Auch in Religionen haben nackte Füße eine Bedeutung

Die lange Tradition des Barfuß-Seins

Aktualisiert am 04.07.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Im Sommer spüren wir gerne das Gras unter den Füßen. Diese sind aber ganz schön verletzlich ohne Schuhe. Schwester Gabriela Zinkl hat das Barfuß-Sein für sich entdeckt und erklärt, warum nackte Füße nicht nur etwas für bescheidene Ordensleute sind.

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Sommer, Wärme, barfuß sein, was für ein wunderbares Gefühl! Wie gut sich das anfühlt: barfuß übers Gras gehen, die Füße am Ufer eines Sees in seichtes Wasser eintauchen, bei Sonnenuntergang am Meer über den warmen Sand laufen. Herrlich, wohltuend, Natur pur!

Schon vergessen? – Wir werden barfuß geboren. Und solange wir klein sind, finden alle Großen unsere nackten Füßchen und Zehen unheimlich süß; wie sie im Wasser plantschen, wie sie sich langsam Schritt für Schritt ungelenk vorantasten und wie sie uns nach einiger Zeit auf einmal zum Stehen und Laufen bringen.
Auch wenn wir alle barfuß und nackt zur Welt gekommen sind, sehr früh und die meiste Zeit bis zum Ende unseres Lebens sind unser Körper und unsere Füße bekleidet, zu unserem eigenen Schutz, heißt es.

Nackt sind unsere Füße schutzlos aber frei

Schließlich sollen wir ja nicht ewig auf der Kuscheldecke liegen bleiben und auf der gleichen Stelle treten. Es wird von uns erwartet, so schnell wie möglich und mit großen Schritten hinauszugehen in die weite Welt. Wer macht das schon barfuß? Wie sieht das denn aus? Und wie weit würden wir denn überhaupt kommen, wo doch da draußen ein hartes Pflaster auf uns wartet: kalte Steinböden, gepflasterte Wege, Asphaltstraßen, aus allen Himmelsrichtungen Räder, Reifen, Fahrzeuge aller Art, vom Einkaufswagen bis zum Lkw, die uns über die Füße fahren können. Auch andere Errungenschaften der modernen Zivilisation, wie selbst schließende Türen, jede Menge Treppen, außerdem herunterfallende Pakete und schwere Lasten machen unseren Füßen das Leben schwer, nicht zu vergessen matschig-ölige Pfützen, steinige Schotterpisten genauso wie die ganze Wildnis. Die verschiedenen Jahreszeiten und Witterungen geben den Rest dazu, dass wir in unseren Breiten die Füße die meiste Zeit des Jahres lieber mit Strümpfen und Schuhen ausstatten. Lauern nicht überall da draußen, jenseits der alten Steinzeithöhlen und Zelte, der neuen Teppichboden und Rasenanlagen 1000 neue Gefahren auf unsere zarten Füße? Für all das fehlt uns heute die schützende Hornhaut, wir möchten uns nicht schmutzig machen und nicht zuletzt wollen auch die neuen Stiefel, Stöckelschuhe, Flipflops oder Sneaker bewundert werden.

Genau deswegen hat das Wort und Gefühl "barfuß" heute Seltenheitswert. Um barfuß draußen zu sein in der Natur, bleibt uns höchstens das Wochenende oder der Urlaub. Und es schlummert in uns die Sehnsucht in uns, barfuß zu laufen, die sich aus Kindheitstagen als positive Erfahrung in unseren Nerven- und Gehirnzellen eingeprägt hat. In jeder Fußsohle stecken bis zu 200.000 Nervenenden, die Informationen sammeln und unser Sensorik-Gedächtnis nachhaltig prägen. Dennoch gilt, das Live-Erlebnis ist auf Dauer durch keine Gedankenreise zu ersetzen.

Ein Mann mit Sandalen in der Wüste
Bild: ©Fotolia.com/Chad Zuber

Bei der Aussendung gebot Jesus den Zwölf außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen: kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.

Ordensleute verzichteten auf festes Schuhwerk, um Bescheidenheit zu zeigen

Viele verbinden Barfuß-Sein mit Unabhängigkeit und Freiheit. In früheren Jahrhunderten war das Gegenteil der Fall, in manchen Regionen unserer Welt verhält es sich bis heute so: Lange Zeit galt Barfüßigkeit als Zeichen von Armut, nur die Reichen konnten sich Schuhe leisten und damit ihre Füße schützen und sauber halten. Dementsprechend war Barfuß-Sein in der menschlichen Kulturgeschichte überwiegend negativ konnotiert. Auf alten Gemälden kann man den Status der Personen auch an ihren Füßen und Schuhen gut erkennen. Das Wort "barfuß", das die alt- und mittelhochdeutsche Sprache prägte, meint den blanken Fuß, er ist nackt und ohne schützende Bedeckung. Wer so daherkam, war arm wie eine Kirchenmaus und stand unter dem Pantoffel der Reichen. Bettelorden dieser Zeit, wie die häufig nur Sandalen tragenden Franziskaner oder die "unbeschuhten" Karmelitinnen, stellen damit bis heute ein Leben in Armut und Bescheidenheit anschaulich unter Beweis.

Dabei sollten wohlhabende Schuhträger nicht vergessen, dass Barfuß-Sein an bestimmten Orten etwas mit Ehrfurcht zu tun hat. Es gibt wichtige Beispiele für Anlässe und Orte, an denen Menschen aus Respekt nicht nur den Hut ziehen, sondern extra die Schuhe ausziehen. "Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du steht, ist heiliger Boden", wird Mose im Alten Testament von Gott aufgefordert (Exodus 3,5). Gleich darauf offenbart sich Gott dem Mose im brennenden Dornbusch als der "Ich bin" (Exodus 3,14). Gläubige Muslime ziehen vor dem Gebet ihre Schuhe aus, um in Ehrfurcht vor Gott zu beten, genauso wie Buddhisten, Hindus oder Bahai. Religiöse Juden betreten den Jerusalemer Tempelberg heute nur ohne Schuhe, aus Angst und Rücksicht, die Überresten des einstigen Jahwe-Tempels und damit Gott selbst mit Füßen zu treten.

Nicht immer ist es passend, barfuß zu sein

Sicher, es ist für uns die bequeme und kleidsame Lösung, Schuhe zu tragen. Es gehört sich doch, Schuhe zu tragen! Wie sieht das denn sonst aus? Würden mich die anderen im Büro, in der U-Bahn und im Geschäft nicht für einen Hippie oder Obdachlosen halten, wenn ich barfuß ankommen würde? In der Tat passt es nicht immer, barfuß unterwegs zu sein, aus Rücksicht auf unsere Füße genauso wie auf unsere Kolleginnen und Kollegen.

Barfuß draußen an bestimmten Orten in der Natur zu sein, tut aber einfach wunderbar gut, so wie damals als wir noch klein waren. Weißt du noch? Nur weil wir groß sind, sollen wir nicht mehr barfuß sein? Das wäre ja noch schöner! Also, nichts wie raus zur nächsten Wiese, Parkbank, zum Flussufer, See oder zur Freizeitanlage, gerne auch gemeinsam. Denn wir und unsere Füße haben es sich verdient, mal wieder das Gras, das Wasser und die Sonne aus der Nähe zu sehen.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.