Standpunkt

Die Kirche in Deutschland muss ihre Schockstarre überwinden

Aktualisiert am 01.07.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Kirchenaustrittszahlen sind so hoch wie nie. Missbrauchsaufarbeitung und innerkirchliche Reformen allein genügen aber nicht, um die Menschen wieder zu erreichen. Es braucht eine Zäsur und den Gang in die Offensive, kommentiert Björn Odendahl.

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Die Kirchenaustrittszahlen sind so hoch wie noch nie. Und die Gründe dafür so ambivalent, dass die Kirche mit jedem Versuch, sich freizustrampeln, noch tiefer im Morast aus Vertrauens- und Akzeptanzverlust versinkt. Die Zahlen sind hoch, weil die Kirche Missbrauch lange nicht bekämpft und stattdessen vertuscht hat. Jetzt bekämpft sie ihn, aber jedes neue Gutachten schraubt die Empörungsskala weiter nach oben. Die Zahlen sind auch hoch, weil die Kirche sich über Jahrzehnte gesellschaftlichen Entwicklungen verschlossen hat: demokratischen Strukturen, der Gleichberechtigung der Frau oder der Akzeptanz von Lebensmodellen fernab der heterosexuellen Ehe. Jetzt will die Kirche – zumindest in Deutschland – das ändern, droht jedoch an der Weltkirche zu scheitern.

Was also tun, um dieser scheinbaren Ausweglosigkeit zu entkommen? Klar ist: Aufarbeitung und Reformen müssen weiter vorangetrieben werden. Doch reicht das nicht. Schließlich geht es hier für Außenstehende um Selbstverständlichkeiten. Es braucht stattdessen eine Zäsur, einen Neustart, vielleicht auch einen symbolischen Akt der gesamten katholischen Kirche in Deutschland, der ausdrückt: "Wir haben Schuld auf uns geladen. Wir haben verstanden. Wir kehren um. Wir bitten um Entschuldigung." Die Kraft der Bilder ist nicht erst seit dem digitalen Zeitalter nicht zu unterschätzen.

Die Kirche muss sich noch einmal in den Staub werfen, um dann jedoch aufzustehen und mutig nach vorne zu blicken, ohne den Blick für die Betroffenen von Missbrauch zu verlieren. Geschieht das aber nicht, dann wird diese Kirche zwar weiter eine Kirche sein, die sich um Reformen und Aufarbeitung bemüht, die aber keine Kraft mehr hat, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Sie wird eine Kirche sein, die ein weiteres Jahrzehnt in Schockstarre verharrt, statt den Menschen offensiv die Frohe Botschaft zu verkünden. Wen soll eine solche Kirche aber überzeugen? Wen soll sie begeistern? Und wird das den Hunderttausenden Gläubigen im Haupt- und Ehrenamt gerecht?

Die Kirche muss wieder offensiver verkaufen, was sie zu bieten hat – in der Seelsorge und in der Bildung, im Umgang mit den Alten und Kranken, mit den Armen und Ausgegrenzten. Sie muss für ihre Botschaft werben – kreativ, innovativ und vor allem gemeinsam statt jeder für sich und nur bis zur eigenen Bistumsgrenze. Schafft sie das nicht, werden auch in Zukunft nur die Negativschlagzeilen dominieren. Und die Kirche versinkt weiter im Morast, egal wie viel sie strampelt.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redaktionsleiter bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.