Auch Krach ist Geschmackssache

Der Klang der Stille: Wenn der Lärm zu viel wird

Aktualisiert am 20.06.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Neulich wurde Schwester Gabriela Zinkl mit einem Presslufthammer aus dem Schlaf gerissen. Lärm ist fast immer unangenehm. Aber je nach Geschmack setzt man sich auch freiwillig lauten Klängen aus. Und doch beruft man sich immer wieder auf die Stille.

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Aufwachen mit voller Dröhnung. Presslufthammer im Ohr. Kopfschmerzen? Nein, viel banaler. In aller Frühe sind vor unserem Haus Bauarbeiter angerückt und graben mit einem Presslufthammer den Asphalt des Gehwegs um. Auf diesen Morgengruß hätte ich verzichten können …  Geht es denn noch lauter? Aber sicher doch: Feueralarm, Martinshorn, Donner, Explosionsknall, Dröhnen, Gellen, Hallen, Heulen, Klappern, Klingeln – all das kann sehr laut und unangenehm sein, wenn man ihm länger und ungeschützt ausgesetzt ist. Unsere Sprache kennt für das Phänomen Lärm jede Menge lautmalerischer Begriffe, wie Knallen, Kreischen, Klirren, Pfeifen, Poltern, Prasseln, Quietschen, Rabatz, Radau, Rasseln, Rattern, Scheppern, Schreien, Sirren, Tosen, Trubel, Tumult, Wummern, Zetern, Zischen und vieles mehr.  

Viel Lärm um nichts? Falsch gedacht, denn Lärm macht Stress, kann Auslöser einer Nachbarschaftsfehde sein und führt als ungebetener Gast gerne zu Schlaflosigkeit, wenn nicht sogar zu Panik oder Aggression. Was oft als unscheinbares Geräusch beginnt, kann in nervtötendem Lärm enden. Wo endet Stille und wo beginnt Lärm? Das ist oft persönliche Geschmackssache. Für die eine kann ein Livekonzert vor dröhnenden Musikboxen nicht laut genug sein, einem anderen raubt der tropfende Wasserhahn im Badezimmer nebenan den Schlaf, auch wenn beide Geräusche noch so unterschiedlich sind. Für die Lautstärke gibt es eine eigene Messeinheit, der Schallpegel wird in Dezibel (dB) angegeben. Unsere menschliche Hörschwelle liegt bei null Dezibel. Das Aufprallen eines einzelnen Regentropfens kommt schon gleich auf zehn Dezibel, richtiger Regen liegt bei ganzen 50 Dezibel, nur knapp darunter ist Vogelgesang mit 40 Dezibel – all das ist für unser Ohr und unser Empfinden noch im angenehmen Bereich. Denn laut wissenschaftlicher Forschung liegt unsere Toleranzgrenze bei durchschnittlich 60 Dezibel. Da kann es schon passieren, dass einem das klingelnde Handy die Ruhe raubt und aus der Fassung bringt, wenn man sich auf etwas konzentrieren will. Wer sich via TV oder PC und guten Lautsprechern ein Livekonzert in die eigenen vier Wände holt, ist mit gut 110 Dezibel Lautstärke dabei. Auf denselben Wert kommt der Presslufthammer, der uns durch sein notorisches Hämmern sehr schnell auf die Nerven geht und dessen Krach in nächster Nähe kaum auszuhalten ist, da geht es dem Arbeiter nicht anders. Das Urteil, ob etwas Lärm macht, liegt in der Perspektive des Betrachters. Wie formulierte der Schriftsteller Kurt Tucholsky so schön: "Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur."

Was tun bei so viel Krach?

Weit über unserer individuellen Stressresistenzgrenze liegt das Donnern eines Gewitters mit 120 Dezibel. Richtig laut ist ein Flugzeug beim Start mit 140 Dezibel, für die Anwohner eines Flughafens auf Dauer also alles andere als ein Vergnügen. Eine Rakete beschallt uns beim Abheben sogar mit 180 Dezibel, genauso wie wenn ein Schuss aus einer Waffe unmittelbar neben uns abgegeben wird. Damit ist wohl für jeden die Schmerzgrenze erreicht. Was tun bei so viel Krach? Wir Menschen haben dafür einen Schutzmechanismus, der sich sehr schön bei schon bei kleinen Kindern beobachten lässt: sich mit beiden Händen die Ohren zuhalten. Das funktioniert leider nur für kurzfristige laute Geräusche. Gegen starken, dauerhaften Lärm, etwa beim Arbeiten oder Schlafen helfen Ohrstöpsel aus Wachs oder Plastik oder gleich Schalldämpfer auf den Ohren.

