Wichtige Geste von Geburt bis Tod

Reich mir die Hand: Das Händchenhalten geht durch das ganze Leben

Aktualisiert am 19.09.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Händchenhalten: Das verbindet man vor allem mit schlendernden Liebespaaren. Schwester Gabriela Zinkl nimmt die Geste genauer unter die Lupe – denn sie begleitet uns unser ganzes Leben lang und bedeutet so viel.

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Nachmittags um halb drei Uhr im Park: Jeden Tag zur gleichen Zeit schlendert ein Liebespaar händchenhaltend den Weg entlang, sie unterhalten sich, schauen sich liebevoll an und gehen dann wieder ein Stück weiter. Man kann die Uhr nach ihnen stellen, so pünktlich und zuverlässig kommen sie jeden Nachmittag hier vorbei. Das Besondere daran: Die beiden sind nicht frisch verliebt und auch keine Teenager mehr, sondern seit mehr als 50 Jahren miteinander verheiratet. Alte Liebe rostet nicht – bei diesem Liebespärchen stimmt das auf jeden Fall.

Was die beiden jeden Tag in aller Öffentlichkeit so liebevoll praktizieren, haben wir durch die Distanz-Regelungen der Pandemiezeit etwas aus den Augen verloren, doch langsam kehrt der vertraute Anblick händchenhaltender Pärchen wieder in unser Leben zurück.

Dass ein Liebespaar miteinander "geht" – so lautet in vielen Gegenden Deutschlands die umgangssprachliche Bezeichnung dafür, dass das Paar fest zusammen ist – und sich mitunter an der Hand hält, ist öffentlicher Ausdruck erster Intimität. Dabei ist es noch nicht lange her, dass dieses Verhalten gesellschaftlich akzeptiert ist. Noch bis in die 1960er Jahre war Händchenhalten für ein Liebespaar in der Öffentlichkeit in unserem Kulturkreis tabu und galt als obszön. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie schüchtern sich die Vertreter beiderlei Geschlechts dieser Zeit wohl in den ersten Tanzstunden einander näher gekommen sind, als sich ihre Hände beim Paartanz berührten. Viel unproblematischer wurde seit jeher das Händchenhalten bei Kindern gesehen, die Kleinen durften sich selbstverständlich an den Händen halten. Niemand kam dabei auf seltsame Hintergedanken, denn es ist ja offensichtlich, dass die Kinder "nur" Spielgefährten sind.

Unsere Hände haben eine Aufgabe

Jemanden an der Hand zu halten, ob verliebt, freundschaftlich verbunden oder aus anderen Gründen, ist eine lebenswichtige Geste, sie ist durch und durch menschlich. Wenn wir unsere Hände einmal vor diesem Hintergrund betrachten, wird klar, dass sie von Geburt bis zum Lebensende darauf ausgelegt sind, etwas zu halten, zu berühren, zu begreifen. Was ist dafür besser geeignet als die Hand eines anderen Menschen? Zack, eine Sekunde und ein Handgriff genügen, und schon greifen die eigene und die fremde Hand treffsicher ineinander. Kein noch so schöner künstlicher Gegenstand, auch kein "Handschmeichler" – aus Holz oder Stein zum Greifen in der Jackentasche – kann diesen einzigartigen Hand-Kontakt ersetzen.

Eine Familie bestehend aus Mutter, Tochter und Vater (von links nach rechts) läuft händchenhaltend eine Wiese entlang.
Bild: ©Kzenon / Fotolia.com (Symbolbild)

Händchenhalten: eine typische Geste bei Eltern und ihren Kindern.

"Lass mich noch eine Weile deine Hand halten, mein Kind. Eines Tages wirst du groß sein, meine liebste Tochter, und ich sehe dabei zu, wie du und ich zusammen wachsen." Der Moment, wenn ein Neugeborenes das erste Mal die Finger oder die Hand der Eltern umfasst, vergessen vor allem die großen Leute sicher nicht. Es ist wie ein Wunder: Diese besondere Berührung zwischen Klein und Groß über die Hände hinterlässt ein einmaliges Wohlgefühl, auf beiden Seiten. Als wir klein waren, haben uns unsere Eltern an der Hand geführt. Das hat uns ein gewisses Gefühl von Sicherheit gegeben. Und nach der Handhaltung konnten wir die Laune der Eltern, Großeltern, großen Geschwister, Verwandten oder Kindergärtnerinnen genau beurteilen: Waren sie gut gelaunt, haben sie unsere Hand sanft gehalten. Wenn wir etwas angestellt hatten oder nur ungern mit ihnen gehen wollte, wurde der Händedruck fester, zum Teil auch richtungsweisender. Das funktioniert bis heute von Generation zu Generation ohne Worte – faszinierend! Die schützende Geste, wenn ein Erwachsener ein Kind an der Hand hält, begegnet uns in unserem Alltag sehr oft, sie ist nicht zu übersehen: Mutter oder Vater mit kleinem Kind an der Hand auf dem Verkehrszeichen für einen Fußgängerweg.

Diese besondere menschliche Geste des An-der-Hand-gehalten-Werdens prägt unser Leben wie keine andere, wenn es dies auch kaum bewusst ist. Nach hoffentlich positiven Erfahrungen mit dem Händehalten in Kindheit, Teenager-Liebe und Tanzkurs macht sicher der Erste-Hilfe-Kurs – für die meisten vor der Führerscheinprüfung – diese wichtige beschützende Funktion präsent. Dort lernt man, dass man einem Unfallopfer nach der Erstversorgung die Hand halten sollte, um ihm das Gefühl zu geben, nicht verloren und nicht allein zu sein.

Mehr als nur Begrüßungsritual

Es ist jedem zu wünschen, dass seine Hand im Laufe des Lebens ganz oft liebevoll gehalten wird; das Festhalten der Hand ist ja weitaus mehr als nur Begrüßungsritual wie der Händedruck. Die friedliche Form einer Demonstration, die Menschenkette, lebt vom Händehalten, davon, dass Menschen Hand in Hand nebeneinanderstehen, sich solidarisieren und friedlich protestieren. Wenn so eine Menschenkette mit Gewalt durchbrochen wird, spricht das Bände für das Verhalten derjenigen, die so unmenschlich handeln.

Bis zum Schluss unseres Lebens ist das Halten und noch mehr das Gehaltenwerden durch die Hand eines anderen Menschen wichtig. Alle die, die Sterbende in ihren letzten Stunden begleiten, können davon auf Berührendes erzählen. Auch hier ist das Händehalten ein intimer Moment, fernab von jeder Sexualität. Es ist deshalb intim, weil man den – oft nur mehr – schwachen Puls- und Herzschlag spürt des anderen mehr als sonst spürt oder zu erspüren versucht. Besonders feinfühlig ist man, wenn der Händedruck am Kranken- oder Sterbebett zunächst noch zart erwidert wird, um dann zunehmend schwächer zu werden. Allein schon der Körperkontakt zwischen der Hand des Sterbenden und des Begleiters kann Trost spenden und die Situation für den Sterbenden erträglicher gestalten: es ist jemand da, ich bin nicht allein.

Als ich dem eingangs erwähnten älteren Liebespaar wieder einmal bei ihrem Nachmittags-Spaziergang im Park begegnete – wir kannten uns vom Sehen –, fragte ich sie, warum so einander so liebevoll an den Händen halten. Sie sagten mir lächelnd, sie passe auf ihn auf und er auf sie. Bei so wunderbarer Sorge füreinander bleibt den beiden nur noch zu wünschen, dass auch der liebe Gott sie bis zu einem Wiedersehen fest in seiner Hand hält.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.