Standpunkt

Vatikan macht es sich mit Laisierung von Tätern zu leicht

Aktualisiert am 22.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Immer wieder werden geweihte Missbrauchstäter auf eigenen Wunsch aus dem Klerikerstand entlassen. Aus Sicht von Annette Zoch macht der Vatikan es sich mit diesem Vorgehen zu leicht. Sie fragt sich auch, welche Haltung die Kirche damit ausdrückt.

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"Nach Gott ist der Priester alles! Ohne den Priester würden der Tod und das Leiden unseres Herrn zu nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt." Papst Benedikt XVI. zitierte diese Worte von Johannes-Maria Vianney, als er im Juni 2009 an dessen 150. Todestag das "Jahr des Priesters" ausrief. Die Forscher der Universität Münster haben auf dieses rückblickend mehr als problematische Zitat hingewiesen. Das überhöhte Priesterbild sei ein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch.

Wenige Stunden, nachdem die Münsteraner Historiker ihre Studie vorgestellt hatten, wurde bekannt: Der strafrechtlich verurteilte Priester H., der im Gutachten für das Erzbistum München und Freising sogar Gegenstand eines Sonderbandes ist, ist aus dem Klerikerstand entlassen worden. Auf eigenen Antrag, nachdem der Vatikan ihn im Rahmen des gegen ihn laufenden kirchenrechtlichen Verfahrens auf diese Möglichkeit hingewiesen hatte. H. ist nicht der einzige Kleriker, der sich so laisieren ließ. Auch andere Täter, zuletzt ein Priester des Bistums Trier, der bei Renovabis-Projekten in der Ukraine tätig war, und ein Priester aus dem Bistum Limburg machten von dieser Möglichkeit Gebrauch und entgingen so der kirchenrechtlichen Bestrafung.

Was sind die Folgen? Zum einen sind die Täter fortan nicht mehr kontrollier- und sanktionierbar, etwa durch Kürzung der Bezüge. Man fragt sich zudem: Was ist das Ziel dieser römischen Rechtsbelehrung? Geht es darum, sich gefallener Priester zu entledigen – aus dem Auge, aus dem Sinn? Der Vatikan macht es sich da zu leicht. Gerade wenn die Täter strafrechtlich nicht mehr zu belangen sind, wäre es umso mehr Aufgabe der Kirche, dafür zu sorgen, dass sie streng kontrolliert werden. Und zuletzt, da wären wir wieder beim Priesterbild: Welche Haltung drückt sich eigentlich darin aus, wenn die höchste vorstellbare kirchliche Strafe für sexuellen Missbrauch durch Geistliche jene ist, dass der Priester wieder ein "normaler Mensch" wird?

Von Annette Zoch

Die Autorin

Annette Zoch ist Politikredakteurin der Süddeutschen Zeitung und schreibt dort über Religion und Kirche.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.