Ex-Bundesfinanzminister nennt früheren Sowjetchef "christlichen Bruder"

Theo Waigel: In Deutschland Dankgottesdienste für Gorbatschow feiern

Aktualisiert am 01.09.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ In Deutschland wird über Gedenkfeiern für den am Dienstag verstorbenen früheren Präsidenten der Sowjetunion diskutiert: Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel spricht sich etwa für Dankgottesdienste zur Erinnerung an Michail Gorbatschow aus.

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Nach dem Tod von Michail Gorbatschow raten verschiedene Politiker und Experten zu einer eigenen Gedenkfeier in Deutschland. Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) regt an, Dankgottesdienste für den am Dienstag mit 91 Jahren verstorbenen ehemaligen sowjetischen Staatschef zu feiern. Gorbatschow sei für ihn ein christlicher Bruder, dem Deutschland unglaublich viel verdanke und der auch sein Leben mitgeprägt habe, sagte Waigel am Mittwochabend in einem Radiointerview mit dem Bayerischen Rundfunk (BR).

Da es für Berliner Politiker derzeit schwierig sei, nach Russland zu fahren, sollten in Deutschland Dankgottesdienste an vielen Orten stattfinden. "Er hat der Freiheit und der Souveränität der Völker in Mittel- und Osteuropa die Tür aufgemacht und die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht", sagte Waigel im BR. "Das sind unglaubliche Taten, die bleiben bestehen, auch wenn Putin jetzt eine andere Politik verfolgt." Der frühere Bundesfinanzminister war mit dem verstorbenen Friedensnobelpreisträger in einer tiefen Freundschaft verbunden.

Der ehemalige Vorsitzende der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, sagte dem Fernsehsender "Welt": "Ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik Deutschland eine eigene, große, feierliche Gedenkfeier organisiert." Ischinger warnte zugleich vor dem schlechten Eindruck, den eine Reise hochrangiger, deutscher Repräsentanten nach Russland angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage hinterlassen würde. "Sich mit Putin am Grab Gorbatschows ablichten zu lassen. Ich weiß nicht, was das weltweit für einen Eindruck macht."

Eigene Würdigung der Verdienste um deutsche Wiedervereinigung

Stattdessen plädierte der frühere Chef der Münchner Sicherheitskonferenz für eine eigene Würdigung der Verdienste des ehemaligen Generalsekretärs der KPdSU um die deutsche Wiedervereinigung: "Ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik Deutschland – egal ob seitens der Regierung oder initiiert durch den Bundespräsidenten und unabhängig von der Art des Begräbnisses und den Feierlichkeiten in Moskau – hier in Deutschland, vielleicht am Brandenburger Tor, eine eigene, große, feierliche Gedenkfeier organisiert." So würde man Gorbatschows Bedeutung für das deutsch-sowjetische, deutsch-russische Verhältnis gerecht.

Bei Grünen und Linken gibt es Stimmen, die sich für eine Gedenkveranstaltung im Bundestag zu Ehren Gorbatschows aussprechen. "Ich unterstütze es, dass sein Verdienst für Frieden und die Wiedervereinigung im Deutschen Bundestag gewürdigt wird", sagte Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) dem "Spiegel". Auch Linksfraktionschef Dietmar Bartsch erklärte, Deutschland sollte in jedem Fall eine eigene Würdigung von Gorbatschow vornehmen. "Ohne ihn hätte es die deutsche Wiedervereinigung so nicht gegeben", sagte Bartsch dem Magazin. "Denkbar wäre auch eine Feierstunde im Bundestag", so der Linkenpolitiker. Ähnlich äußerte sich Gregor Gysi. Ihm schwebe eine Gedenkveranstaltung vor, "auf der man den Unterschied zwischen Putin und Gorbatschow deutlich macht, damit die scharfe Kritik an Putin nicht zu einer Ablehnung von Gesamtrussland führt", so der Linkenpolitiker gegenüber dem "Spiegel". (tmg/KNA)