Leben mit der Immunschwächekrankheit

Wie Amélie nach ihrer HIV-Diagnose zurück ins Leben fand

Aktualisiert am 17.09.2022  –  Lesedauer: 
Wie Amélie nach ihrer HIV-Diagnose zurück ins Leben fand
Bild: © privat

Bonn ‐ Eine HIV-Diagnose, der Tod ihres damaligen Freundes und soziale Ausgrenzung: Was Amélie mit ihrer Drogensucht erlebt hat, wünscht man niemandem. Nach Jahrzehnten aber fand sie die Hilfe, die sie brauchte – und kämpfte sich zurück.

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Der Flur von Amélies* Wohnung ist wie ein Erinnerungsalbum. Die Wände hängen voller Schnappschüsse ihrer Familie, Fotos von Freunden und Beziehungen. Über der Tür zur Küche blickt man auf ein ganz besonderes Erinnerungsstück: Ein altes T-Shirt mit der Aufschrift "My Favorite" ist eingerahmt – zusammen mit zwei Heroinpäckchen. Amélies Freund hat vor das "Favorite" noch ein "Ex-" gesetzt. Denn die Drogen sind schon lange nicht mehr ihr Liebling.

Was Amélie mit und in Folge ihrer Sucht erlebt hat, will niemand durchmachen: HIV-Diagnose, der Tod ihres damaligen Freundes, soziale Ausgrenzung, über Jahrzehnte hinweg schwere gesundheitliche Probleme. Die wenigsten würden humorvoll mit einer solchen Geschichte umgehen. Doch es ist ihr Weg, das Erlebte zu verarbeiten. Und ein Zeichen dafür, wie stark es sie gemacht hat, sich zurück in ein erfülltes Leben zu kämpfen.

"Wir haben gedacht, wir leben nur noch ein Jahr"

Amélie ist 13, als sie das erste Mal von zu Hause wegläuft. Ihre Eltern wohnen in Frankreich, das Verhältnis ist schwierig. Zwei Jahre lang geht es "hin und her", wie Amélie sagt. Bis sie mit 15 in eine Kommune zieht. Sie fängt mit dem Kiffen an, doch bald werden die Drogen härter. Amélie wird abhängig von Kokain und Heroin. Die Sucht beginnt, ihr Leben zu bestimmen.

Im September 1985, Amélie ist 29 Jahre alt, geht ihr damaliger Partner zu einem Bluttest. Beim Arzt steht ein Schild: "Lassen Sie sich auf HIV testen." Er lässt sich testen – und erfährt, dass er positiv ist. Auch bei Amélie schlägt der Test an.

Für das Paar bricht eine Welt zusammen. Zur damaligen Zeit ist die Aids-Forschung noch in den Kinderschuhen, eine Diagnose gilt als sicheres Todesurteil. "Wir haben gedacht, wir leben nur noch ein Jahr. Und haben uns überlegt: Wie kann man sich selbst vorher wegmachen?", erzählt Amélie.

Schwiegereltern wischten Türklinken ab

Noch dazu kommt: Aids gilt als Krankheit der Homosexuellen und Abhängigen und wird gesellschaftlich geächtet. "Die Reaktionen waren kriminell", erinnert sich die heute 66-Jährige. Wirklich akzeptiert hätten es nur Freunde aus der Drogenszene. Ihren Eltern, weit weg in Frankreich, erzählt sie nichts von ihrer Diagnose.

Die Eltern ihres Freundes seien wenigstens nett gewesen und hätten Geld zusammengelegt. "Sie wollten uns nach Israel schicken, wir sollten dort Kerzen anzünden." Umarmungen habe es danach aber auch keine mehr gegeben. "Meine Schwiegereltern haben nach dem Besuch die Türklinken abgewischt", erinnert sich Amélie. Wenn andere sie nach ihrer Erkrankung gefragt hätten, habe sie gelogen. "Ich habe zwischendurch gesagt, ich habe Krebs. Da wurde ich wenigstens bedauert."

Todesfall und schwere gesundheitliche Probleme

1990 steigt Amélie ins Methadonprogramm ein. Der erste Schritt zurück in ein suchtfreies Leben. Doch der nächste Rückschlag folgt nur drei Jahre später: Amélies Partner wird bei einem Autounfall getötet, sie selbst überlebt schwerstverletzt. Es folgen Jahrzehnte gesundheitlicher Probleme.

Amélie braucht lange, um sich vom Unfall zu erholen. Ihr Körper ist durch die HIV-Infektion sowieso schon geschwächt. Sie erkrankt an Hepatitis B und C, erleidet eine Leberzirrhose. Dazu kommen Lungenentzündungen am laufenden Band, Pilze, Gürtelrose. Ein Jahr sitzt sie im Rollstuhl. "Keiner wusste, was los war", erzählt sie.

Ein Rollstuhl steht vor einer Zimmertüre.
Bild: ©dpa/Oliver Killig

Nach einem Unfall war Amélie gesundheitlich geschwächt ein Jahr lang auf einen Rollstuhl angewiesen.

Auch beruflich gibt es Rückschläge. Vor ihrem schweren Unfall arbeitet Amélie in einem Spielcasino in Bonn. "Das hat mir sehr viel Spaß gemacht", sagt sie. "Aber eines der Mädels dort wusste, dass ich HIV-positiv bin und hat es weitergetragen." Amélie verliert ihren Job. Nach dem Unfall ist sie erwerbsunfähig.

