Diakon über die Gedenkbücher in der Autobahnkirche Himmelkron

50 Bücher voll mit Bitten, Klagen und Dankesworten

Aktualisiert am 26.06.2022  –  Lesedauer: 

Himmelkron ‐ In der Autobahnkirche Himmelkron stehen fast 50 Bücher voll mit Bitten und Dankesworten der Kirchenbesucher. Doch vor allem auch das Gedenkbuch an mehr als 300 Verkehrstote mache nachdenklich, erzählt Diakon Matthias Bischof. Zwei schwere Autounfälle hat er selbst schon überlebt.

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Es sind fast 50 Bücher, die in der Autobahnkirche Himmelkron stehen. Voll mit Bitten, Klagen und Dankesworten. Die Besucher der Kirche haben sich ihre Emotionen von der Seele geschrieben. Fast 25 Jahre lang. So lange gibt es diese Autobahnkirche schon an der A9 zwischen Bayreuth und Fichtelgebirge. Jährlich sind es bis zu zwei Bücher, die vollgeschrieben werden, erzählt Matthias Bischof, der Diakon in der dazugehörenden Kirchengemeinde Bad Berneck ist.

Es berühre ihn sehr, wenn er darin blättere. Viele Kirchenbesucher schreiben sehr offen und persönlich, was sie belastet. Die meisten machen zwar nur kurz Halt in der Autobahnkirche, aber ihre Anliegen lassen sie hier, so Bischof. "Der Wunsch nach einer guten Ehe, das Gebet für einen Verstorbenen, die Bitte für ein krankes Kind. Ihre Anliegen tragen wir alle vor Gott", so Bischof. In einem eigenen Gottesdienst, den er viermal im Jahr gemeinsam mit dem Ortspfarrer Michael Osak gestaltet, wird aus den Büchern vorgelesen und für die Anliegen der Menschen gebetet. Alles ist bei Gott aufgehoben. Die Bücher werden daher nicht weggeworfen, sondern gesammelt und in der Kirche archiviert, erklärt der Diakon.

Bild: ©David Heidenreich

In der Autobahnkirche Himmelkron erinnert ein Gedächtnisbuch an die im Straßenverkehr tödlich verunglückten Menschen.

In der Kirche liegt neben dem Anliegenbuch noch ein weiteres: Das Gedächtnisbuch. Darin sind schon mehr als 300 Namen von Menschen eingetragen, die aufgrund von Verkehrsunfällen auf der Straße gestorben sind. Vermerkt sind das Geburts- und Sterbedatum, der Name und der Unfallort. Manchmal steht auch der Grund des Unfalls dabei, erklärt Bischofs Frau, Sonja Bischof. Sie nimmt die Todesanzeigen entgegen. Als Pfarramtssekretärin prüfe sie erst die Daten und hole das Einverständnis der Angehörigen ein, bevor sie die Gedenkseite für einen Verstorbenen in das Gedenkbuch der Kirche einheftet. Denn manche besuchen bewusst am Jahrestag des Unfalls die Autobahnkirche, um sich hier an den Verstorbenen zu erinnern. Sie blättern in dem Buch oder zünden eine Kerze bei der Marienstatue an. Dies könne bei der Verarbeitung des Schicksals und beim Trauern helfen, so Bischof.

Es seien oft sehr schlimme Unfälle, die auch ihn belasten, gesteht ihr Mann. So habe ihn der Tod einer jungen Frau sehr berührt. Sie war Fahranfängerin und nachts nach einem Diskobesuch noch auf der Autobahn unterwegs. Ausgerechnet kurz vor der Ausfahrt Himmelkron sei die Tragödie passiert. Einem Geisterfahrer konnte sie nicht mehr ausweichen. Die 19-Jährige überlebte den Zusammenprall nicht. Oder der Tod eines 13-jährigen Jungen, der als Beifahrer bei einem Unfall starb. Es müsse schlimm für Eltern sein, wenn man sein Kind auf so plötzliche Weise verliere, so der Diakon. Als Familienvater kenne er die Sorgen um die eigenen Kinder. Auffallend sei, dass in dem Buch sehr viele Namen von jungen Menschen eingetragen seien, die auf der Straße tödlich verunglückt sind. Er wisse auch von einer Familie, die ihre drei Kinder nacheinander durch Verkehrsunfälle verloren habe. So ein Schicksal belaste die Betroffenen ein Leben lang, sagt der Seelsorger. In so einer schrecklichen Situation könne er selbst nur schweigen und mitweinen.

