Standpunkt

Die Institutionen sind in der Krise – und die Kirche mittendrin

Aktualisiert am 24.08.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Die Affäre um die ehemalige rbb-Intendantin führt nach Ansicht von Peter Otten vor Augen, dass die gesellchaftlichen Institutionen in einer tiefen Krise stecken – auch die Kirche. Das sei schade, denn gerade jetzt fehle sie als "Sinnagentur".

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Zweifellos befindet sich die Gesellschaft mitten in einem Epochenwandel. Und tragischerweise sind die Institutionen in diesem Wandel keine Stütze, sondern Teil der Krise. In einer Zeit, in der die Gesellschaft eigentlich dringend verhandeln müsste, in welcher Sozialgestalt die Menschen zusammenleben wollen, fällt eine Institution nach der anderen ermattet aus. Neu hinzu gesellt hat sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Ausgerechnet in einer Zeit, in der in Meinungsvielfalt, Informationsqualität und Diskurstiefe investiert werden müsste, versinkt der rbb in einem Sumpf von Selbstbedienungsmentalität, Führungsversagen und finanzieller Intransparenz. Andere Institutionen wackeln auch: Das Bildungssystem, der Gesundheitssektor, der Breitensport oder die großen Volksparteien.

Mittendrin in dieser Institutionenkrise befinden sich die Kirchen. "Wir als Kirche müssen endlich verstehen – uns wird niemand vermissen", hat der evangelische Pfarrer Justus Geilhufe vor ein paar Tagen in der "Welt" geschrieben. Und er hat ja Recht: Eine Kirche, die wie in Köln Betroffene sexualisierten Missbrauchs dazu instrumentalisiert, eine von der Leitung bereits beschlossene Entscheidung zu orchestrieren, wird niemand vermissen. Institutionen, die – wie der rbb oder die katholische Kirche, nicht nur in Köln – in ethischen und moralischen Fragen zynisch handeln – cui bono?

Und genau darin liegt die Tragik. Denn eine Gesellschaft ohne einen in ihr verankerten und vom Grundgedanken her unabhängigen Rundfunk mag ich mir nicht vorstellen. Und eine Gesellschaft, in der niemand mehr dem zynischen Gedanken, "Freiheit ist das, was funktioniert" (Jean-Pierre Wils) etwas mit Wumms entgegensetzt, diese Gesellschaft ist ärmer.

Es ist tragisch, dass die Kirche in dieser Krise als "Sinnagentur" weitgehend ausfällt. Gerade jetzt, wo die Suche nach dem Sinnvollen ganz oben auf dem Stapel liegt. Zur Frage der Krisenresilienz und dazu, wie Zuversicht in der Welt bleibt, dazu hat die religiöse Erzählung viel zu sagen. Weil sie Vertrauen lehrt, die eigenen Begrenzungen zu akzeptieren hilft und auch dabei behilflich ist, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen. Was bleibt, ist die Integrität, die "street credibility" derjenigen, die in dieser entkirchlichten Kirche diese Gedanken identifizierbar weiter hochhalten wollen. Integre Menschen werden in einer Gesellschaft auseinanderfallender Institutionen noch sehr wichtig werden.

Von Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.