Erfurts Bischof über die Planungen für das Christentreffen 2024

Neymeyr: Der große Run auf die Katholikentage ist vorbei

Aktualisiert am 27.06.2022  –  Lesedauer: 

Erfurt ‐ In zwei Jahren findet der Katholikentag in Erfurt statt. Im Interview blickt Bischof Ulrich Neymeyr auf das diesjährige Treffen in Stuttgart zurück und spricht sich für Reformen aus. Außerdem äußert er sich zu den Planungen für 2024 und der Frage, ob der Katholikentag aus Gender-Gründen umbenannt werden sollte.

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Vor einem Monat fand in Stuttgart der 102. Deutsche Katholikentag statt. Mit dabei war auch Bischof Ulrich Neymeyr, der einer der Gastgeber des nächstens Katholikentags 2024 in Erfurt ist. Im Interview mit katholisch.de blickt Neymeyr auf das Treffen in Stuttgart zurück und spricht dabei auch über dessen geringe Teilnehmerzahl und die Konsequenzen, die daraus folgen müssen. Außerdem äußert er sich zu den inhaltlichen Planungen für Erfurt, einer möglichen Fusion des Katholikentags mit dem Evangelischen Kirchentag und der Frage, ob der Katholikentag aus Gender-Gründen umbenannt werden sollte.

Frage: Bischof Neymeyr, als Gastgeber des nächsten Katholikentags 2024 in Erfurt haben Sie sicher besonders aufmerksam am diesjährigen Katholikentag in Stuttgart teilgenommen. Auf einer Skala von 1 – sehr schlecht – bis 10 – sehr gut –: Wie viele Punkte würden sie dem Treffen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt geben?

Neymeyr: Ich denke, ich würde ihm eine 7 bis 8 geben. Ich habe seit 1978 an allen Katholikentagen teilgenommen, von daher kann ich ganz gut vergleichen. Dass ich dem diesjährigen Treffen keine 10 Punkte gebe, liegt unter anderem daran, dass der Katholikentag in einer so großen Stadt wie Stuttgart immer etwas untergeht; er ist dort halt nur ein Angebot unter vielen. Kleinere Gastgeberstädte werden insgesamt viel stärker von Katholikentagen geprägt. Das ist atmosphärisch schöner.

Frage: Aber 7 bis 8 Punkte sind ja schon ziemlich gut. Können Sie sagen, was Ihnen in Stuttgart besonders gut gefallen hat und was Sie vielleicht für Erfurt übernehmen wollen?

Neymeyr: Ich bin immer ein großer Fan der Kirchenmeile, weil man an den Ständen gut mit Menschen ins Gespräch kommen kann. In Stuttgart wurde das noch durch das gute Wetter erleichtert, das dazu einlud, sich viel im Freien aufzuhalten. Darüber hinaus gab es auch viele interessante Veranstaltungen, und da fand ich die neue Option sehr hilfreich, sich vorher einen Platz buchen zu können. Davon haben, glaube ich, gar nicht so viele Teilnehmende Gebrauch gemacht. Trotzdem war das eine gute Sache, weil man mit einer entsprechenden Reservierung auch bei stark besuchten Veranstaltungen einen Platz sicher hatte.

Frage: Sie haben gesagt, dass der Katholikentag aufgrund der Größe der Stadt in Stuttgart etwas untergegangen sei. Dies lag aber doch sicher vor allem an der geringen Teilnehmerzahl von nur rund 20.000 Dauergästen. Wie bewerten Sie das?

Neymeyr: Natürlich, für eine so große Stadt wie Stuttgart und das dazugehörige Umland war die Teilnehmerzahl sehr gering. Das war schon auffällig – zumal der Anteil der Christen im Stuttgarter Raum ja noch durchaus hoch ist. Ich denke aber, dass wir uns generell darauf einstellen müssen, dass der große Run auf die Katholikentage vorbei ist. Schließlich kann auch die Corona-Pandemie nicht als Erklärung für die geringe Teilnehmerzahl dienen. Die Menschen gehen schon seit ein paar Monaten zu Tausenden wieder in Fußballstadien und Konzerte – nur zum Katholikentag sind sie nicht gekommen.

„Ich bin davon überzeugt, dass 500 Veranstaltungen für einen Katholikentag eigentlich ausreichend sind.“

—  Zitat: Bischof Ulrich Neymeyr

Frage: Was muss aus dieser Erkenntnis für künftige Katholikentage folgen?

Neymeyr: Ich denke, dass diese Entwicklung auch eine Chance sein kann. Die Katholikentage haben sich mit den Jahren immer mehr zu einem "Kessel Buntes" mit einer schier unübersichtlichen Fülle an Angeboten und Veranstaltungen entwickelt. Wenn wir davon ausgehen müssen, dass künftig deutlich weniger Menschen an den Katholikentagen teilnehmen werden, sollte dies auch eine notwendige Straffung des Programms zur Folge haben.

Frage: Mit wie vielen Teilnehmenden rechnen Sie 2024 in Erfurt?

