Bistum Hildesheim reformiert Regelungen für Religionslehrkräfte

Religionslehrerverband: Es werden mehr Missio-Änderungen kommen

Aktualisiert am 25.07.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Im Bistum Hildesheim spielt die persönliche Lebensführung bei der Verleihung der Missio canonica keine Rolle mehr. Das habe unmittelbare positive Wirkungen auf den Lehralltag, berichtet die Bundesvorsitzende des Religionslehrerverbands, Gabriele Klingberg, im katholisch.de-Interview.

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Die kirchliche Lehrerlaubnis "Missio canonica" bekommen Lehrkräfte im Bistum Hildesheim künftig, ohne dass sie "in der persönlichen Lebensführung die Grundsätze der Lehre der Kirche zu beachten" versprechen müssen. Das bedeutet deutliche Veränderungen für Lehrende, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, nach einer Scheidung wieder geheiratet haben oder transident sind. Gabriele Klingberg ist die Vorsitzende des Bundesverbands der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien. Im Interview berichtet sie von den unmittelbaren Auswirkungen solcher Reformen und wirft einen Blick auf andere Diözesen.

Frage: Frau Klingberg, was bedeutet ein Schritt wie der des Bistums Hildesheim?

Klingberg: Das ist für Religionslehrerinnen und Religionslehrer ein ganz wichtiger Schritt. Es ist ein Stück weit auch eine Befreiung insbesondere für diejenigen, die in den bisher für die Kirche problematischen Lebensverhältnissen leben und nun nicht mehr schweigen und sich nicht mehr verstecken müssen. Niemand muss mehr eine Doppelmoral leben, sondern kann authentisch vor einer Klasse auftreten. Zudem haben wir erlebt, dass sich junge Menschen bislang wegen dieser Regelungen zur privaten Lebensführung gegen ein Theologiestudium auf Lehramt entschieden haben. Dieser Schritt kann also auch eine neue Öffnung bedeuten, dass die eine oder der andere doch über diesen Lebensweg nachdenkt. Das ist auch wichtig, denn es fehlen Religionslehrkräfte. Die Versorgung ist nicht mehr gesichert.

Frage: Welche Auswirkungen auf den Alltag hatte denn die bisherige Regel?

Klingberg: Ich habe von vielen Betroffenen gehört, dass sie ihre Identität verschwiegen haben. Sie haben mit ihren Partnerinnen und Partnern nicht zusammengelebt oder verschiedene Adressen angegeben. Das war eine große psychische Belastung, nicht ehrlich sein zu können. Diese Doppelmoral zu leben, hat sie in große Konflikte gebracht. Das wurde mir in Gesprächen immer wieder zurückgemeldet.

Bild: ©Privat/Collage: katholisch.de

Gabriele Klingberg ist die Vorsitzende des Bundesverbands der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien.

Frage: Nun ist die Rede von einer "kritischen Loyalität" und der Bereitschaft, "zu einer lebendigen Kirche beizutragen, die positiv ausstrahlt und für junge Menschen einladend ist". Was bedeutet das?

Klingberg: Kritisch loyal sind Religionslehrkräfte schon immer gewesen. Es ist ja auch unser Bildungsauftrag, zu ermöglichen, dass sich Schülerinnen und Schüler eine eigene Position bilden und dialogfähig werden können. Dazu ist eine Auseinandersetzung und ein kritischer Blick notwendig. Deshalb sehe ich durch diese Formulierung keine große Veränderung. Die Veränderung besteht vielmehr darin, dass zum Beispiel homosexuelle Lehrkräfte offen über ihr Leben sprechen können und nichts mehr verschweigen müssen. So erreichen sie eine viel stärkere Authentizität im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Jesus ist zu denen gegangen, die abseits der Gesellschaft standen. Die Achtung der Menschenwürde war ihm ein Anliegen, deshalb ist er den Menschen immer auf Augenhöhe begegnet. Authentische Lehrende sind so Zeugen dieser Botschaft. Und indem die Kirche solche Entscheidungen umsetzt, erweist sie sich als "ecclesia semper reformanda", wie Schülerinnen und Schüler es in der theologischen Auseinandersetzung gelernt haben.

Frage: Es werden vermehrt Lehrende ein kirchliches Menschenbild erklären müssen, das sie selbst nicht unbedingt verkörpern. Wir da mehr Transferarbeit nötig werden?

Klingberg: Ja, das hat aber nicht nur mit den Lehrenden zu tun. Transferarbeit ist seit längerem immer stärker notwendig, weil die Schülerinnen und Schüler weit weg von Kirche sind, kaum eine religiöse Sozialisation mitbringen und Religion zu Hause kein Thema ist. Alle Lehrkräfte sind verpflichtet, die amtskirchliche Lehrmeinung darzustellen, dann aber auch eine fundierte Auseinandersetzung zu ermöglichen – wie in jedem anderen ordentlichen Lehrfach auch.

Frage: In drei Diözesen spielt die Lebensführung bei der Missio canonica keine Rolle mehr. Gehen Sie proaktiv auf andere Bistümer zu und setzen sich für Lockerungen ein?

Klingberg: In unserem Bundesverband ist das seit Langem Thema. Wir wissen aus einigen Diözesen, dass sie erst die Änderung der Grundordnung des kirchlichen Arbeitsrechts abwarten, bevor sie die Missio-Ordnung ändern. Das ist ein nachvollziehbares Vorgehen. Wichtig ist, dass diese Reformen auf dem Weg sind. Wir sind sicher, dass diese Änderungen kommen werden.

Von Christoph Paul Hartmann