Traum vom eigenen Führerschein erfüllt

Die Aussicht, endlich clean zu werden, lässt sie aber nicht aufgeben. 2000 schließt sie das Methadonprogramm erfolgreich ab. Und erfüllt sich mit 44 Jahren einen großen Traum: den eigenen Führerschein. "Ich musste nicht mehr trampen oder jemanden bitten, mich zu fahren", erzählt Amélie. "Ich habe mich so frei gefühlt."

Außerdem lernt sie ihren Lebenspartner kennen, mit dem sie auch noch heute zusammen ist. Mit ihrem Freund kommt gleich ein neuer Freundeskreis dazu. Amélie beginnt auch, soziale Kontakte von vor ihrer Sucht zu reaktivieren.

Endlich schlägt das Pendel wieder in die richtige Richtung aus. Trotzdem: Die Drogensucht hat Spuren bei Amélie hinterlassen. Und das nicht nur körperlich. Wie bei vielen anderen Menschen, die abhängig waren, hat der Konsum Amélies Selbstständigkeit genommen. Behörden- und Arztgänge, Sachen transportieren, selbst kochen – all das muss sie (neu) lernen.

Dabei unterstützt sie seit 2007 die Aids-Hilfe des Sozialdiensts katholischer Männer, kurz SKM. Anders, als es der Name suggeriert, sind die Angebote geschlechterübergreifend.  

Rundum-Betreuung beim SKM

Der SKM hilft Menschen, die HIV-positiv sind, in drei Bereichen. Bereich eins ist die Beratung – zu medizinischen und sozialrechtlichen Fragen, bei sozialen Schwierigkeiten und seelischen Problemen. Bereich zwei sind die gemeinsamen Aktivitäten mit Betroffenen, Angehörigen und Interessierten. Das soll verhindern, dass die Betroffenen sozial isoliert werden. Der dritte Bereich ist das Wohnangebot. Im Haus Lukas in Köln beispielsweise gibt es neun Mietappartements, in denen Betroffene ambulant und betreut leben können.

Von 2009 bis 2017 wohnt Amélie in einem dieser Appartements. "Durch den Umzug nach Köln konnte sie medizinisch besser versorgt werden. Auch hat sie neue Kontakte im und durch das Haus Lukas geknüpft", sagt Tina Beforth vom SKM. Sie betreut Amélie seit sechs Jahren. Auch nach Amélies Umzug in eine eigene Wohnung sehen die beiden sich noch einmal pro Woche.

Bild: ©

Die SKM-Betreuerin Tina Beforth unterstützte Amélie in dieser herausfordernden Zeit.

"Zwischenzeitlich hatte Amélie Zeiten, in denen es ihr gesundheitlich sehr schlecht ging. Sie saß im Rollstuhl und hatte auch andere Erkrankungen. Da war es für sie sehr hilfreich, dass sie die Unterstützung durch uns erhalten hat und auch dadurch, dass das Haus rund um die Uhr besetzt ist. Da sie Konzentrations- und Merkschwierigkeiten hat, ist es wichtig, dass sie zu Arztterminen begleitet wird, sodass die Inhalte auch später nochmal aufgegriffen und besprochen werden können", sagt Tina Beforth.

Amélie sei es wichtig, von einer Frau betreut zu werden. "Im Frau-Frau-Kontakt fällt es ihr leichter, über manche Themen zu sprechen und sich zu öffnen", sagt ihre Betreuerin.

"Abhängig war ich lange genug"

Amélie hat die Zeit im Haus Lukas gut getan. "Ich bin viel selbstbewusster geworden. Das war ich früher gar nicht. Und viel selbstständiger. Viele Gänge könnte ich heute auch alleine machen." Aus dem professionellen Verhältnis zu ihrer Betreuerin ist mittlerweile ein freundschaftliches geworden.

Seit 2000 ist Amélie komplett clean. Heute gehe sie viel bewusster mit sich und ihrem Körper um, sagt sie. Seit drei, vier Jahren nehme sie auch ihre HIV-Medikamente regelmäßig ein. Seit sie 2017 ihre Hepatitis-C-Erkrankung überwunden habe, sei sie gesund. "Ich habe Energie ohne Ende", sagt Amélie.

Am liebsten powert sie sich bei der Gartenarbeit aus. "Ich verlasse den Garten erst, wenn es stockdunkel ist." Sie malt und bastelt auch gerne. Kreativ sein, das sei während ihrer Drogenphase "den Bach runtergegangen". Auch Sport mache sie manchmal zu Hause. "Ich habe aber meinen inneren Schweinehund noch nicht überwunden. Alleine ist das immer so schwierig."

Angst vor ihrer HIV-Erkrankung hat Amélie nicht mehr. "Ich habe es schon so lange und hätte nicht damit gerechnet, so alt zu werden", sagt sie. Auch, wenn mit 66 nicht mehr alles so einfach ist wie früher: Sie ist zuversichtlich, noch lange zu leben.

Alleine schon deshalb, um mit ihrem Partner die Welt bereisen zu können; so viele Kulturen und Menschen wie möglich zu entdecken. In diesem Jahr waren sie bereits in Mexiko und den USA. Amélie will außerdem unbedingt nach Afrika und auf die Seychellen reisen. Immer wieder nimmt sie sich aber auch Zeit für sich. "Diese Unabhängigkeit tut mir unglaublich gut", sagt Amélie. "Denn abhängig war ich lange genug."

Von Martin Henning