Unterwegs im eigenen Mikrokosmos

Hausbootfahren – Eine meditative Urlaubsform im Aufwind

Aktualisiert am 25.07.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Messac ‐ Wer sich ein Hausboot mietet und in Eigenregie voranschippert, wirft den Alltagsstress über Bord. Das ist bei maximal zehn Stundenkilometern und in einem Fahrgebiet wie der Bretagne sogar ohne Führerschein möglich.

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Wind zieht über die Vilaine und kräuselt das Wasser. Der Fluss beschreibt weite Schleifen durch einen Saum aus Wald- und Wiesengrün; dann wieder liegt eine lange Gerade voraus. Gemächlich schnurrt das Hausboot voran. Höchstgeschwindigkeit: zehn Stundenkilometer. Teppiche aus gelben Seerosen schaukeln in den winzigen Wellen. Am Ufer neigen sich Zweige von Trauerweiden ins Wasser. Vögel zwitschern. Hier, im Landesinneren der Bretagne, strömt die Ruhe der Flusslandschaft auch ins eigene Innere und senkt sich auf den Grund der Seele.

Hausbootfahren wirkt entschleunigend; so, als würde man eine Ferienwohnung übers Wasser steuern. Ohne Stau, ohne Stress. Einer gewissen Eingewöhnung bedarf es allerdings, denn ein Hausboot ist nicht gerade ein Zwerg: knapp 15 Meter lang und elf Tonnen schwer. Wer bremsen möchte, legt den Rückwärtsgang ein – hat aber keinen Rückspiegel. Bei der Lenkung hilft über das Steuerrad hinaus der Druck auf den Knopf von Bug- und Heckstrahlruder. Das ist wichtig bei der Ein- und Ausfahrt in Schleusen, bei den Anlandemanövern in Häfen sowie kostenfreien Stegen mit Pollern an der Strecke. Zum Glück trägt das Boot rundum einen Gummierungsschutz. Nicht allzu dramatisch also, irgendwo leicht anzustoßen.

Auch ohne Führerschein möglich

"Man muss das Boot spüren, dann kommt alles von allein", beschwichtigt Laurent Guibert etwaige Sorgen bei der Einweisung im Hafen von Messac. Eine intensive Einführung und die Probefahrt unter dem Blick des Technikers reichen aus, um das Boot selbst zu steuern. Einen Führerschein braucht man in Frankreich oder den Niederlanden dafür nicht. Die klassische Mietdauer liegt überall bei einer Woche.

Die Fahrt ohne Führerschein ist eines von vielen Argumenten für eine Reise im Hausboot. Dass diese Form des Urlaubs im Aufwind ist, verdankt sie nicht zuletzt der Corona-Pandemie: Hier ist man im Partner-, Familien- oder Freundesverbund in seinem eigenen Mikrokosmos auf Tour, in einer Blase gewissermaßen, und hält sich fern von Massenbetrieb. Statt sich an vollen Stränden und Hotelpools zu drängen und den vorgegebenen Zeiten von Büffets zu unterwerfen, genießt man die selbstbestimmte Freiheit.

Bild: ©stock.adobe.com/poplasen (Symbolbild)

Hausboote sind Organismen auf kleinstem Raum.

Da nimmt man das Ruder in Eigenregie in die Hand. Da wählt man, wie im Fahrgebiet der Bretagne, eine individuelle Route über Flüsse und Kanäle abseits der Mainstreams – oder ändert sie zwischendurch einfach ab. Da macht man Station nach Lust und Laune, so wie im Dorf La Gacilly, wo abends die Bordküche mal unberührt bleibt. Inmitten von Kulissen aus Bruchsteinhäusern und Blumenpracht tischen Creperien süße und herzhafte Pfannkuchen auf. Später dringt das Rauschen des Wehrs hinter dem Hafen von La Gacilly als Gutenachtmusik in die Kabinen.

Ein Plus der Unabhängigkeit geben Fahrräder, die sich über den Verleiher hinzubuchen lassen. Zur Abwechslung ein Stück am Nantes-Brest-Kanal entlangradeln – oder morgens zum Bäcker, um traumhaft frische Croissants und Baguettes zu kaufen.

Reisen, das in die Tiefe geht

Unterwegs wird man automatisch zum Reisepsychologen seiner selbst. Die Suche nach der idealen Fahrlinie, die Wechsel aus Flachland und Hügeln, aus gleißender Sonne und Schattenwürfen bei Bootspassagen unter Eichenblattdächern hindurch, aus Flussschleifen und Geraden – sind das nicht Metaphern für das eigene Leben? Endlich, ja endlich, rückt man ab von der Überholspur, entfernt sich vom Alltagstrott und nimmt sich wieder Zeit für Miniaturen unter den Eindrücken. Libellen tanzen über dem Wasser. Farne fächern sich symmetrisch auf. Fingerhüte setzen Farbnuancen in Violett.

In unserer reizüberfluteten Welt darf man als Wohltat empfinden, wenn man sich abseits des Spektakulären bewegt und es an Bord keinen Fernseher gibt. Alles ist im Fluss – und Hausbootfahren eine meditative Art des Reisens, die in die Tiefe geht.

Von Andreas Drouve (KNA)