Große Mehrheit des Klerus stünde hinter Dokument zu Prävention von Missbrauch

Bonnemain relativiert Kritik von Priestern an Verhaltenskodex

Aktualisiert am 12.06.2022  –  Lesedauer: 

Chur/Zürich ‐ Die Auseinandersetzungen um den Verhaltenskodex im Schweizer Bistum Chur gehen weiter: Nun relativierte Bischof Joseph Bonnemain die Kritik von Priestern an dem Dokument. 95 Prozent des Diözesanklerus stünden hinter dem Papier.

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Der Churer Bischof Joseph Bonnemain hat Kritik am neuen Verhaltenskodex zum Problem des sexuellen und spirituellen Missbrauchs relativiert. Im Vergleich zur gesamten Priesterschaft des Bistums seien es nur wenige Geistliche, die das verbindliche Dokument nicht unterschreiben wollten, sagte Bonnemain im Interview der "NZZ am Sonntag". Rund 95 Prozent der Priester stünden hinter dem Verhaltenskodex der Diözese, "so gross sind die Differenzen also gar nicht".

Zuvor hatten rund 40 Priester im Schweizer Bistum angekündigt, die Unterzeichnung des Dokuments zu verweigern. Auch sie seien für die Prävention von Übergriffen, heißt es in einer Erklärung der Geistlichen. 95 Prozent der im Kodex thematisierten Inhalte "betrachten wir als Ausdruck des gesunden Menschenverstands und des Anstands", so die Stellungnahme auf der Internetseite des Priesterkreises. Einzelne Punkte widersprächen jedoch offen der katholischen Lehre zu Homosexualität und Ehe, kritisieren die Priester.

Bonnemain verteidigt Unterstützung für Coming Out

Das Bistum Chur hat die Unterzeichnung des Textes mit dem Titel "Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht - Prävention von spirituellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung" für alle kirchlichen Mitarbeitenden als verbindlich erklärt. Der Bischof von Chur, die drei Generalvikare und die obersten Vertreter der sieben Kantonalkirchen in der Diözese hatten es am 5. April unterschrieben.

In dem Interview betonte Bonnemain erneut die im Kodex festgehaltene Unterstützung eines Coming Outs zur sexuellen Orientierung, die der Priesterkreis kritisiert hatte. Es sei eine Last, wenn ein Mensch es nicht wage, darüber zu sprechen, was er empfinde, sagte der Bischof und fügte hinzu: "Ich kämpfe dafür, dass jede und jeder zu seinen Gefühlen stehen kann, auch wenn diese homosexuell sind." Die Kirche nehme jeden Menschen mit seiner sexuellen Orientierung an. Das Ausleben sei jedoch "etwas anderes", fügte er hinzu. (KNA)