ZdK-Generalsekretär über Planungen für Treffen in Erfurt 2024

Frings: Wir müssen das Format Katholikentag auf jeden Fall verteidigen

Aktualisiert am 05.07.2022  –  Lesedauer: 
Marc Frings ist neuer Generalsekretär des ZdK
Bild: © katholisch.de

Berlin ‐ Der Katholikentag in Stuttgart ist erst seit wenigen Wochen vorbei, doch die Planungen für das nächste Treffen in Erfurt in zwei Jahren haben schon begonnen. Im katholisch.de-Interview verrät der Generalsekretär des ZdK, Marc Frings, was den kommenden Katholikentag prägen wird.

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Der jüngste Katholikentag in Stuttgart hat in den Medien ein geteiltes Echo hervorgerufen: Die realtiv geringe Teilnehmerzahl von mehr als 20.000 Menschen wurde als Krise des Großevents gedeutet; die Wiedersehensfreude bei einem Treffen dieser Größenordnung nach den zwei Jahren der Pandemie wurde als großes Plus gesehen. Im Interview spricht der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Marc Frings, über die Bilanz von Stuttgart und die Lehren für den kommenden Katholikentag in Erfurt 2024.

Frage: Es ist jetzt etwas mehr als fünf Wochen her, dass der Katholikentag in Stuttgart zu Ende gegangen ist. Wie fällt mit diesem zeitlichen Abstand Ihre Bilanz des Treffens aus?

Frings: Insgesamt gut. In den Auswertungsrunden, die wir bislang durchgeführt haben – das waren die ehrenamtlichen Gremien des Katholikentags, wie etwa die Programmkommission – konnte ich eine große Zufriedenheit darüber ausmachen, dass es ist in Stuttgart wieder gelungen ist, in Präsenz zusammenzukommen. In den vergangenen Jahren konnten viele kirchliche und gesellschaftliche Ereignisse wegen der Pandemie einfach nicht stattfinden, da war der Katholikentag ein Eisbrecher. Wir haben aber auch die Teilnehmenden befragt und warten noch auf die genauen empirischen Erkenntnisse. Zudem holen wir die Meinung derjenigen ein, die sonst bei den Katholikentagen dabei waren, nun aber nicht nach Stuttgart gekommen sind. Wir wollen herausfinden, woran das lag: War es die Kirchenkrise, die Corona-Pandemie oder ein verändertes Partizipationsverhalten?

Frage: Was wird – verglichen mit Stuttgart – beim Katholikentag in Erfurt 2024 anders werden? Bischof Neymeyr hat jüngst eine Straffung des Programms gefordert.

Frings: Der Katholikentag wird auf jeden Fall kompakter sein, mit weniger Bühnen und weniger Formaten. Aber auch mit einer überschaubareren Programmanzahl werden wir weiterhin viele Interessen und Themen abdecken. Über die Planzahlen müssen die Gremien des 103. Katholikentags entscheiden. Wir werden schlankere ehrenamtliche Strukturen etablieren müssen, denn wir haben unsere Ehrenamtlichen in den vergangenen Jahren massiv gefordert, beim Katholikentag, beim Ökumenischen Kirchentag und auch beim Synodalen Weg. Das darf man nicht unterschätzen. Das Programm eines Katholikentags entsteht von unten nach oben, es gibt Arbeitskreise für alle wichtigen Themen. Hier müssen wir Kräfte bündeln, um mit weniger Arbeitskreisen sicherstellen zu können, dass das Gerüst des Treffens partizipativ geplant wird. Wir wollen hier eine gute Ehrenamtspolitik vorleben.

Frage: Wie weit ist das ZdK mit den Planungen?

Frings: Ein Katholikentag ist ein Großereignis, das zwei bis drei Jahre Vorlauf an Planung benötigt. Deshalb sind wir bereits mitten in der konzeptionellen Erarbeitung. Außerdem haben wir in Erfurt eine komplett andere Rahmensituation als in Stuttgart: Wir werden in der Diaspora sein, in einer Stadt und einem Bundesland, in dem Christen eindeutig in der Minderheit sind. Wir werden aber auch in einem Bistum sein, das andere finanzielle Gegebenheiten aufweist. Wir planen schon allein deshalb grundsätzlich anders und legen nun die Erfahrungen von Stuttgart dazu. Wir haben festgestellt, dass neben den inhaltlichen Veranstaltungen der Vernetzungscharakter für die Teilnehmenden besonders wichtig war. Man trifft bei einem Katholikentag alte Bekannte und Freunde, nimmt Anregungen für den beruflichen und ehrenamtlichen Kontext mit. Wir denken grundsätzlich über die Veranstaltungen nach: Ich gehe davon aus, dass wir in kreative Formate, wie Werkstätten und interaktive Angebote, viel mehr investieren müssen.

Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hat 2024 den kommenden Katholikentag in seiner Bischofsstadt zu Gast.

Frage: Ist dieses Gefühl eines Klassentreffens der katholischen Blase, das Sie beschrieben haben, die Zukunft des Katholikentags? Fehlt da nicht der Anspruch des deutschen Laienkatholizismus, in die Gesellschaft hineinzuwirken?

