Standpunkt

Was allein die Kirchen können

Aktualisiert am 09.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Was ginge verloren, wenn die Kirchen ganz aus Europa verschwänden? Für viele Menschen wäre es ein Verlust, und sie könnten auch durch säkulare Initiativen nicht ersetzt werden, kommentiert Christof Haverkamp.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Viel ist in jüngster Zeit vom Bedeutungsverlust der Kirche die Rede oder gar von einem Scheitern des Christentums, das der Philosoph Peter Sloterdijk festgestellt haben will. Und wenn es in der Öffentlichkeit um die Kirche geht, dann meistens um eine Summe von Missständen. Die Rufe nach Reformen und weniger Klerikalismus haben absolut ihre Berechtigung.

Aber was ginge verloren, wenn eine 2.000 Jahre alte Institution nicht allein schrumpfen, sondern ganz verschwinden würde? Wenn es keine Pfarrgemeinden mehr gäbe, keine Sonntagsgottesdienste, keine Katholikentage, keine Ordensleute, keine engagierten Laien und Priester? Das Gedankenexperiment ist eine Überlegung wert.

Nicht allein politisch leben wir in einer Zeitenwende und Phase voller Ab- und Umbrüche. Mehr Toleranz und weniger Enge und Strenge sind zweifellos ein Gewinn. Und keine Sorge, so schnell werden wir keine Gesellschaft ganz ohne Gott, selbst in Europa nicht.

Denn es gibt immer noch genug Menschen, für die ihre Kirche eine Heimat ist, allen Ärger über einen merkwürdigen Kardinal oder eitlen Diakon zum Trotz. Genug Frauen und Männer, denen ihr Glaube Sinn im Leben stiftet und die dieser Glaube auch in schwierigen Zeiten hoffen lässt. Für die nach wie vor die Bergpredigt mit ihren Seligpreisungen überzeugend ist. Die ihre Kraft aus Gebet und Gottesdienst ziehen. Und die sich an kirchlicher Chor- und Orgelmusik erfreuen.

Es gibt genug Menschen, die christliche Feste an den Lebenswenden vermissen würden, also Taufe, Erstkommunion und Firmung, kirchliche Hochzeiten und Beerdigungen. Und nach wie vor finden sich Engagierte, die Jugendarbeit leisten und Besuchsdienste im Altenheim oder Krankenhaus. Die aus christlicher Überzeugung Verantwortung übernehmen und in die Politik gehen. Ohne sie wäre das gesellschaftliche Leben ärmer.

Kein Zweifel: Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen und ungezählte weitere Menschenrechtsgruppen und Hilfswerke leisten sinnvolle, wertvolle Arbeit, ohne kirchlich angedockt zu sein. Doch bei allem Respekt: Die Kirchen können sie nicht ersetzen.

Von Christof Haverkamp

Der Autor

Christof Haverkamp ist Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirche in Bremen und Senderbeauftragter der katholischen Kirche bei Radio Bremen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.