Standpunkt

Debatte um Lindner-Hochzeit: Was für ein peinliches Sommerloch-Theater

Aktualisiert am 19.07.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Die Diskussion um die kirchliche Trauung von Christian Lindner war wohl das Sommerloch-Theater des Jahres. Steffen Zimmermann blickt irritiert auf die Debatte zurück und kommentiert, dass dabei außer dem Ehepaar niemand eine gute Figur gemacht habe.

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Erinnern Sie sich noch an Sammy? Der kleine Kaiman büxte seinem Besitzer im Sommer 1994 an einem Dormagener Badesee aus und beherrschte danach als "Bestie vom Baggersee" tagelang die Schlagzeilen der deutschen Medien. Sammy wurde auf diese Weise nicht nur der bekannteste Alligator Deutschlands, sondern auch zum Vater aller Sommerloch-Meldungen.

Sammys Nachfolger im Sommer 2022 heißt Christian, ist Bundesfinanzminister und hat vor Kurzem auf Sylt geheiratet. Jenseits des Boulevards wäre diese Hochzeit eigentlich keine Meldung wert. Doch weil Christian Lindner und seine Frau Franca Lehfeldt sich zusätzlich zur standesamtlichen Eheschließung auch kirchlich trauen ließen, obwohl sie beide keine Kirchenmitglieder sind, tobte in den vergangenen zwei Wochen eine groteske Debatte über den Sinn und die Rechtmäßigkeit der Zeremonie in der evangelischen Kirche von Keitum.

Als ob die Welt gerade keine anderen Probleme hätte, posaunten Journalisten, Politiker und Theologen ihre Meinung über die kirchliche Hochzeit des FDP-Politikers und der Journalistin in die sozialen Netzwerke und die Medien. Die Kirche sei nur Kulisse für schöne Fotos gewesen, schäumte etwa Margot Käßmann in ihrer "Bild am Sonntag"-Kolumne. "Weshalb", so fragte die meinungsfreudige Theologin, "wünschen zwei Menschen eine kirchliche Trauung, die bewusst aus der Kirche ausgetreten sind?" Nun, wäre Käßmann beim vorbereitenden Traugespräch des Brautpaars dabei gewesen, hätte sie dessen Motive gekannt – aber dann hätte sie sich vermutlich nicht empören können.

Wie kenntnisfrei sich auch die meisten anderen Kommentatoren an der Eheschließung von Lindner und Lehfeldt abarbeiteten, zeigte beispielhaft ausgerechnet auch die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus. Einerseits betonte sie kurz nach der Hochzeit machtwortgleich, dass es in ihrer Kirche keine "Sonderangebote für Reiche und Wichtige" gebe. Andererseits räumte sie ein, den konkreten Fall gar nicht genau zu kennen. Sie wisse etwa "nicht genau, ob Herr Lindner oder Frau Lehfeldt vor der Trauung Kirchenmitglieder waren oder wurden", so die EKD-Ratsvorsitzende.

Bis auf Franca Lehfeldt und Christian Lindner, der sich inzwischen auch selbst zu Wort gemeldet und nachvollziehbar seine Motive für die kirchliche Trauung erläutert hat, hat bei diesem Sommerloch-Theater niemand eine gute Figur gemacht – schon gar nicht die prominenten Vertreterinnen der evangelischen Kirche. Es hätte den meisten Kommentatoren besser zu Gesicht gestanden, nicht wild über die persönlichen Motive des Ehepaars und die nach einem vertraulichen Traugespräch gefällte Entscheidung der Pfarrerin zu spekulieren. Von dem peinlichen Neid-Argument, Lindner und Lehfeldt hätten mit ihrer Trauung eine Dienstleistung in Kauf genommen, die von den Kirchenmitgliedern finanziert worden sei, ganz zu schweigen.

Von Steffen Zimmermann

Der Autor

Steffen Zimmermann ist Redakteur im Korrespondentenbüro von katholisch.de in Berlin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.