Standpunkt

Kirche von morgen muss Fromme auch wieder loslassen können

Aktualisiert am 24.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Bei der Frage nach der Rolle der "Kirche von morgen" schaut Ricarda Menne auf Karl Rahner. Sie sieht eine Gemeinschaft von mündig gewordenen Frommen – aber keinen Freifahrtschein für religiösen Individualismus.

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"Der Fromme (bzw. Christ) von morgen wird ein 'Mystiker' sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein." Ein berühmt-berüchtigtes Zitat von Karl Rahner. Im Jahr 1965 – das Zweite Vatikanische Konzil geht offiziell zu Ende, die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse hebt gerade erst an – wirft Rahner einen Blick in die Zukunft. In die Zeit, die wir Gegenwart nennen oder die für uns womöglich auch schon wieder Vergangenheit ist.

Ob man seine Worte prophetisch nennen will, ist Ansichtssache. Ob sie die Aufbruchsstimmung des Konzils gedämpft haben, kann ich nicht beurteilen. Aber in seinem Aufsatz "Frömmigkeit früher und heute", aus dem das obige und alle weiteren Zitate stammen, legt Rahner die Wurzeln zeitgemäßer christlicher Existenz frei: Tragfähig und wegweisend ist die eigene Gotteserfahrung und -beziehung, für die es mehr brauche als "einer rationalen Stellungnahme zur theoretischen Gottesfrage und einer bloß doktrinären Entgegennahme der christlichen Lehre".

Die Kirche(n) kommen in diesem Gedankengang Rahners nicht explizit vor, Lehre und Lehramt nur am Rande. Auch von Strukturdebatten und Aufrufen zur Neuevangelisierung, den Dauerbrennern des katholischen Kettenkarussels, ist nicht die Rede. Stattdessen spricht Rahner von einer "kargen Frömmigkeit", vom "Mut eines unmittelbaren Verhältnisses zum unsagbaren Gott" und dem Mut, "ihn anzureden, in seine Finsternis glaubend, vertrauend und gelassen hineinzureden, obwohl scheinbar keine Antwort kommt als das hohle Echo der eigenen Stimme".

Das kann man verwechseln mit einem Freifahrtschein für religiösen Individualismus gemäß dem Motto: Ich bin mein eigener Papst und Exeget. Wer Rahner so liest, hat ihn missverstanden. Er verweist auf die Notwendigkeit "einer Mystagogie [Einführung] in die religiöse Erfahrung, [...] einer Mystagogie, die so vermittelt werden muss, dass einer sein eigener Mystagoge werden kann".

Kann, ja, muss das die Rolle der "Kirche von morgen" sein? Eine Gemeinschaft von Gläubigen, die die Fragilität des Glaubens und das Schweigen Gottes nicht wegdogmatisiert oder wegspiritualisiert sondern auszuhalten hilft? Eine Gemeinschaft von Gläubigen, die bei den Gotteserfahrungen und Gottesfragen des einzelnen Menschen ansetzt, eine Sprache und Bilder für diese Erfahrungen und Fragen anbietet und den mündig gewordenen "Frommen von morgen" auch wieder loslassen kann? – Ich meine: Ja.

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.