Neymeyr: Wir planen derzeit mit 15.000 Teilnehmenden. Insofern ist auch schon klar, dass wir das Programm im Vergleich zum Stuttgarter Katholikentag mit seinen 1.500 Veranstaltungen tatsächlich deutlich reduzieren werden – übrigens auch aus Kostengründen, denn wir werden nur ungefähr die Hälfte der finanziellen Mittel zur Verfügung haben. Ich bin aber ohnehin davon überzeugt, dass 500 Veranstaltungen für einen Katholikentag eigentlich ausreichend sind. Das bedeutet allerdings auch, dass wir sicher nicht jedem Thema gleichermaßen Platz einräumen können.

Frage: Wenn Sie die Zahl der Veranstaltungen um zwei Drittel reduzieren wollen, wird das nicht ohne schmerzhafte Einschnitte im Programm gehen können. Wie wollen Sie dabei vorgehen? Was wäre aus Ihrer Sicht am ehesten verzichtbar?

Neymeyr: Es wird notwendig sein, den Katholikentag inhaltlich deutlich zu schärfen und für die Veranstaltungen klare Vorgaben zu machen. Wir werden in Erfurt nicht alle innerkirchlichen und gesellschaftspolitischen Fragen verhandeln können, sondern wir sollten uns auf wenige, wirklich wichtige Themenfelder konzentrieren. Aber diesbezüglich stehen wir bei den Planungen noch ganz am Anfang.

Bild: ©stock.adobe.com/Rammi76

Der Katholikentag in Erfurt (im Bild der Erfurter Domberg mit dem Dom (l.) und der Severikirche) soll vom 29. Mai bis 2. Juni 2024 stattfinden.

Frage: Bräuchte es für ein klareres inhaltliches Profil auch ein konkreteres Leitwort? "leben teilen" wie in Stuttgart war ja ziemlich unkonkret ...

Neymeyr: Ich weiß nicht, ob das Leitwort überhaupt so eine große Rolle spielt. Wenn man die Besucher bei den Katholikentagen fragen würde, würde vermutlich nur eine Minderheit das jeweilige Motto nennen können. "leben teilen" war sicherlich nicht besonders konkret, aber solch ein Leitwort wird immer eher allgemein bleiben müssen. Das Profil des Katholikentags muss man auf einer anderen Ebene schärfen.

Frage: Anders als manche Verantwortliche in Stuttgart haben Sie eben gesagt, dass die Corona-Pandemie nicht als Erklärung für die geringe Teilnehmerzahl beim diesjährigen Katholikentag dienen kann. Was aber waren dann die Gründe?

Neymeyr: Der Katholikentag ist als Veranstaltung offenbar nicht mehr so attraktiv, dass man ohne Weiteres erwarten kann, dass Tausende Katholiken oder auch andere Christen über mehrere Tage daran teilnehmen wollen. Das gilt anscheinend in besonderem Maße auch für junge Menschen, von denen nur auffällig wenige in Stuttgart dabei waren. Auch wenn man das Design der Veranstaltungen sicher nicht vergleichen kann: Am "Christival", dem Jugendfestival der Freikirchen, haben parallel zum Katholikentag 13.000 junge Menschen in Erfurt teilgenommen; da hat die Mobilisierung deutlich besser funktioniert. Insofern müssen wir mit Blick auf künftige Katholikentage auch überlegen, was für junge Menschen wichtig ist und was sie von einem Katholikentag erwarten.

Frage: Welche Rolle hat die Dauerkrise der Kirche gespielt? Haben sich angesichts des Missbrauchsskandals und der immer noch ausstehenden Reformen inzwischen auch die treuen Fans vom Katholikentag abgewendet?

Neymeyr: Das mag sein. Allerdings gab es in Stuttgart ja zahlreiche Möglichkeiten, sich über den Synodalen Weg und seine Reformvorhaben zu informieren und auch mitzureden.

„Ich würde beim Begriff 'Katholikentag' nie auf die Idee kommen, dass das nur eine Veranstaltung für Männer ist.“

—  Zitat: Bischof Ulrich Neymeyr

Frage: Fürchten Sie, dass der Relevanzverlust des Katholikentags, der in der Stuttgarter Teilnehmerzahl zum Ausdruck kommt, zu einer neuen Debatte über den finanziellen Zuschuss der Stadt Erfurt für den Katholikentag in zwei Jahren führen wird? Immerhin mussten Sie sehr dafür kämpfen, dass die Stadt das Treffen überhaupt unterstützt.

Neymeyr: Nein, ich erwarte nicht, dass es hier zu einer neuen Debatte kommt. Der Stadtrat als demokratisch legitimiertes Gremium hat 2018 auf unsere Bitte hin nach einer offenen Debatte und ohne Fraktionszwang mit deutlicher Mehrheit dafür gestimmt, den Katholikentag in Erfurt mit 600.000 Euro zu unterstützen. Dafür sind wir sehr dankbar. Unser Bistum wird übrigens die gleiche Summe beisteuern.

