Standpunkt

Für Autorität ist das Walten Gottes eine gute Grundlage

Aktualisiert am 05.09.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Abtpräses Jeremias Schröder wirft einen Blick auf das Kardinalskonsistorium und die dortige Diskussion über die Autorität leitender Kurienmitarbeiterinnen. Dazu findet er Hinweise in der Geschichte.

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Beim Kardinalskonsistorium in Rom, so hört man, soll es drängende Nachfragen gegeben haben, wie denn die Autorität von leitenden Kurienmitarbeiterinnen begründet wird, wenn diese Laien sind, was ja seit der jüngsten Kurienreform möglich ist. Die neue offizielle Theorie, wonach diese Leitungsverantwortung einfach vom Papst her delegiert ist, hat wohl noch nicht alle zufrieden gestellt.

Von der Öffentlichkeit eher unbemerkt, hatte Papst Franziskus so etwas Ähnliches im Mai auch für die Männer-Orden eingeführt. Die dürfen neuerdings Obere ernennen oder wählen, die keine Priester sind, selbst wenn der Orden hauptsächlich aus Priestern besteht. Das war zuvor nicht möglich. Die Neuerung entsprach einem Wunsch, der seit etlichen Jahren aus vielen Ordensgemeinschaften immer wieder an den Papst herangetragen worden war, unter anderem von den franziskanischen und vielen monastischen Ordensgemeinschaften.

Weil der Wunsch aus den Orden selbst kam, hat es auch kaum Grundsatzdiskussionen zum Thema gegeben. Das mag auch daran liegen, dass wir ja längst das Beispiel von Äbtissinen und Oberinnen haben, die auch ohne priesterliche Vollmacht recht kraftvoll regieren können.

Das klingt alles recht selbstverständlich, aber natürlich wollen Theologen wenigstens im Nachhinein erklären, warum das auch so sein darf. Die Autorität dieser Ordensoberinnen wird so verstanden, dass sie "von unten" legitimiert ist: durch das Gelübde des Gehorsams der Einzelnen, und dann noch einmal durch die Wahl, wie sie in den Ordensgemeinschaften üblich ist.

Das ist nicht sehr neu – Äbtissinnen werden seit über 1500 Jahren gewählt. Und es ist auch kein Kotau vor modernen Befindlichkeiten. Man kann das an der Formel "gratia Dei – durch die Gnade Gottes", sehen, die eine recht bemerkenswerte Laufbahn durchgemacht hat. Einmal war sie Ausdruck von Demut, dann vom Gottesgnadentum, das sich einige deutsche Duodezfürsten noch bis zum I. Weltkrieg zuschrieben. Sie findet sich noch gelegentlich auf prächtigen Bischofssiegeln. Zum ersten Mal aber taucht diese Formel in den Konzilien des 4. Jahrhunderts auf. Damals sollte das besagen: orthodoxe Beschlüsse müssen "durch das Walten Gottes in den Menschen zustande kommen" (Fiechtenau).

Das Walten Gottes in den Menschen ist eine gute Grundlage für die theologische Legitimation der Ausübung von Macht, finde ich. Die Theologen und Kanonisten werden uns daraus hoffentlich eine vernünftige Theorie entwickeln, die das Wirken der zukünftigen Kardinal-Präfektinnen und der Brüder Äbte gut begründet.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.