Orte der Gottesbegegnung

Dem Himmel so nah: Heilige Berge in den Religionen

Aktualisiert am 06.08.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Jesus wurde auf einem Berg verklärt, berichten die Evangelien. Doch heilige Berge gibt es nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Religionen. Sie verbinden Himmel und Erde und werden deshalb als Orte der Gottesbegegnung verehrt.

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Berge haben etwas Faszinierendes. Schon immer ziehen sie Menschen an, ihre gewaltige Größe begeistert. Wer schon einmal die Alpen durchquert hat, der bekommt eine Ahnung davon, warum Menschen seit aller Zeit vor den Bergen Respekt hatten. Berge markieren aufgrund ihrer Höhe gewissermaßen ein Verbindungsglied zwischen Himmel und Erde: Während die Basis der Berge fest auf der Erde verankert ist, scheint sich ihr Gipfel bis in den höchsten Himmel emporzustrecken. Und wie beeindruckend auf die Menschen der vorgehenden Generationen muss ein Berg gewirkt haben, dessen Gipfel in den Wolken verschwand. Kein Wunder also, dass Berge immer auch als ein besonderer Ort der Begegnung mit den Göttern verstanden worden ist.

In vielen Religionen glaubte man, dass die Götter auf den Bergen wohnen. Deshalb wurden dort auch unterschiedliche Heiligtümer oder religiöse Orte errichtet. Das bekannteste Beispiel dafür bietet wohl die griechische Götterwelt: In der griechischen Mythologie wurde der Berg "Olymp" zur Wohnstätte des Götterpantheons auserkoren. Manchmal wurde ein solcher heiliger Berg auch zum Mittelpunkt der Welt: So wird der Berg Meru (Sumeru) im Hinduismus und Buddhismus als Weltenberg angesehen, der die Mitte des gesamten Universums markiert. Auf seinem Gipfel befindet sich die Quelle des Urflusses, der sich vom Berg herab in vier unterschiedliche Richtungen ergießt. Während der Gipfel des Berges den Himmel berührt, reicht sein Fuß bis in die Unterwelt; der Weltenberg steht somit als verbindende Mitte zwischen oben und unten und zwischen allen Kontinenten.

Bergpilgern als Aufstieg der Seele

Der Aufstieg auf einen solchen heiligen Berg wird mit dem Gedanken der besonderen Läuterung oder inneren Reinigung verbunden. Wer auf dem Gipfel ankommt und dort dem Himmel besonders nahe sein möchte, der benötigt dafür die nötige innere Einstellung. Der Weg vom Fuß des Berges zu dessen Gipfel eröffnet die Möglichkeit, den eigenen Ballast abzuwerfen, Gedanken zu klären, um dann mit einer neuen Klarheit und inneren Freiheit sich auf dem Gipfel der Begegnung mit dem Himmel zu öffnen. So geschieht es zum Beispiel bei den Aborigines und ihrem Aufstieg auf ihren heiligen Berg, den Uluru.

Aufgrund der besonderen Gottesnähe des Gipfels hat man dort oft Kirchen, Tempel oder religiöse Heiligtümer errichtet. Und wo es keine natürlichen Erhebungen in der Landschaft gegeben hat, da wurden sie kurzerhand durch Menschenhand geschaffen, um den Menschen so einen Zugang zu den göttlichen Sphären zu eröffnen. Die Pyramiden sind beeindruckende Beispiele solcher Versuche. Auf der Insel Java in Indonesien erhebt sich die Tempelanlage Borobudur wie eine gewaltige Pyramide gen Himmel empor. Der gesamte Komplex ist in Form eines künstlichen Berges errichtet; der Besucher wird zum Aufstieg auf den heiligen Berg eingeladen. Ähnliche Bauwerke waren die Zikkurat in Mesopotamien oder eben die Pyramiden in Ägypten und Mittelamerika.

Bild: ©KNA

Pyramiden wie hier in Ägypten sind beeindruckende Versuche der Menschen, heilige Berge künstlich zu erschaffen.

Als Ort der Gottesbegegnung sind Berge auch häufig Ort der Gottesoffenbarung. Das bekannteste Beispiel hierfür findet sich im Alten Testament: Der Berg Horeb im Sinai wird zum Berg der Kundgabe Gottes und seiner Gebote. Es wird geschildert, wie Mose den Aufstieg auf den Berg wagt, um dort Gott zu begegnen, um dort sein Gesetz zu empfangen. Und mit den Tafeln in den Armen, auf denen das göttliche Gebot aufgeschrieben ist, steigt Mose vom Berg herab und übergibt dem Volk Israel die Satzungen, die er selbst empfangen hat. Ähnliches begegnet auch im Islam: Dort ist es der Berg Hira, auf den sich der Prophet Mohammed zurückzieht, um dort die erste der göttlichen Offenbarungen zu erhalten. Es heißt in der muslimischen Tradition, dass sich Mohammed jährlich für eine bestimmte Zeit an den Berg zurückgezogen habe, um dort innerlich einzukehren und zur Ruhe zu finden.