Frage: Was halten Sie von der Idee, künftig die Kräfte der beiden großen Kirchen zu bündeln und statt separaten Katholikentagen und Evangelischen Kirchentag nur noch gemeinsame Ökumenische Kirchentage zu veranstalten?

Neymeyr: Ich kann mir gut vorstellen, dass es in der Zukunft darauf hinauslaufen wird – auch weil die finanziellen Ressourcen beider Kirchen ja nicht größer werden. Wenn man ein Konzept entwickeln würde, dass die Gemeinsamkeit der beiden Kirchen und der Christen betont und zugleich der Verschiedenheit der Konfessionen gerecht wird, könnte das sicher auch inhaltlich gut funktionieren. Vielleicht kann der Katholikentag in Erfurt hier in gewisser Weise ein Vorreiter sein, denn ohne die tatkräftige Unterstützung, die uns der evangelische Kirchenkreis und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland bereits zugesagt haben, würden wir das Treffen gar nicht stemmen können.

Frage: Sie haben vorhin gesagt, dass Sie ein großer Fan der Kirchenmeile sind. In Stuttgart gab es allerdings die Kritik, dass es viel zu viele Stände gegeben habe und diese teilweise nicht nachvollziehbar gruppiert gewesen seien. Auch hier scheint eine Reduktion des Angebots notwendig zu sein, oder?

Neymeyr: Ja, ganz sicher. Unser Bistum präsentiert sich bei Katholikentagen und Kirchentagen schon seit vielen Jahren an einem gemeinsamen Stand mit dem Bistum Magdeburg, der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalts – unter dem Motto "Ökumene in der Mitte". Diese Art der Kooperation wäre sicher auch für viele andere Bistümer, Hilfswerke und Verbände möglich und sinnvoll – zumal das in der Tat zu einer heilsamen Reduzierung der Zahl der Stände auf der Kirchenmeile führen würde.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und DBK-Vorsitzender Georg Bätzing
Bild: ©picture alliance/dpa | Marijan Murat

An den Auftritten von Spitzenpolitikern wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (im Bild mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, bei der Eröffnung des Katholikentags in Stuttgart) will Bischof Neymeyr auch für Erfurt festhalten.

Frage: Katholikentage schmücken sich bislang gerne mit prominenten Politikern; auch weil das die eigene Relevanz unterstreichen soll. Aber ist dieses Schaulaufen von Bundespräsident, Bundeskanzler und Bundesministern nicht eigentlich verzichtbar?

Neymeyr: Ich denke, da muss man differenzieren. Es gab in Stuttgart ja auch Auftritte von Politikern, die die Menschen sehr beeindruckt haben. Nehmen Sie etwa die Bibelarbeit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Wenn Politiker auf Katholikentagen nicht nur zu politischen Themen Stellung nehmen, sondern zum Beispiel auch über ihren persönlichen Glauben sprechen, kann das sehr gewinnbringend sein. Und zu den Auftritten von Bundespräsident und Bundeskanzler: Das mag in den Augen mancher verzichtbar sein, aber es zeigt natürlich, dass die katholische Kirche gesellschaftspolitisch immer noch eine Rolle spielt. Insofern werden auch wir die Spitzenpolitiker ganz sicher nach Erfurt einladen.

Frage: Ähnlich wie beim Katholikentag 2016 in Leipzig wird das Treffen in Erfurt in einem stark säkularisierten Umfeld stattfinden; der Anteil der Katholiken in Ihrem Bistum beträgt gemessen an der Gesamtbevölkerung nur rund 8 Prozent. Welche Rolle werden diese Minderheitensituation und die Erfahrungen Ihres Bistums damit 2024 spielen?

Neymeyr: Das wird sicher eine große Rolle spielen. Wir haben in den vergangenen Jahren ja bereits viele Projekte gestartet, um mit der nichtchristlichen Mehrheitsbevölkerung ins Gespräch zu kommen – Stichwort Glaubenskommunikation – und diesen Menschen konkrete Angebote zu machen. Nehmen Sie etwa die Lebenswendefeiern als Alternative zur immer noch verbreiteten Jugendweihe oder die Segnungsgottesdienste am Valentinstag. Das sind erprobte Angebote, die sicher in gewisser Weise Vorbildcharakter auch für andere Bistümer haben können.

Frage: Vereinzelt gibt es Forderungen, den Katholikentag als Zeichen der Gleichberechtigung der Geschlechter in Katholik*innentag umzubenennen: Wie stehen Sie dazu?

Neymeyr: Das sehe ich kritisch. Zum einen würde ich beim Begriff "Katholikentag" nie auf die Idee kommen, dass das nur eine Veranstaltung für Männer ist. Und zum anderen missfällt mir grundsätzlich die Gender-Schreibweise mit Stern oder Unterstrich; das halte ich beides nicht für die richtige Lösung. Wenn überhaupt könnte ich mir vorstellen, dass man sich im stärkeren Zugehen auf Ökumenische Kirchentage irgendwann ganz vom Begriff "Katholikentag" verabschiedet. Dann hätte man dieses vermeintliche Problem gelöst.

Von Steffen Zimmermann