Ein unscheinbares Stück Papier

Notizzettel – Heute schon analog gepostet?

Aktualisiert am 01.08.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Selbst im digitalen Zeitalter bewähren sie sich bis heute: Notizzettel. Schwester Gabriela Zinkl blickt zurück und findet auch in der Geschichte bedeutende Notizzettel. Einst hinterließ sogar der Heilige Geist eine wichtige Nachricht auf einem Zettelchen.

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Im folgenden Text geht es um Geldbeträge in Millionenhöhe, bekannte Persönlichkeiten, Chaoten, geniale Erfinder, einen Nobelpreisträger, eine katholische Nonne, einen Kirchenchor und ein Gebet- und ein Gesangbuch. Was das alles miteinander zu tun hat? Am besten beginnen wir dort, wo vieles Wichtige seinen Anfang nimmt, am Küchentisch.

Niemand ist zuhause, doch auf dem Küchentisch liegt ein kleiner Zettel mit einer Nachricht von Laura, 8 Jahre alt: "Mami, du sollst die Kifferottopädin zurückrufen!", darunter hingekritzelt ist ein offener Mund mit Zahnspange. Dem kuriosen Exemplar kindlicher Orthographie liegt noch etwas viel Tieferes zugrunde, es ist verfasst als ein häufig verkanntes Medium, als Notizzettel. Ja, es gibt ihn noch und er ist nicht totzukriegen, gegen den wahren Klassiker schriftlicher Kommunikation haben auch digitale Apps auf Smartphones und Computern keine Chance, wie das riesige Angebot an Memo-Blöcken, Haftnotiz-Zetteln, Einmerkern und Karteikarten aller Art und Couleur beweist. Heute schon analog gepostet? – Die Wahrscheinlichkeit, dass jeder Mensch täglich mindestens eine kleine Notiz als Gedächtnisstütze verfasst, ist ziemlich hoch, schließlich haben wir viel zu viele Dinge im Kopf und sind vergesslich. Notizzettel sind irgendwie lebensnotwendig, sei es als Einkaufszettel, Spickzettel, Schmierzettel, Skizze, Entwurf, Karteikarte oder Getränkerechnung. Selbst dort, wo es kein Papier gab oder gibt, kann man etwas notieren, an der Gefängniswand und Toilettentür, an der Hausmauer oder auf der S-Bahn; es kann passieren, dass dort eingeritzte oder gesprayte Notizen zum Kunstwerk erklärt werden.

Der Ehrenplatz an der Kühlschranktür

Der banale Notizzettel, zurückzuführen auf das lateinische Wort "notare" für "schriftlich verfassen", erhält in unseren vier Wänden oft einen Ehrenplatz, denn er wird gut sichtbar präsentiert. Beliebteste Ausstellungs- und Aufbewahrungsorte sind neben Schreibtisch, Ablage oder Karteikasten auch Geldbeutel, Handtasche, Rucksack, Kalender, Spiegel, Tür, Pinnwand oder – äußerst beliebt – die Kühlschranktür.  

Der knittrige Notizzettel hat sich in den letzten Jahrzehnten zum gestylten Produkt gemausert. Das ist dem Umstand zu verdanken, dass vor rund 50 Jahren zwei Tüftler am richtigen Ort und zur richtigen Zeit zusammengekommen sind, in einer US-amerikanischen Schreibwaren-Firma. Der eine, Spencer Silver, experimentierte als Chemiker an einen Super-Klebstoff, heraus kam aber nur eine schwach haftende Lösung. Wenige Jahre später suchte sein Arbeitskollege Arthur Fry nach einem Ausweg für ein stets wiederkehrendes Problem im Kirchenchor. Immer wieder fielen ihm die Einmerker aus dem Gesangbuch. Da erinnerte er sich an die nutzlose Erfindung seines Kollegen, nahm eine Probe aus dem Labor mit und testete sie mit Zetteln zwischen seinen Gesangbuchseiten. Voilà, die neuen Lesezeichen hafteten perfekt und beschädigten noch dazu die Buchseiten nicht. Das war die Geburtsstunde der Post-it-Haftnotizen, die inzwischen aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind.