Biblisch lassen sich viele Anknüpfungspunkte an die religionsgeschichtliche Tradition der heiligen Berge finden: Prominentes Beispiel im Alten Testament ist der bereits genannte Berg Horeb im Sinai-Gebirge. Wie Ex 3,1 schildert, ist der Horeb schon vor der Mose-Geschichte ein "Gottesberg", der schließlich auch im Zug der Episode rund um den Propheten Elija bedeutend wird (vgl. 1 Kön 19,8). Nach Ex 19 ist der Horeb der Ort der Begegnung zwischen Mose und Gott, und Ex 24 schildert, wie auf dem Horeb der Bund zwischen Gott und seinem Volk Israel geschlossen wird. Gemäß Ex 34,5 bleibt Gott nicht in den Höhen des Gipfels des Horeb, er steigt in einer Wolke mit Mose herab, um dem Volk Israel seine bleibende Gegenwart zu verheißen.

Wenn heilige Berge die Religion wechseln

Als Stätten des Kultes oder für Opferzeremonien sind Berge im Alten Testament zahlreich bezeugt: Auf einem Berg im Land Morija soll Abraham seinen Sohn Isaak als Opfer darbringen (Gen 22), auf dem Gipfel des Berges Pisga errichten Bileam und Balak sieben Altäre, um Stiere und Widder zu opfern (Dtn 23,14), auf dem Berg Ebal baut Josua ein Heiligtum für Gott (Jos 8,30) und das Karmel-Gebirge ist als Ort des Gottesurteils überliefert (1 Kön 18). Daneben werden vor allem Opferstätten für fremde Götter bezeugt, die auf den Bergeshöhen errichtet wurden.

Sowohl der Berg Hermon als auch der Berg Garizim werden alttestamentlich immer wieder thematisiert: "Tabor und Hermon jauchzen bei deinem Namen", heißt es in Psalm 89. Und der Garizim wird zum Ort für das Heiligtum der Samariter, die dort ihren Tempel bauen, nachdem sie sich von der Jerusalemer Tradition losgesagt haben. Später führen die Römer diese Überlieferung des heiligen Berges weiter, indem sie auf dem Garizim einen Zeustempel errichten. Dieser wiederum wird von einer byzantinischen Kirche abgelöst. Dieses Beispiel zeigt, dass es durchaus eine Tradition der heiligen Berge auch über die Religionen hinweg geben kann.

Bild: ©KNA / Corinna Kern

Noch heute pilgern Samaritaner alljährlich für ihr Pessach-Fest zum heiligen Berg Garizim im Westjordanland.

Der bekannteste heilige Berg im Alten Testament ist freilich der Berg Zion: Nach Jes 2,2 ist er der Ort des Hauses des Herrn; er ist der höchste der Berge, der alle Hügel überragt und zu dem alle Völker strömen (Mi 4,1). Der Zion ist der heilige Berg in Jerusalem (Jes 27,13), hier steht der Altar, auf dem Brandopfer und Schlachtopfer dargebracht werden (Jes 56,7); wer auf diesem Berg Gott anruft, wird Erhörung finden (Ps 3,5).

Auch neutestamentlich sind mehrere heilige Berge überliefert: So heißt es, dass Jesus auf einem Berg den Zwölferkreis einsetzt (Mk 3,13-19), auf einen Berg zieht sich Jesus immer wieder zurück, um in der Einsamkeit zu beten (Mk 6,46). Prominent sind der Berg der Seligpreisungen und der anschließenden Paränese (Mt 5,1-7,29) sowie der Berg, auf dem Jesus verklärt wird (Mk 9,2-10). Im Zusammenhang mit der Passionsgeschichte zieht sich Jesus an den Ölberg zurück, um zu beten; dort wird er auch von seinen Verfolgern gefangengenommen. Und gemäß Apg 1,12 ist der Ölberg auch der Ort der Himmelfahrt Jesu; auch Matthäus überliefert die Himmelfahrt, wenngleich er sie nach Galiläa verlegt, aber auch dort auf einem Berg lokalisiert (28,16).

Heilige Berge werden bis heute verehrt und es gibt sie nicht nur im Heiligen Land, sondern sie sind auch hier in Europa weit verbreitet: Bekannt ist zum Beispiel der St. Annaberg in Oberschlesien. Er ist bis heute einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Region. In der Nähe der tschechischen Stadt Králíky (Grulich) befindet sich der Muttergottesberg mit einer Wallfahrtskirche und einer Klosteranlage. Im Piemont und der Lombardei gibt es die sogenannten "Sacri Monti", große Kapellenanlagen, die auf Bergen gebaut wurden. Das Kloster Andechs liegt auf dem "Heiligen Berg der Bayern" und in China gibt es gar eine ganze Reihe von heiligen Bergen, die von den Angehörigen der verschiedenen Religionen verehrt werden.

Von Fabian Brand