Standpunkt

Leben zu schützen heißt, Frauen ein Leben ohne Angst zu ermöglichen

Aktualisiert am 27.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Nach der Entscheidung zur Abschaffung des "Werbeverbots" für Abtreibungen reflektiert Anna Grebe über den Umgang der Kirche mit von ihrer Lehre abweichenden Meinungen. Angst sei ein machtvolles Mittel, um Menschen zum Schweigen zu bringen.

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Am Donnerstag hat der Deutsche Bundestag den Paragrafen 219a StGB gekippt, der den Zugang zu Informationen im Falle einer ungewollten Schwangerschaft und der Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs regelte.

Was ich nun schreibe, könnte mir von einem katholischen Dienstgeber als Propagierung von Abtreibung und damit als Kündigungsgrund ausgelegt werden. Wenn ich darauf aufmerksam mache, dass es sich bei Paragraf 219a um ein Informationsverbot und nicht um ein Werbeverbot gehandelt habe und wir auch jetzt nicht damit rechnen müssen, dass an deutschen Landstraßen großflächige Werbebanner schwangeren Personen einen Abbruch anpreisen wie eine Bratwurst an der nächsten Raststätte. Oder wenn ich um etwas mehr Differenziertheit bitte, wenn in katholischen Milieus vom "Dammbruch" gesprochen wird und in Kürze zu erwarten sei, dass Paragraf 218 auch fällt und damit die Abtreibung zum Verhütungsmittel Nummer 1 für die säkulare Frau werden könnte. Oder wenn ich darauf hinweise, dass es die Aufgabe von Seelsorge ist, schwangeren Menschen in Notsituationen beizustehen, egal ob sie sich für die Schwangerschaft oder deren Abbruch entscheiden.

Es wäre naiv zu glauben, dass diese Aussagen in unserer Kirche nicht dafür sorgen könnten, eine unliebsame Arbeitnehmerin oder eine engagierte Ehrenamtliche loszuwerden (ganz zu schweigen von der "Fanpost", die Autorinnen wie ich erhalten). Die Zeugnisse von #OutInChurch haben gezeigt: Angst ist ein machtvolles Mittel, um Menschen zum Schweigen zu bringen. Und es passiert häufiger, als wir es uns eingestehen wollen.

Was wir uns eingestehen müssen: Auch gläubige Katholikinnen treiben ab. Manche, weil sie nach Geburt des Kindes keine weitere Unterstützung erwarten können. Manche, weil sie schon Kinder haben. Und manche, weil sie Gewalt erfahren haben. Leben zu schützen heißt, das Recht einer Frau auf Selbstbestimmung zu achten. Und ihnen ein Leben ohne Angst zu ermöglichen.

Von Anna Grebe

Die Autorin

Dr. Anna Grebe ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sowie Mitglied im Diözesanrat des Erzbistums Berlin und arbeitet als Beraterin und Referentin an der Schnittstelle von Jugendarbeit und Politik.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.