Frings: Wir dürfen das eine nicht lassen, ohne das andere zu tun. Ein Katholikentag ist kein Fachkongress, sondern hat eine sehr breite Zielgruppe vor Augen. Das ist eine Herausforderung, denn er geht über einen recht langen Veranstaltungszeitraum von fünf Tagen – und die Menschen scheinen immer weniger bereit zu sein, sich so viel Zeit in ihrem Kalender zu reservieren. Aber gerade mit Blick auf den kommenden Katholikentag in Erfurt sollte es unser Anspruch sein, uns als Katholiken einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen, die nicht kirchlich ist. Das nicht, dass wir unseren Sinngehalt als konfessionelle Veranstaltung entleeren. Wir kommen mit eigenen Werten und Überzeugungen – die wir aber kritisch diskutieren wollen. Wir sind als katholische Kirche trotz der sehr hohen Austrittszahlen weiterhin eine wichtige Gesprächspartnerin für die Zivilgesellschaft, denn immer noch gehören mehr als 20 Millionen Menschen zu uns. Diese Zahl an Mitgliedern haben nicht viele Organisationen aufzuweisen.

Frage: Auf Twitter haben Sie mit einem persönlichen Post um Rückmeldung zu Stuttgart gebeten. Wie war das Feedback auf den Tweet – anders als die Hinweise aus den Gremien?

Frings: Das war sehr spannend. Mit meinem Tweet hatte ich über 20.000 Interaktionen hervorgerufen. Aus den Rückmeldungen wurde ersichtlich, dass wir es in der Vermarktung des Katholikentags zum Beispiel versäumt haben, auf die vielen Möglichkeiten zur Kinderbetreuung und das breite Programm für die Kleinen und auch für Jugendliche mehr hinzuweisen. Darauf werden wir in Zukunft achten. Außerdem fand ich gut, dass ein größerer Methodenmix eingefordert wurde – Stichwort Barcamp. Und es kam die Frage auf, wie jüngere Zielgruppen erreicht werden können. Es gilt mit Blick auf Erfurt einen Generationenwechsel einzuleiten.

Frage: Wenn wir auf die relativ geringe Teilnehmerzahl von Stuttgart schauen: Ist die Zeit vorbei, in der die Katholikentage von großen Menschenmassen besucht werden?

Frings: Bischof Neymeyr hat davon gesprochen, dass der große Run auf die Katholikentage vorbei sei. Dem möchte ich mich so pauschal nicht anschließen, denn dazu fehlen uns bislang noch die empirischen Erkenntnisse. Man muss bei dieser Frage vorsichtig sein, weil der vorige Katholikentag 2018 in Münster bei der Teilnehmerzahl ein Ausreißer nach oben war, mit dem sich kein anderer Katholikentag sinngebend vergleichen kann. Ich glaube, dass wir auch in Zukunft mehr Menschen für die Katholikentage mobilisieren können als es in Stuttgart der Fall war. Es war wegen Corona zudem eine Sondersituation. Ansonsten haben wir die Rückmeldungen bekommen, dass die Veranstaltungen etwa zur Kirchenkrise sehr gelungen waren. Das Interesse an diesen Themen rund um den Synodalen Weg war da und die Stimmung sehr konstruktiv.

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Frage: Könnte der Katholikentag der Kirchenkrise zum Opfer fallen?

Frings: Wir müssen das Format Katholikentag auf jeden Fall verteidigen. Ich finde, dass es wenige Formate dieser Breitenwirkung in Deutschland gibt. Die Politik sollte ein großes Interesse daran haben, dass Kirchen- und Katholikentage weiterhin funktionieren, weil sie genau das anbieten, was viele Menschen vermissen: Begegnung, Gespräch und Gemeinschaft.

Frage: Nun war es aber auch so, dass die Spitzen der CDU nicht nach Stuttgart gekommen sind.

Frings: Erstmal müssen wir festhalten, dass die Politik beim Katholikentag gut vertreten war: Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundestagspräsidentin, mehrere Mitglieder des Bundeskabinetts, zudem Vertreterinnen und Vertreter aus den Bundesländern. Die CSU war mit Manfred Weber als mittlerweile gewähltem EVP-Vorsitzenden vertreten, aber der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz war nicht da – das stimmt leider, hatte aber private Gründe. Mehrere Bundesministerinnen und -minister hatten zugesagt, aber der Krieg in der Ukraine hat dazu geführt, dass es viele kurzfristige Absagen gab. Wir müssen uns insgesamt mehr erklären als in früheren Jahren: Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Parlamentarier selbst durch eine katholische Verbands- oder Ratserfahrung gegangen sind.

Frage: Die Finanzierung von Katholikentagen ist ein zunehmend größeres Problem. Wie schwierig ist es für Sie als ZdK, Gastgeber für die Treffen zu finden?

