Standpunkt

Informationen an Gräbern von Bischöfen vermeiden neue Gräben

Aktualisiert am 30.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Wie soll die Kirche mit Bischöfen umgehen, die bei der Verfolgung von Missbrauch versagt haben? Für Thomas Winkel ist bei dieser Frage das Vorgehen des Bistums Münster beispielhaft: Info-Tafeln klären über das Fehlverhalten der Oberhirten auf.

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Die zu Wochenbeginn veröffentlichten Horrorzahlen zu den Kirchenaustritten haben viele Schlagzeilen ausgelöst. Ebenso wie vorher die Missbrauchsgutachten in den (Erz-)Bistümern Köln, München und Münster. Doch die in Westfalen verkündete erste Konsequenz aus der Studie fand zumindest in überregionalen Medien so gut wie kein Echo. Schade, denn die kleine Aktion ist ein starkes Symbol.

Sichtbarster Teil aus einem Bündel von Maßnahmen ist die vorläufige Schließung der ehrwürdigen Bischofsgruft im Dom zu Münster. Am schmiedeeisernen Tor erklärt ein Schild, ein Besuch der Grablege sei derzeit "nicht möglich". Dort sind drei frühere Bischöfe begraben, die laut Untersuchung beim Umgang mit Missbrauchsfällen schwere Fehler gemacht haben. "Ich werde die Toten ruhen lassen, die Wahrheit aber muss ans Licht", begründet der amtierende Bischof Felix Genn den ungewöhnlichen Schritt.

Dieses Unterscheiden und Abwägen halte ich für angemessen, ja beispielhaft. Mich erinnert es an ein Aufsehen erregendes Urteil des Bundesgerichtshofs von Mitte Juni: Demnach muss eine antijüdische Skulptur an der Wittenberger Stadtkirche zwar nicht entfernt werden, aber: Es muss Erläuterungen geben in unmittelbarer Nähe. Hier wie da geht es also nicht um ein Ausradieren und Auslöschen, sondern um ein Vervollständigen - so dass ein Gesamtbild entsteht, das der Wahrheit möglichst nahe kommt.

In Münster sollen außerdem Missbrauchsbetroffene mitreden können, wie das Gedenken an die Bischöfe gestaltet wird. Die Perspektive der Opfer - ein entscheidender Ansatz. Denn auch falls sie einmal an den Gräbern stehen, dürfen keine neuen Gräben entstehen. Erst recht keine neuen Belastungen oder Traumata.

Der weltbekannte Kölner Dom wird dem Beispiel aus der Stadt des Westfälischen Friedens leider nicht folgen. Einige der in Köln bestatteten Bischöfe hätten sowohl Fehler und Unrecht begangen als auch sich sehr verdient gemacht, sagt Dompropst Guido Assmann. Die Geschichte lasse sich nicht verändern, indem man ihre Spuren beseitige: "Vielmehr müssen wir uns der Vergangenheit stellen, um aus ihr für die Zukunft zu lernen."

Genau dazu könnte etwa eine Infotafel in der Krypta beitragen, wenn sie neben den Verdiensten auch die Schattenseiten verzeichnet. Davor die Augen zu verschließen und einfach weitermachen wie bisher - das löst das Dilemma eher nicht.

Von Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.