Der Beauftragte für Seniorenpastoral zum Welttag der Großeltern

Weihbischof Boom: "Ich bin mir nicht sicher, ob wir laut genug sind"

Aktualisiert am 24.07.2022  –  Lesedauer: 

Würzburg ‐ Die Gesellschaft altert, doch gerade ältere Menschen waren etwa in der Corona-Pandemie oft von Einsamkeit bedroht. Zum Welttag der Großeltern spricht der Würzburger Weihbischof Ulrich Boom über Perspektiven und Illusionen.

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Der Papst hat im vergangenen Jahr den Welttag der Großeltern ins Leben gerufen. Dieses Jahr findet er zum zweiten Mal unter dem Motto "Im Alter werden sie noch Frucht bringen" am 24. Juli statt. Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Seniorenpastoral, der Würzburger Weihbischof Ulrich Boom (74), spricht im Interview über die prägende Rolle seines Großvaters, die Bedeutung älterer Menschen für die Gesellschaft und die Frage, ob die Kirche laut genug ist, wenn es darum geht, Anwalt der Schwachen zu sein.

Frage: Herr Weihbischof, der Papst schwärmt immer von seiner Großmutter Rosa. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Großeltern?

Boom: Mich hat vor allem mein Großvater mütterlicherseits geprägt, ein lieber und gütiger Mann. Er war Mesner in der Kilianskirche in Iserlohn-Letmathe und hat mich so tiefer in den Glauben eingeführt. Ihm war auch Kiliani ganz wichtig, uns Kindern eher die Kiliani-Kirmes, wie das ja heute wahrscheinlich auch in Würzburg so ist.

Frage: Der diesjährige Welttag der Großeltern und Senioren steht unter dem Motto "Im Alter werden sie noch Frucht bringen". Worin sehen Sie diese Frucht?

Boom: Die wichtigste Frucht ist wahrscheinlich der größere Erfahrungsschatz, den ältere Menschen im Vergleich zu 20- oder 40-Jährigen haben. Die eine Frage ist natürlich: Erntet die Gesellschaft diese Frucht auch? Und die andere: Lässt man die Jüngeren von der Frucht der Erfahrung kosten? Am besten schmeckt diese Frucht, wenn sie nicht bitter schmeckt. Mit Sätzen wie "Ihr werdet schon sehen" kommt man sicher nicht weiter. Es geht nicht ums Belehren, sondern ums gegenseitige Verstehen. Das heißt ja nicht, dass ich alles gutheißen muss. Das Verstehen rät dazu, dass ich den Standpunkt des Anderen einnehme. Wenn ich alles immer besser weiß, kann ich keine Erfahrung weitergeben.

Frage: Der Papst erinnert immer wieder daran, die alten Menschen nicht zu vergessen: Wie steht es um die Situation der älteren Menschen in Deutschland aus Ihrer Sicht?

Boom: In unserer Gesellschaft zählt vor allem, etwas leisten zu können, stark zu sein, dynamisch. Da gibt es ganz schnell die Gefahr der Wegwerf-Kultur und Ausgrenzung, die Papst Franziskus immer wieder anprangert. Das betrifft dann gerade die älteren Menschen, die nicht mehr alles leisten können, nicht mehr so stabil sind. Dabei ist für den Menschen, der sich am Evangelium orientiert, der Schwache und der Zerbrechliche das höchste Gut. Umgekehrt machen sich auch manche alten Menschen etwas vor, wenn sie so tun, als ob sie ewig jung seien. Wir spüren unsere Ge- und Zerbrechlichkeit. Und gleichzeitig müssen wir festhalten, dass es älteren Menschen in unserem Land verhältnismäßig gut geht und sie noch viele Jahre der Gestaltungsmöglichkeit haben. Das erleben wir bei vielen, die sich ehrenamtlich engagieren.

Bild: ©picture alliance/PantherMedia/Andriy Popov

"Die wichtigste Frucht ist wahrscheinlich der größere Erfahrungsschatz, den ältere Menschen im Vergleich zu 20- oder 40-Jährigen haben", sagt Weihbischof Ulrich Boom.

Frage: Ist die Kirche laut genug in Deutschland, wenn es um die Interessen der älteren Menschen geht?

Boom: Ich bin mir nicht sicher, ob wir laut genug sind. Die Kirche wird zurzeit vor allem als eine Institution wahrgenommen, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist. Sind wir die Anwälte für jene Menschen, die in den Evangelien seliggepriesen werden? Eine Sichtbarkeit und Wirksamkeit einer Pastoral eigens für die Zielgruppe der älteren Generation ist sehr wichtig. Um den Blick auf die Älteren zu stärken, hat die Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz jetzt eben einen eigenen Bischof für die Seniorenpastoral berufen.

Frage: Was konkret kann Kirche tun?

Boom: Es geht hauptsächlich darum, ältere Menschen wertzuschätzen, in den Gemeinden, in den Gottesdiensten. Das geschieht auch schon. Denn gerade die ältere Generation leistet mit Ehrenamt unglaublich viel in den Familien, in den Gemeinden und im sozialen Umfeld. Die Kirche will dieses Engagement fördern und unterstützen.

Frage: Drohen die alten Menschen und vor allem die Angebote für sie angesichts so mancher Sparanstrengung in der Kirche unter die Räder zu kommen?

Boom: Ich denke und hoffe nicht, dass es allein an den Finanzen festzumachen ist. Wir meinen immer, dass etwas wertgeschätzt wird, wenn es Geld oder Personal für etwas gibt. Das ist aber nicht so. Ich setze mich dafür ein, dass auch in einer kleiner werdenden Kirche die ältere Generation nach wie vor eine große Rolle spielt.

Frage: Ein Vorwurf in der Corona-Pandemie an die Kirchen lautete, die einsamen Menschen allein gelassen zu haben, also auch viele ältere Menschen. Teilen Sie diese Ansicht?

Boom: Nein, überhaupt nicht. Klar, es gab immer wieder Berichte, in denen Beispiele für diese These angeführt wurden. Aber ich weiß von so vielen Aktionen, die das Gegenteil belegen. Da haben Jugendliche, etwa von den Pfadfindern oder den Ministranten, älteren Menschen bei Einkäufen geholfen. Oder wie viele haben dann doch versucht, etwas für die Menschen in den Altenheimen zu tun - von den privaten Hilfen zwischen den Generationen in Familien ganz zu schweigen. Was am meisten erzählt wird, muss nicht die Wahrheit und Wirklichkeit sein. Denn: Gerade haben unter anderen viele unserer Bischöfe sich im ersten und zweiten Lockdown dafür eingesetzt, die Isolation von älteren Menschen aufzuheben, um der psychosozialen und seelischen Gesundheit gerecht zu werden.

Von Christian Wölfel (KNA)