Mr. und Mrs. 10.000 Volt

Glühwürmchen erhellen zur Paarungszeit unsere Nächte

Aktualisiert am 27.06.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Bonn ‐ In manchen Kulturen sieht man in ihnen die Seelen von Verstorbenen: Glühwürmchen erhellen die schönsten Nächte des Jahres. Ein Naturphänomen im Hochsommer, das die Menschen seit jeher fasziniert – doch die Geschöpfe werden weniger.

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Wenn dieser Tage zu später Stunde wieder Leuchtpünktchen durch unsere Gärten tanzen, dann reagiert Luciferin mit Adenosintriphosphat und Sauerstoff. Wie bitte? – Nun, es geht hier um Oxidation; um Licht in der Nacht – und um Brautschau. Die Rede ist von Leuchtkäfern, vulgo "Glühwürmchen". Sie erhellen zur Paarungszeit unsere Sommernächte. Mit ihrer Leuchtkraft beeindrucken sie die Weibchen, die dann ihrerseits am Boden zu leuchten beginnen – und sich ihren Mister 10.000 Volt erwählen.

Seit jeher fasziniert den Menschen jenes Naturphänomen, bei dem der Leuchtkäfer durch chemische Reaktion Energie freisetzt: sogenannte Biolumineszenz. Freilich haben wir noch nicht allzu lang die naturwissenschaftlichen Grundlagen dafür erkannt – und suchten uns so andere, häufig abergläubische Erklärungen. Im alten China etwa standen Glühwürmchen als Sinnbild für arme Studenten, denen man nachsagte, das nächtliche Studium nur mit ihrer Hilfe bewerkstelligen zu können.

Auch Heilige sind Namensgeber

Im Volksmund wird der Leuchtkäfer häufig "Johanniswürmchen" genannt, jahreszeitlich eng verbandelt mit dem Mittsommer und dem Johannistag Ende Juni, um den herum ihre saisonale Hoch-Zeit in manchen tieferen Regionen beginnt. In Teilen Bayerns sprach man auch vom "Sunnwendvögelein". Auch viele Heilige, männliche wie weibliche, standen als Namensgeber Pate. So wurden Leuchtkäfer mancherorts "Catlena" oder "Santa Chiara" genannt. Die meisten Bezeichnungen beziehen sich aber auf die Funktion: das Glimmen; so im Althochdeutschen "gleimo" und im Mittelhochdeutschen "glime".

So ungezählt wie es selbst sind die regionalen Namen, etwa das "Johannesförzelchen" im Bergischen oder der "glemmoors" (Glimmarsch) im Raum Lübeck. Im Schwedischen ist die "lysmask" (Lichtraupe) überliefert, aus dem italienischen Lecce das "cento-lume" (hundert Lichter) und aus Ascoli das "lucciola-a-cappella" – denn die übermütigen Jungs dort steckten sich den Käfer offenbar zur späten Dämmerung an den Hut.

Bild: ©Ivan Kuzmin

Das Glühwürmchen: ein "Highlight des Hochsommers".

Biologisch übrigens grundverkehrt, denn die flugunfähigen Weibchen verkriechen sich über Tag stets am gleichen Ort. Sich woanders neu zurechtzufinden, geht an ihre begrenzten Energiereserven, die sie dringend zur Fortpflanzung benötigen. Beide Partner sterben nur wenige Tage nach der Paarung.

Inhalt von Sagen

In manchen Kulturen und Regionen sah man in Glühwürmchen ohnehin schon die Seelen von Verstorbenen. Entsprechend wurden sie etwa in Teilen Italiens und Frankreichs auch "Totenlichter, "Totenlaterne" oder "Kleine Gevatterin" gerufen. Laut einer mährischen Sage rettete ein Schutzengel einen im Gebirge Verlaufenen, indem er als Glühwurm vor ihm herflog und ihm so den Weg wies. Plinius der Ältere deutete den Leuchtkäfer in seiner "Naturgeschichte" als landwirtschaftliches Orakeltier. Glühte er, dann hieß es: Gerste ernten, Hirse säen.

Beschrieben schon längst seit der Antike, kam es mit den Würmchen doch erst vor rund 250 Jahren in Ordnung: Der schwedische Naturforscher Carl von Linne (1707-1778) schuf mit seinen binären Verzeichnissen die Grundlagen der modernen biologischen Systematik. Zu jeder beschriebenen Art gab er mit dem Namen der Gattung zusätzlich einen einzigen Artnamen an, der die bisherigen, teils sehr langen beschreibenden Wortgruppen ersetzte.

Glühwürmchen werden weniger

In diese Nomenklatur nahm er 1767 auch den Kleinen Leuchtkäfer (Lamprohiza splendidula) auf. Genau 50 Jahre später, 1817, folgte der Große Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca), beschrieben und systematisiert von einem weiteren Begründer der modernen Insektenkunde, dem Franzosen Pierre Andre Latreille (1762-1833).

Ob Orakel, Omen, Ordnungsnummer oder Oxidierer: Die Glühwürmchen werden spürbar weniger. Am besten sucht man sie in warmen Hochsommernächten an Wald- und Wegrändern, in hohen Wiesen und Parkanlagen, an Böschungen und Bahndämmen. Je nach Temperatur und Klima verschiebt sich die Leuchtperiode von Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort. Besonders die Weibchen leuchten auch bei (warmem) Regen. Im sächsischen Oberwiesental wurden vor einigen Jahren bei einer öffentlichen Suchaktion Exemplare noch Anfang August gesichtet – auf 1.039 Meter Höhe.

Von Alexander Brüggemann (KNA)