Manchmal werden Wünsche wahr

Von Herzenswünschen und Fürbittenbüchern

Aktualisiert am 29.08.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Manchmal werden Wünsche wahr – solche, die uns extrem wichtig sind, hinterlassen wir gerne an einem besonderen Ort. Aber nicht nur die Klagemauer in Jerusalem ist eine Anlaufstelle. Auch in Gemeinden hierzulande gibt es Fürbittenbücher und Gebetsorte.

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Gerade noch rechtzeitig geschafft, denkt sich Stefan, als er verschwitzt die schwere Tür zur Kirche öffnet. Beim Hineingehen hört er schon den Gesang der Mönche zum Abendgebet, der Vesper. Irgendwie zufrieden und auch staunend setzt er sich in eine der hinteren Bänke, stellt seine Fahrradtasche neben sich und sofort fällt die ganze Anspannung von ihm ab. Genau an diesem Ort wollte er heute ankommen, in der Klosterkirche der Mönche auf dem Berg. Erst lauscht er dem Gesang der Mönche, ihren Lesungen und Gebeten. Dann steht er auf und macht sich leise auf den Weg in die kleine Seitenkapelle. Sie ist das eigentliche Ziel seiner Fahrradtour, denn dort erwartet ihn das große Buch, aufgeschlagen auf einem Ständer. Bevor er den Stift in die Hand nimmt und darin zu schreiben beginnt, überlegt er noch eine Weile. Dann gibt er sich einen Ruck. Es wird ein langer Text, in den viel Herzblut fließt und nicht nur das. Stefan unterschreibt am Ende mit seinem Namen und malt ein schattiertes Herz darunter. Danach geht er zum Kerzenständer und zündet eine kleine Kerze an, nicht nur eine, sondern gleich mehr, sicher ist sicher. Als er die schwere Tür der Kirche wieder hinter sich schließt, geht gerade die Sonne unter. Sichtlich entspannt und gut gelaunt tritt er mit seinem Fahrrad die Heimfahrt an. Vielleicht passiert jetzt bald ein Wunder, denkt er sich, und der liebe Gott schickt endlich die Frau fürs Leben bei mir vorbei.

"Hallo lieber Gott, da bin ich wieder."

Sie sind also nicht vergeblich und werden überall genutzt, die Bücher, die in vielen Kirchen, Krankenhauskapellen oder Autobahnkirchen für persönliche Anliegen, Fürbitten und Nöte bereitliegen. Egal ob offline oder online, Anliegenbücher, Fürbittenseiten, echte oder virtuelle Räume für Gebetsanliegen und das Anzünden von Kerzen mit einer bestimmten Intention werden stark angenommen. Es gibt viele Möglichkeiten bei Kirchengemeinden, Klöstern und Ordensgemeinschaften, diese um ein Gebet in einem ganz persönlichen Anliegen zu bitten und eine Kerze anzuzünden (zum Beispiel hier).

"Warum hast du mir den auch noch den Sohn genommen? Es war schon schwer, den Mann zu verlieren." R.W.

"Heute habe ich alle Kerzen angezündet, die noch da waren. 1.471 Schritte habe ich heute gelaufen. Es geht mir besser, viel besser, ich darf nach Hause. Danke für alles." B. B.

Für nicht wenige sind die Gebetsnischen einer Kirche oder das Angebot, seine Fürbitte anonym in ein Buch einzutragen, eine wichtige Anlaufstelle, so wie für Stefan auf der schwierigen Suche nach der großen Liebe. Nur die Augen zu schließen und sich etwas wünschen, wie beim Auspusten der Kerzen des Geburtstagskuchens oder beim Anblick einer Sternschnuppe am Nachthimmel, das reichte Stefan nicht aus. Er wollte so etwas wie eine höhere Garantie, dass sein Wunsch tatsächlich in Erfüllung geht. Wenn man selbst nicht mehr weiter weiß, dann sind die Gebetsnischen und Anliegenbücher in den Kirchen wie im Internet dafür genau der richtige Ort. Sie sind mehr als fromme Spielerei und mehr als ein leicht zu bedienender "Wunsch-Automat". So wie Stefan lassen dort viele ein ganz persönliches Anliegen zurück, von dem fast niemand anderes weiß und das sie dem lieben Gott allein anvertrauen, aus gutem Grund.