Frings: Man muss zunächst sagen, dass wir mit Bischof Neymeyr einen ganz großartigen Gastgeber für Erfurt gefunden haben, weil er selbst ein passionierter Katholikentagsbesucher ist. Er hat bei der konstituierenden Sitzung der Katholikentagsleitung erzählt, dass er seit 1978 bei jedem Katholikentag war und auch noch alle Tickets davon besitzt. Man merkt bei ihm, dass er wirklich begeistert vom Format ist und große Lust hat, es mit uns zu gestalten. Ich denke, dass ein Katholikentag in Erfurt bestimmte Prozesse massiv beschleunigen kann. Erfurt kann eine gute Visitenkarte sein. Wir werden dort zeigen können, dass die Wahl eines Katholikentagsstandorts nicht davon abhängen muss, wie reich eine Diözese ist. Das ist also eine Riesenchance, auch unter dem Anspruch der kirchlichen Erneuerung. Wir werden 2024 noch deutlicher sehen, was der Synodale Weg erreicht hat. Auch die Weltbischofssynode wird gelaufen sein. Wir werden für das kirchliche Leben in Deutschland eine klarere Standortbestimmung haben. Ich merke, dass man durch eine Drucksituation Veränderungen manchmal leichter ermöglichen kann.

Katholikentag in Stuttgart
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Teilnehmer klatschen in die Hände während des Podiums zu Klimagerechtigkeit und Migration beim 102. Deutschen Katholikentag in Stuttgart.

Frage: Aber wenn wir schauen, wo der Katholikentag nach Erfurt stattfinden wird, wird es doch sicher auch schwieriger, Gastgeber für die Katholikentage zu finden – besonders mit Blick auf die finanziellen Anforderungen…

Frings: Die finanzielle Belastung ist das eine. Das andere ist die Frage, die sich die verfasste Kirche auch stellen muss: Wie viele Gelegenheiten gibt es, Katholikinnen und Katholiken zu versammeln, die ein fröhliches Gesicht machen? Das ist natürlich überspitzt formuliert, aber jedem ist klar, dass die Kirche uns im Moment nicht nur Freude bereitet. Der Katholikentag in Stuttgart hat an dem Tiefpunkt, an dem wir uns in der Kirche gerade befinden, eine sehr gute Stimmung erzeugt. Gerade bei den kulturellen Veranstaltungen hatten wir oft volles Haus. Kurzum: In Stuttgart herrschte ein guter Geist. Das ist ein Pfund, mit dem die Kirche weiterhin werben kann und sollte, denn die Krise wird nicht morgen vorüber sein. Da sollte eigentlich ein guter Wettbewerb unter den Bischöfen vorhanden sein, Gastgeber für einen Katholikentag zu werden.

Frage: Nach Stuttgart wurden Stimmen laut, die eine konsequent ökumenische Ausrichtung des von Katholikentag und Kirchentag gefordert haben, also eine Zusammenlegung. Das ist doch eine gute Idee, oder?

Frings: Grundsätzlich sind wir im ZdK sehr dafür, die Ökumene zu stärken – im Moment eben bei den noch getrennten Formaten Kirchen- und Katholikentag. Aktuell laufen erste Sondierungsgespräche an, wie ein vierter Ökumenischer Kirchentag aussehen kann. Wir haben getrennte organisatorische Vorlaufszeiten, die man dabei berücksichtigen muss. Der Kirchentag ist immer etwas langfristiger unterwegs, weil er eine andere Finanzierungssituation als wir hat. Insgesamt merken wir, wie sich Katholiken- und Kirchentage in der Machart immer mehr annähern. Wie lange sich dieses System in dieser Getrenntheit halten kann, wird sich zeigen.

Frage: Zum Schluss eine persönliche Frage: Stuttgart war Ihr erster Katholikentag als Generalsekretär des ZdK. Wie war das Treffen für Sie?

Frings: Es war ein langer intensiver Tunnel, denn wenn man als Generalsekretär auf den Katholikentag geht, hat man eine Excel-Tabelle mit Terminen, die morgens um 7.30 Uhr beginnen und manchmal nachts um 2.30 Uhr enden. Im 30-Minuten-Takt jagt ein Termin den nächsten. Es war also immer ein großer Kampf, den Katholikentag selbst zu erleben, etwa auf der Kirchenmeile, oder sich herauszunehmen, bei bestimmten Terminen einfach eine halbe Stunde länger zu bleiben, als die Tabelle eigentlich vorschreibt. Es gab viele spannende Zufallsbegegnungen mit Menschen. Das habe ich sehr genossen. Außerdem habe ich mir ein kleines eigenes Format gegönnt: "Frings fragt". Ich habe jeden Tag eine Stunde lang eine Frau des öffentlichen Lebens interviewt, zwei Politikerinnen und eine Schriftstellerin. Dabei ging es um ihre Herkunft und das, was sie antreibt. Es wurde klar, wie wichtig die Kirche ihnen ist, auch wenn sie, wie etwa im Fall von Claudia Roth und Bärbel Bas, ausgetreten sind. Man schätzt uns als gesellschaftlichen Akteur und wünscht uns Erfolg beim laufenden Reformprozess. Die Gespräche wurden von den Besuchern des Katholikentags gut angenommen. Darauf darf man sich sicherlich auch in Erfurt freuen.

Von Roland Müller