Ein kompliziertes Verhältnis

70 Jahre "Bild": Die Kirche und Europas größte Boulevardzeitung

Aktualisiert am 24.06.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Angeblich liest sie keiner – und trotzdem ist sie Europas meistgelesene Boulevardzeitung: die "Bild". Heute begeht die Zeitung ihren 70. Geburtstag. Über ein "Revolverblatt" mit Freund und Feind in Kirche und Welt.

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"Wir sind Papst!" – Keine Zeitung hat prägnanter ihre Begeisterung über die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst auf die Titelseite geschrieben. Das Blatt mit den großen Lettern und wenigen Zeichen – an ihm scheiden sich dennoch die Geister. Angeblich liest sie keiner, und dennoch erreicht sie täglich Millionen Leser – und seit neuerem auch Fernsehzuschauer: Am 24. Juni begeht "Bild", das Boulevardblatt aus dem Springer-Verlag, seinen 70. Geburtstag.

Ihr Verhältnis zur Kirche ist mal eng, mal kritisch – und in letzter Zeit treffen sich Kirchenvertreter mit ihr häufiger vor Gericht. Als 2005 der erste deutsche Papst nach 500 Jahren den Weltjugendtag in Köln besuchte, druckte das Blatt auf die Titelseite ein Fotomosaik mit 10.000 Bildern, das den Papst kurz nach der Wahl zeigte. Unter dem Motto der "Bild"-Schlagzeile "Wir sind Papst" wollte die Zeitung die Vielfalt der Menschen in Deutschland abbilden, die Benedikt XVI. in seiner Heimat willkommen hießen.

Prägnanz und Ambivalenz

Doch auch, wenn sich Kirchenmänner immer wieder gern der "Bild"-Zeitung bedienen, um ihre Botschaften unter das Volk zu bringen, schwingt immer auch eine gewisse Ambivalenz mit. Das Produkt "Bild" lebt von der Prägnanz der Botschaft, auch auf Kosten der Komplexität oder mitunter auch der Verkürzung des Sachverhalts. "Bild" und der Presserat sind in den vergangenen 70 Jahren keine Freunde geworden.

Der emeritierte Hamburger Weihbischof Jaschke lobte dennoch das Blatt zum 60. Geburtstag: "Bild gibt Glauben und Kirche – nicht nur den Katholiken – viel Raum: wohlwollend, sympathisch, oft auch mit menschlichem Touch". Doch wenn Persönlichkeitsrechte verletzt oder wenn Menschen bloßgestellt würden, "dann geht das nicht", unterstrich der Weihbischof. Aber Interviews im Boulevard böten ihm als Bischof die Chance, eine große Zahl von Menschen zu erreichen. "Natürlich muss ich einfach reden. Aber wenn ein Kirchenmann nicht klar, manchmal vielleicht holzschnittartig etwas zu sagen hat, ist er uninteressant", hob Jaschke hervor.

Kardinal Woelki setzt sich erneut gegen "Bild"-Zeitung durch

Weiterer Erfolg für Kardinal Rainer Maria Woelki gegen die "Bild"-Zeitung: Das Landgericht entschied, dass ein Bericht über eine "Vertuschungs-'Mafia'" im Erzbistum Köln eine unzulässige Verdachtsberichterstattung darstelle.

In der Corona-Pandemie schwang sich "Bild" gar zur Schutzherrin des Grundrechts auf Religionsfreiheit auf und kritisierte Schutzmaßnahmen, die auch die Kirchen einschränkten. Alexander von Schönburg, Mitglied der "Bild"-Chefredaktion und Kolumnist der konservativen katholischen Wochenzeitung "Die Tagespost", diskutierte für "Bild TV" mit dem häufig zugeschalteten traditionellen katholischen Priester Gerald Goesche: "Härtere Corona-Regeln in der Kirche als im Puff – Singen verboten, aber Sex ist erlaubt!"

Vermutlich hat der Einsatz der Zeitung gegen Corona-Beschränkungen und damit nicht zuletzt gegen die Maßnahmen der Bistumsleitungen den ein oder anderen frommen Katholiken erfreut. Ob dieselbe Gruppe ähnlich glücklich ist über die "Bild"-Artikel rund um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki?

Ambivalentes Verhältnis zu Benedikt XVI.

Hier will sich das Blatt offenbar an die Spitze der Aufklärer im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche schreiben. Das Rechercheteam "Spotlight" des Investigativreporters Nikolaus Harbusch hat dabei insbesondere den Umgang mit der Aufarbeitung im Erzbistum Köln ins Visier genommen.

In der Folge kam es bereits zu mehreren einstweiligen Verfügungen und einem laufenden Hauptsacheverfahren, mit dem Woelki gegen die Berichterstattung vorgeht und zum Teil bereits Erfolge erzielt hat. Er sieht sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt. Manche sprechen von einer Kampagne. "Bild" und Harbusch pochen dagegen auf die Pressefreiheit.

Ein ambivalenteres Verhältnis scheint sich zwischen dem Boulevard-Blatt und dem emeritierten Papst Benedikt XVI. gehalten zu haben, der gleichwohl wegen seines Umgangs mit dem Missbrauch nicht geschont wurde. Als im Vorfeld der Veröffentlichung des Münchener Missbrauchsgutachtens Anfang des Jahres Skepsis gegenüber der Veröffentlichung wuchs, ließ Benedikt ausgerechnet via "Bild" ("Papst Benedikt gibt Missbrauchsstudie den Segen") mitteilen: "Papst emeritus Benedikt XVI. begrüßt die Aufarbeitung in München sowie die Veröffentlichung des Gutachtens." Deshalb habe er "zur Aufarbeitung beigetragen". Erstaunlicherweise wurde "Bild" so zur Überbringerin der Botschaft von der Nähe des Emeritus zu den Betroffenen sexuellen Missbrauchs.

Von Simon Kajan (KNA)