Eine Sternschnuppe ist am Himmel zu sehen.
Bild: ©dpa/Patrick Pleul

Manchmal sind Sternschnuppen nicht genug.

Einer der bekanntesten Orte der Welt, eine Fürbitte zum lieben Gott zu bringen, ist nicht etwa ein Briefkasten im Vatikan, sondern die Klagemauer in Jerusalem. Für Juden ist sie ein heiliger und wichtiger Ort des Gebets. Die nur auf Deutsch so bezeichnete "Klagemauer" ist im Freien, 48 Meter lang und 18 Meter hoch und ein heute noch sichtbares Teilstück des einstigen Jerusalemer Tempelbergs. Sie war kein Teil des Tempels, sondern ein Stück der mehr als 2000 Jahre alten Außenmauer des Areals, auf dem bis 70 nach Christus der Jerusalemer Tempel stand und dann zerstört worden ist. Für Juden ist dieses Stück Mauer des Tempelareals einfach "die Westmauer" oder kurz "Mauer" (hebräisch: ha-kotel ha-ma’arawi). Täglich besuchen viele Menschen diesen Ort, um dort zu beten. Da viele damit ein Bittgebet verbinden, oder auch die Hoffnung, der einstige Tempel wird wieder aufgebaut, liegt der Name "Klagemauer" nahe. Tatsächlich nutzen viele Besucher die Möglichkeit, zwischen den Ritzen der Mauersteine ein kleines Zettelchen mit ihrer persönlichen Bitte zu hinterlassen, alternativ kann man seine Fürbitte auch online übermitteln. Was passiert dann mit diesen Zetteln und Gebeten? Zweimal im Jahr werden sie sorgfältig eingesammelt und auf dem jüdischen Friedhof auf dem Ölberg vergraben. Dahinter steht die Erwartung, dass Gott diese Anliegen bei seinem Wiederkommen erfüllen wird. All die Bitten zerfallen nicht einfach zu Staub, sondern werden in Gottes Hand gelegt.

Nicht nur an der Klagemauer werden Bitten in Gottes Hand gelegt.

Von derselben Hoffnung sprechen all die Einträge, Zeichnungen, Bitten, Dankesworte und Wünsche in den vielen Fürbittenbüchern und Anliegenforen in unseren Kirchen. Wie gut, dass es sie dort gibt! Nicht nur, dass man sich seinen Ärger, seine Angst, seine Bitte von der Seele schreiben kann – auch das allein tut ja schon gut. Aber da ist noch viel mehr. Meine Fürbitte, mein persönliches Anliegen, bleibt dort nicht einfach so stehen. Hinter jedem dieser Bücher und digitalen Angebote steht ein doppeltes Versprechen: Da ist jemand, der mein Anliegen ernst nimmt und für mich betet, sei es ein Gebetskreis der Kirchengemeinde, eine Ordensschwester, ein Ordensbruder. Und da ist jemand, der mich und meine ganz persönliche Sehnsucht und Verzweiflung ernst nimmt, "Gott" eben.

"Ich durfte gerade erfahren, dass es meiner Oma und Opa viel besser geht und dafür möchte ich mich jetzt bedanken! Halte deine schützenden Hände über sie und lass ihnen noch genügend Zeit auf Erden. Danke!" Janina

"Lieber Gott! Noch zwei Tage und ich breche auf zu meiner Reise. Der Reise meines Lebens. Mach, dass alles gut wird. Beschütze und behüte mich auf meinen Wegen und bleibe bei mir. Hilf, dass ich ganz gesund bleibe […] Ich danke Dir von Herzen, dass ich diese Möglichkeiten habe." Lea

"Danke, dass ich leben darf!" M.

"Lieber Gott, heute bin ich hier und ich bitte dich, dass Du uns alle beschützen tust. Unsere ganze Familie und alle Leute auf dieser Welt." Rosi

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.