Standpunkt

Können uns sterbende Höfe nicht leisten

Aktualisiert am 13.07.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Berichte von aufgrund zu niedriger Preise nicht geerntetem Obst und Gemüse gehen Andrea Hoffmeier nach. Trotz guter Ernten bekämen einige Höfe ihre Waren nicht verkauft. Sie hat Ideen, wie sich das ändern könnte.

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In Inflationszeiten auf die Notwendigkeit höherer Lebensmittelpreise hinzuweisen, ist gewagt, allerdings gehen mir Berichte von nicht geerntetem Obst und Gemüse nach. Wir sollten Lebensmittel wertschätzten, denn ohne Nahrung, kein Leben. Wertschätzung äußert sich auch darin, dass die, die sie anbauen von ihrer Arbeit leben können. Die Tage erzählte mir ein Bauer, dass die Supermarktkette auf die Bitte, für das Gemüse ein paar Cent mehr zu zahlen, damit er über seine Unkosten komme, erwiderte: "Dann lassen Sie es, andere verkaufen es uns für diesen Preis." Was für eine Wahl: umsonst arbeiten oder das Gemüse verrotten lassen!

Trotz guter Ernte bekommen viele Höfe dieses Jahr ihre Ware nicht verkauft. In den Supermärkten liegen billigere Erdbeeren und Kirschen aus fernen Ländern. Der jahrelange Preiskampf des Lebensmittelhandels hat uns in Deutschland dem wirklichen Wert von Nahrung entfremdet. Setzlinge züchten, einpflanzen, gießen, pflegen, wärmen, wachsen lassen, ernten, waschen, verpacken und zum Supermarkt transportieren, an all diesen Arbeitsschritten sind teure Maschinen und immer noch viele Menschen beteiligt. Am Ende möchten aber alle nur wenig dafür zahlen. Können wir uns nicht geerntete Lebensmittel und sterbende Höfe eigentlich leisten? Lernen wir durch Corona, den Ukrainekrieg sowie den daraus resultierenden Lieferengpässen und der weltweit drohenden Lebensmittelknappheit eigentlich nichts?

Wir brauchen eine deutsche Landwirtschaft, um weniger abhängig von globalen Krisen zu sein. Zu einer vernünftigen Daseinsvorsorge gehört es, dass Politik nicht alles dem Spiel der freien Märkte überlässt. Einkaufen direkt beim Erzeuger, auf dem Wochenmarkt und wenn es der Supermarkt sein muss, auf Saisonalität und Regionalität achten, so können wir Verbraucher*innen gegensteuern. Dem Klima hilft es auch. Menschen, die jetzt schon kaum über die Runde kommen, sollten besser gezielt finanziell unterstützt werden, anstatt die Landwirt*innen beim Preis immer weiter zu drücken.

Von Andrea Hoffmeier

Die Autorin

Andrea Hoffmeier ist Akademiedirektorin der Thomas-Morus-Akademie Bensberg.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.