Jesus begrüßt uns mit ausgebreiteten Armen

Was Umarmungen mit dem Kreuz zu tun haben

Aktualisiert am 15.08.2022  –  Lesedauer: 
Was Umarmungen mit dem Kreuz zu tun haben
Bild: © Privat
Spiritea

Kloster Grafschaft ‐ Umarmungen sind lebensnotwendig, findet Schwester Gabriela Zinkl. Dabei umarmen wir uns als Erwachsene viel zu selten. Zum Glück wird sie immer wieder daran erinnert, und das ausgerechnet durch den gekreuzigten Jesus an der Wand ihres Klosters.

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Weit ausgebreitete Arme, so unendlich weit, dass man damit die ganze Welt umarmen könnte. Wer macht das heute noch und stellt sich so hin? Das scheint irgendwie verloren gegangen zu sein – oder haben wir dafür nur zu wenig Gelegenheiten? Am ehesten sieht man Menschen mit offenen Armen noch am Bahnhof oder Flughafen, wenn jemand eine ankommende Person sehnsuchtsvoll erwartet, um sie fest in die Arme zu schließen. Auch der Eingang zum Kindergarten ist so ein Ort, wo Omas oder Opas ihre Arme ganz weit ausbreiten, um das Enkelkind in Empfang zu nehmen. Wer erinnert sich nicht an das großartige Gefühl, dem Opa oder Papa voller Begeisterung entgegenzulaufen, um dann in seinen Händen einmal durch die Luft gewirbelt zu werden! Auch wenn Gelegenheiten dieser ganz speziellen Nähe in letzter Zeit selten geworden sind, es gibt sie anscheinend doch noch. Vermutlich muss man nach ihnen nur lange genug Ausschau halten oder besser nach Menschen, die ihre Arme für uns offenhalten.

Auch Jesus breitet seine Arme aus

Zur Zeit begegne ich mehrmals am Tag jemandem mit weit ausgebreiteten Armen, immer dann, wenn ich durch den Kreuzgang unseres Mutterhauses, Kloster Grafschaft, zum Gebet in die Hauskapelle gehe. Jedes Mal erwartet mich dort einer mit dieser Willkommensgeste, doch gehe ich an ihm oft achtlos vorbei, wie viele andere auch. Der, der da so ausdauernd mit weit ausgebreiteten Armen wartet, hat sich wohl oder übel daran gewöhnt, dass die meisten an ihm vorübergehen, ohne ihn groß zu beachten. Es ist Jesus am Kreuz. Gut, es ist eine Jesus-Figur, geschnitzt aus altem Holz, aber wenn man davor steht und diesen Jesus länger anschaut, dann ist es ganz konkret die Darstellung eines Menschen wie du und ich, Jesus. Man sieht ihm die Erschöpfung vom langen, vergeblichen Warten richtig an. Tja, so hängt man eben am Kreuz, das ist kein Vergnügen, denkt sich jetzt vielleicht mancher. Das stimmt, wir sind diesen Anblick gewöhnt, von Kruzifixen genauso wie von Nachrichtenbildern über Kriegsopfer und Flüchtlinge. Wenn wir Jesus am Kreuz sehen, nehmen wir meistens zuerst sein leidendes Gesicht und seinen misshandelten Körper wahr und übersehen dabei ein wichtiges Detail: seine so unendlich weit ausgebreiteten Arme. Sie sind immer mit dabei: wenn wir die Passionsberichte der Evangelien lesen genauso, wie wenn wir Bilder oder andere Kreuzesdarstellungen betrachten. Jesus am Kreuz, ohne Arme – das geht nicht.

Bild: ©Privat

Jesus hängt ohne Kreuz an der Wand im Kloster Grafschaft.

