische Betätigung des deutschen Klerus betreffe, bestehe kein Grund zur Sorge, da die Kirche keinen Grund habe, sich parteipolitisch zu betätigen. Von Hessen stellte dem Papst laut Kertzer bei diesem Treffen auch ein neues Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Heiligen Stuhl in Aussicht, das dann auch das inzwischen zum NS-Staat gehörende Österreich einbeziehen könne. Ein erstes Staatskirchenvertrag zwischen dem Vatikan und dem nationalsozialistischen Staat – das sogenannte Reichskonkordat – war sechs Jahre zuvor, am 20. Juli 1933, geschlossen worden.

Ein weiteres Gespräch zwischen dem Kirchenoberhaupt und dem Vertreter des Hitler-Regimes fand nach Recherchen von Kertzer am 24. Oktober 1939 statt. Das Transkript des Gesprächs mache deutlich, dass der Papst auch nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges bestrebt gewesen sei, sich mit Hitler zu einigen. Gleichzeitig habe Pius XII. jedoch betont, dass die Nachrichten aus Deutschland leider nicht so seien, dass sie eine Annäherung zwischen Kirche und Reich förderten. Der Papst habe zudem erklärt, dass die Feinde Deutschlands die schlechte Behandlung der Kirchen durch das Deutsche Reich ausgiebig nutzten. "All dies, fügte der Papst in Anspielung auf den Druck, der auf ihn ausgeübt wurde, sich gegen Hitlers kirchenfeindliche Maßnahmen auszusprechen, mache seine eigene Position und die des Vatikans schwierig. Der systematische Angriff der Deutschen auf die Kirche müsse aufhören. Wenn Hitler ein Signal gebe und sich die Situation verbessere, würde dies den Weg für produktive Verhandlungen ebnen", so Kertzer in seinem Buch.

Kertzer: Kein Hinweis, dass Pius XII. die Judenverfolgung je thematisiert hätte

Später – in Vorbereitung auf ein Treffen mit dem nach Kriegsende in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilten NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop, das am 11. März 1940 in der päpstlichen Privatbibliothek stattfand – übergab Pius XII. laut dem Historiker einen Forderungskatalog an von Hessen. Unter anderem forderte das Kirchenoberhaupt darin eine Beendigung der Angriffe gegen das Christentum und die Kirche in Partei- und Staatspublikationen, eine Beendigung der "antichristlichen und antikirchlichen Propaganda", eine Wiederherstellung des Religionsunterrichts in den Schulen und den Stopp weiterer Beschlagnahmungen von Kircheneigentum.

Laut Kertzer fanden noch bis zum Frühjahr 1941 weitere Treffen zwischen Pius XII. und dem NS-Gesandten von Hessen statt. Letztlich hätten diese aber zu keiner formellen Einigung zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich geführt. Die Treffen hätten den Papst mit Blick auf öffentliche Aussagen über das NS-Regime jedoch zum Schweigen gebracht. Dies zeigt sich laut Kertzer unter anderem an Pius' seit Jahrzehnten kontrovers diskutiertem Verhalten gegenüber der Judenverfolgung der Nationalsozialisten. "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Papst jemals die Kampagne der Nazis gegen die europäischen Juden thematisiert hat", schreibt der Historiker. Dem Papst sei es vor allem darum gegangen, die Kirche im Deutschen Reich zu schützen und ihre Situation zu verbessern. "Im Laufe der schrecklichen Kriegsjahre geriet Pius XII. unter großen Druck, Hitlers Regime und dessen ständigen Versuch, die europäischen Juden zu vernichten, anzuprangern. Er widerstand bis zum Ende", bilanziert der US-Historiker. (stz)