"Totes Gedächtnis" und "heidnisches Denken"

Papst Franziskus verurteilt Traditionalismus in der Kirche

Aktualisiert am 04.08.2022  –  Lesedauer: 

Rom/Quebec ‐ Dass Papst Franziskus kein großer Freund traditionalistischen Denkens ist, dürfte spätestens seit seinem Motu proprio "Traditiones custodes" klar sein. Jetzt verurteilte er den Traditionalismus in der katholischen Kirche noch einmal deutlich.

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Papst Franziskus hat den Traditionalismus in der katholischen Kirche verurteilt. "Tradition ist das Leben derer, die vor uns gegangen sind – und das geht weiter. Traditionalismus ist ihr totes Gedächtnis", erklärte das Kirchenoberhaupt in einem Gespräch mit Jesuiten während seiner Kanada-Reise in der vergangenen Woche. Die Jesuitenzeitschrift "La Civilta Cattolica" veröffentlichte es am Donnerstag in Rom.

Es sei falsch, die kirchliche Lehre als einen Monolithen zu betrachten, der ohne Nuancen zu verteidigen sei, so Franziskus weiter. Er rief dazu auf, den "Ursprung als Referenz zu nehmen, nicht eine bestimmte historische Erfahrung" – "als ob wir aufhören müssten". Dann nämlich werde aus einem "Gestern wurde es so gemacht", ein "Das wurde schon immer so gemacht", erklärte der 85-Jährige. Dies aber sei "heidnisches Denken".

Bei der sogenannten Alten Messe, also der Liturgiefeier vor der Reform durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), sieht sich Franziskus auf einer Linie mit seinen Vorgängern, "die um eine nachträgliche Überprüfung gebeten hatten". Diese habe deutlich gemacht, dass es nötig sei, "das Thema zu disziplinieren und vor allem zu verhindern, dass es zu einer 'Modeerscheinung' wird".

Vergebungsbitte an Indigene: Papst sprach im Namen der Kirche

Papst, dass er die Vergebungsbitte an Kanadas Indigene für die Institution Kirche gesprochen hat. "Ich spreche weder in meinem eigenen Namen noch im Namen einer Ideologie oder einer Partei. Ich bin ein Bischof und spreche im Namen der Kirche", erklärte das Kirchenoberhaupt. Nach jahrelangen Forderungen von Ureinwohnern und Politik hatte Franziskus während seiner Kanada-Reise mehrfach um Vergebung für die Rolle der Kirche in dem System der Residential Schools gebeten. Diese Internate waren wesentlicher Teil kolonial-europäischer Anpassungspolitik.

Kritik hatte dabei hervorgerufen, dass er die Taten von "vielen Mitgliedern der Kirche" und "von Ordensgemeinschaften", "von Christen" verurteilte – jedoch nicht als Institution "römisch-katholische Kirche" um Entschuldigung bat. Dies hatte neben den Indigenen auch die vom Staat beauftragte Aufarbeitungskommission gefordert. Kanadas Premierminister Justin Trudeau hatte das bei einem Treffen mit dem Kirchenoberhaupt ebenfalls angemerkt.

"Ich spreche im Namen der Kirche, auch wenn ich es nicht ausdrücklich sage, denn es ist offensichtlich, dass ich es tue", erklärte Franziskus in dem Gespräch mit den Jesuiten. "Im Gegenteil, ich würde sagen: Ich muss deutlich machen, dass es meine persönliche Meinung ist, wenn ich nicht im Namen der Kirche spreche", schloss der Papst. (tmg/KNA)