Auf meinem Weg durch den Kreuzgang komme ich also zuerst an dieser menschengroßen Jesus-Figur vorbei, hoch aufgehängt an der weißen Wand. Er sieht erbärmlich aus, nackt, hilflos, schutzbedürftig. Das fällt umso mehr auf, weil hier nur der blanke Körper Jesu ausgestellt ist, das Holzkreuz dazu fehlt, beides stand früher im Freien, durch die feuchte Witterung hat nur die Jesus-Figur überlebt. Wenige Schritte weiter hält mir ein leichenblasser Jesus seine Arme entgegen. Das barocke Ölgemälde zeigt seine Kreuzigung in dunklen Farben, nur der entstellte Körper und das Gesicht schimmern hell, fast ein wenig unheimlich. Nicht weit davon entfernt gibt es eine geöffnete Tür in einer Nische, die den Blick in eine kleine Kapelle freigibt. Dort flackern fast immer Kerzen am Opferstock, der Ort ist öffentlich zugänglich. Das ist die Kreuz-Kapelle unseres Klosters mit Jesus im Zentrum an einem romanischen Holzkreuz, der alle Blicke auf sich zieht. Er steht aufrecht am Kreuz und wirkt so gar nicht statisch festgenagelt, sondern eher so, also ob er einen mit seinen weiten Armen buchstäblich umarmen und herabsteigen möchte.

Umarmungen sind lebensnotwendig

Die weit ausgebreiteten Arme Jesu am Kreuz faszinieren mich. Ich kann nicht anders, als in ihnen ab und an eine Einladung zur Umarmung zu sehen, für mich allein wie für die ganze Welt. Eine Umarmung ist etwas sehr Schönes und Lebensnotwendiges für uns Menschen, das beschreibt auch ein Text aus dem Alten Testament: "Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. […] eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen" (Kohelet 3,1.5).

Ganz so einfach ist es mit dem Umarmen und Umarmtwerden von Jesus am Kreuz natürlich nicht. Denn er ist ja an den Armen festgenagelt. Er wurde zum Tod verurteilt, ans Kreuz geschlagen und starb einen qualvollen Tod, wie uns die biblischen Passionsberichte überliefern. Erst einige Jahrhunderte nach seiner Auferstehung ist das Bild vom gekreuzigten Jesus zum Symbol und Lichtblick für Christen geworden, hinter dem sich viel mehr Sinn verbirgt, zum Beispiel auch die weit ausgebreiteten Arme. In der christlichen Spiritualität gibt es dazu sogar eine Körper-Übung: sich aufrecht hinstellen, die Arme weit ausbreiten und stehen bleiben. Besonders gut funktioniert das draußen in der Natur. Wenn man dabei an Jesus Christus am Kreuz denkt, ist es viel mehr als nur Morgengymnastik. Am Anfang spürt man bei dieser Haltung noch ein Gefühl der Freiheit und des Aufatmens. Doch je länger man die Arme gestreckt zu halten versucht, desto schwerer werden sie. Wie lange halte ich das aus? Wer möchte da nicht bald die Arme fallen lassen und das Ganze beenden? Wenn man so wie Jesus am Kreuz festgenagelt ist, geht das aber schlecht, und es geht schon dreimal nicht, sich einfach so vom Kreuz herabzuschwingen und jemand anderen zu umarmen. Da müssen wir schon selbst aktiv werden. Eine Mitschwester hat mir den weisen Rat gegeben: "Jesus umarmen? Das geht nur, wenn man auch sein Kreuz umarmt."

Ausgebreitete Arme in der Kirche

Apropos Jesus am Kreuz – neben Bahnhof, Flughafen und Kindergarten gibt es noch einen Ort, an dem ausgebreitete Arme häufiger zu sehen sind: in der Kirche, wenn der Priester im Gottesdienst die Gemeinde zum Gebet einlädt. Die Vorsteher-Gebete der Messfeier, wie Tagesgebet, Gabengebet, Hochgebet und Schlussgebet, soll der Priester mit ausgebreiteten Armen sprechen; noch dazu werden sie eingeleitet mit den Worten: "Lasset uns beten." Es betet also nicht der Priester allein, sondern wir alle sind dazu eingeladen, durchaus auch mit erhobenen oder ausgebreiteten Händen. Das war jahrhundertelang die normale Gebetshaltung im Gottesdienst für alle. Inzwischen ist diese Geste selbst bei Priestern ein wenig verkümmert und nicht jeder hat diesen Mut und diese Einstellung – oder warum beschränkt sich mancher Zelebrant auf maximal schulterbreit geöffnete Arme, die eher abwehrend als einladend wirken? In solchen Augenblicken hilft der Blick auf Jesus am Kreuz, mit den Worten des Priesters und Literaten Lothar Zenetti: "Er starb, wie er lebte, und er lebte, wie er starb: mit ausgebreiteten Armen." Wir bräuchten mehr Menschen dieser Art, mit weit ausgebreiteten Armen bis zum Schluss.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.