Bild: ©David Heidenreich

Bei einer Marienstatue können die Besucher der Autobahnkirche Himmelkron Kerzen entzünden.

"Einmal im Monat kommt ein neues Gedenkschreiben herein", erzählt seine Frau. Es sind Schicksale aus ganz Deutschland. Einmal jährlich wird in einem eigenen Gedenkgottesdienst an alle Verstorbenen erinnert. Dieses Jahr ist dieses Gedenken am Tag der Autobahnkirche. Diakon Bischof gestaltet die Andacht. "Wir beten besonders für die in diesem Jahr auf der Straße getöteten Menschen und deren Familien.", sagt Bischof. Alle Namen der Verstorbenen werden laut vorgelesen und ins Gebet genommen, so der Diakon. Der Gottesdienst soll aber auch eine Mahnung an alle Fahrer sein, umsichtig und vorsichtig auf die Straße zurückzukehren. Daher mache er nach dem Gottesdienst meist eine Autosegnung. Er segne jedoch vielmehr die Fahrerinnen und Fahrer, damit sie heil und gesund ankommen. Verteilt werden auch Rosenkränze und Christophorus-Plaketten. Auch die Himmelkroner Autobahnkirche ist Christophorus gewidmet, dem Schutzpatron aller Reisenden.

Bischof hat so eine Plakette auch in seinem Auto angebracht. Er glaubt an diese besondere Schutzkraft. Zwei schwere Autounfälle hat er selbst schon überlebt. Vor einigen Jahren überschlug er sich mit seinem PKW. Gott sei Dank sei ihm nichts passiert. "Ich hatte einen Schutzengel", ist er sich sicher. Nach dem Unfall wurde ihm bewusst, wie schnell ein Leben von einer Sekunde auf die nächste vorbei sein kann. "Man kann nur dankbar sein", sagt er.

Bild: ©David Heidenreich

Brennende Kerzen in der Autobahnkirche St. Christophorus in Himmelkron. Mit jeder ist eine Anliegen verbunden.

Erst kürzlich habe in der Autobahnkirche Himmelkron ein junges Paar geheiratet. Einer von den beiden hatte einen schweren Unfall überlebt, weiß Bischof von Pfarrer Osak. Aus Dankbarkeit darüber wollten die beiden unbedingt in der Autobahnkirche ihr gemeinsames Leben unter den Schutz Gottes stellen. Das habe ihn sehr beeindruckt, so Bischof. Auch Taufen werden regelmäßig hier abgehalten. Denn die Autobahnkirche Himmelkron ist gleichzeitig auch die Filialkirche der Pfarrgemeinde. Und eine von 47 Autobahnkirchen in Deutschland

Manche Kirchenbesucher stoßen auf ihrer Durchreise nur zufällig auf Himmelkron, das im Erzbistum Bamberg liegt. Schon von weitem könne man die Kirche von der Autobahn aus sehen, die aufgrund ihrer in die Höhe strebenden Bauweise auch "Himmelkroner Sprungschanze" genannt wird. Man müsse zwar von der Autobahn ein Stück weit abfahren, aber es lohne sich, so Bischof.

"Auftanken kann hier jeder, egal woher er kommt oder welcher Religion er angehört", erklärt er. Der offen gestaltete Meditationsraum der Kirche lade dazu ein, einfach abzuschalten. "Himmelkron ist eine Oase der Stille und Ruhe, auch wenn man draußen den Lärm der Straße hört", ergänzt er.

Ein begehbares Labyrinth vor der Kirche lade dazu ein, sich nach allen Wendungen und Rückschlägen im Leben wieder neu auf die Mitte hin auszurichten, auf Gott. Deshalb steht in der Mitte der Kirche auch das Kreuz. Die hellen Fenster ziehen den Blick der Kirchenbesucher nach oben hin zum Himmel. "Ich glaube fest daran, dass wir unsere Verstorbenen eines Tages wiedersehen und dass sie in Gottes Liebe geborgen sind", so der Diakon. Wenn Menschen in unserer Kirche Trost und ein Stückchen Hoffnung für ihr Leben finden, sei er froh. Dafür sei die Autobahnkirche Himmelkron da. "Alle Anliegen sind bei uns gut aufgehoben", so der Diakon. "Und bei Gott".

Von Madeleine Spendier