Auf dem dunklen Gemälde blickt eine ältere Ordensfrau auf einen Lichtstrahl, der von links oben kommt.
Bild: ©picture alliance/akg-images

Die heilige Theresia von Avila (1515-1582) auf einem Gemälde von Peter Paul Rubens (1577-1640).

Vermutlich hätte diese Erfindung auch dem Universalgenie Leonardo da Vinci (1452-1519) gefallen. Er trug an seinem Gürtel immer eine Tasche mit Notizpapieren bei sich, um jederzeit Projekte, Skizzen und Ideen sammeln zu können. So hinterließ er der Nachwelt über 10.000 solcher Zettel, zum Teil in Geheimschrift verfasst; das meiste davon wurde nie realisiert. Noch mehr Papierkram dieser Art fand sich im Nachlass des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951), der Zeit seines Lebens nur ein einziges Buch veröffentlichte, aber mehr als 30.000 Notizzettel bekritzelte. Es sollte uns zu denken geben, dass auch ein banaler Einkaufszettel eines Tages ein kleines Vermögen wert sein kann; so geschehen bei Ludwig von Beethovens (1770-1827) Einkaufshilfe für Waschseife, Mäusefalle, Haarschneidemesser und anderes beim Krämerladen um die Ecke. Die handschriftliche Notiz des Musikgenies erzielte bei einer Auktion 74.000 Euro. Unübertroffen ist der Notizzettel Albert Einsteins (1879-1955) mit einem handgeschriebenen Sinnspruch, den er 1922 einem Hotelpagen schenkte, weil er kein Bargeld für ein Trinkgeld dabei hatte. Wenige Stunden vorher hatte Einstein die Nachricht über die Verleihung des Physik-Nobelpreises erhalten und riet dem Pagen, er solle den Zettel gut aufheben. Das Blatt wechselte vor einiger Zeit für 1,3 Millionen Euro den Besitzer.

"Universalmedium unserer Zeit"

"Der Notizzettel ist das wahre Universalmedium unserer Zeit", urteilt Hektor Haarkötter, der in seinem Buch (Notizzettel. Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2021) die Kulturgeschichte des unscheinbaren kleinen Papiers zusammengetragen hat. Ein Notizzettel dient dazu, Ideen zu artikulieren, Aufgaben aufzulisten und Gedanken festzuhalten, die sonst sofort in Vergessenheit geraten würden. Damit, so Haarkötter, bauen wir in unserem Bewusstsein und unserer Erinnerung eine Art Hilfsgerüst, das aus den Mosaiksteinchen unserer kurzen Notiz im Idealfall eine zusammenhängende Idee und Aktion macht. Der Notizzettel ist eine Art Nothelfer, denn wir schreiben ihn nur dann, wenn wir ein Problem zu lösen haben, für das wir im Moment keine Zeit finden und es auf später verschieben. In vielen Fällen ist der Notizzettel eher autistisch angelegt und nur für den verständlich, der ihn selbst geschrieben hat, also fast eine Art Privatoffenbarung. Anderen bleibt er ein Rätsel oder der Verfasser selbst kann sich auch nicht mehr genau an den Sinn erinnern, und so ist es kein Wunder, dass viele Notizzettel am Ende im Papierkorb landen.

Dieses Schicksal blieb einem der bekanntesten Notizzettel der Kirchengeschichte Gott sei Dank erspart. Nach dem Tod der spanischen Nonne Theresa von Avila (1515-1582), der großen Heiligen, Mystikerin, Kirchenlehrerin und Reformerin des Karmelitenordens fand man ihrem Gebetbuch eine handschriftliche Notiz. Das von ihr selbst verfasste Gedicht, das mit den Worten "Nada te turbe, nada te espante – Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken" beginnt und mit "solo Dios basta – Gott allein genügt" endet, ist ein weltweit bekanntes Kirchenlied und in viele Sprachen übersetzt, nicht zuletzt dank der Vertonung von Jacques Berthier aus Taizé. Es kann also durchaus passieren, dass der Heilige Geist auch auf einem Notizzettel eine wichtige Nachricht hinterlässt.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.