Menschen jubeln während eines Konzertes.
Bild: ©maigi/Fotolia.com (Symbolbild)

Lärm kann auch Ansichtssache sein.

Stille und Ruhe sind für viele ein Idealzustand, der oft nur schwer zu erreichen ist. Schuld daran sind allein wir Menschen, denn wir machen nun mal Krach, vom ersten Atemzug an. Unser erstes Lebenszeichen ist ein Schrei, und wir werden selbst sehr laut, wenn wir schimpfen oder uns ärgern. Dagegen gilt das Auto, das Badezimmer oder der Kellerraum für viele als letztes Refugium, wo man die Musik nach dem eigenen Geschmack so richtig laut aufdrehen und nach Herzenslust mitsingen kann – für viele ist das die einzige Möglichkeit, Lieblingsmusik laut und ohne Kopfhörer zu hören. Wenn man das bedenkt, wirken von Musik dröhnende vorbeifahrende Autos und ihre Insassen plötzlich richtig lustig. Erst gegen Ende des Lebens wird es für die meisten richtig still, dafür hat unsere Sprache auch ein eigenes Wort, die Totenstille.

Stille und Lärm, zwei absolut gegensätzliche Pole, ja fast Feinde. Für diesen Kontrast hat jeder von uns ganz persönliche Vorlieben, ähnlich wie beim individuellen Musikgeschmack. Manche mögen Musik "nur, wenn sie laut ist", singt Herbert Grönemeyer, und wenn die Basstöne bis in der Magengegend zu spüren sind. Andere lauschen dem ausklingenden Ton einer Violine bis zur letzten Schallwelle. Der Musiker John Cage hat 1951 zu diesem Kontrast ein eigenes Musikstück komponiert, das in der Musikgeschichte eingegangen ist. Es heißt ganz plump "4 Minuten, 33 Sekunden" – das ist die durchschnittliche Länge eines Popsongs. Dieses Musikstück hat keinen Ton, man hört nichts, nur Stille. Wenn es aufgeführt wird, tritt ein Musiker oder ein ganzes Orchester auf die Bühne, nimmt Spielhaltung ein, und dann folgt – nichts, ganze 4 Minuten und 33 Sekunden lang. Das ist schon fast revolutionär oder doch eher reine Ironie? "The material of music consists of sound and silence", Musik besteht aus Ton und Stille, begründete John Cage einst seine Komposition.

Orte der Stille finden sich überall

Stille in unserem Alltag zu finden, ist oft ziemlich schwer. Ständig lärmt etwas dazwischen, unerwartet, unvorhergesehen. Gerade dann kann es für uns umso mehr zum Störfaktor werden. In den letzten Jahren gibt es das Phänomen, dass an vielen Orten Europas ein "Haus der Stille" eröffnet wird. Was sich für Nicht-Eingeweihte nach einem Bestattungsinstitut anhört, ist für Insider Anlaufstelle für Meditation, Besinnung, Exerzitien. Zunehmend sind es Klöster oder Diözesen, die unter diesem Namen ein Gästehaus oder Meditationszentrum eröffnen. Und die Gästezimmer und Kurse dort sind heiß begehrt, denn Stille ist in unserer Zeit ein kostbares Gut. In überschaubarer Dosis an Geräuschen ist Stille für uns wohltuend, nicht nervtötend, und lässt uns zur Ruhe kommen. Bestes Beispiel dafür ist es, in der Natur auf einer Wiese oder im Wald zu sitzen, fernab von künstlich erzeugten Geräuschen unserer Zivilisation, und nur natürliche "Musik" zu hören wie Vogelzwitschern, Grillenzirpen, Bienenbrummen und das Rauschen der Baumwipfel. Hat nicht jeder von uns eine Sehnsucht danach im Herzen und im Sinn?

Es gibt sie, die besonderen Orte der Stille in unserer Umgebung, wenn sie auch versteckt sind. Doch es lohnt sich, nach ihnen zu suchen und sich ab und zu dorthin zurückzuziehen. Eine Portion Stille tanken, bevor uns ein Presslufthammer wieder einmal den letzten Nerv rauben will.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.