Standpunkt

Kardinal Kochs NS-Parallele ist gerade in der Sache desaströs

Aktualisiert am 30.09.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Im Blick auf die Frage nach der Bedeutung der "Zeichen der Zeit" zieht Kardinal Kurt Koch Parallelen zwischen dem Synodalen Weg und Debatten in der NS-Zeit. Das ist nicht nur auf kommunikativer Ebene katastrophal, kommentiert Matthias Altmann.

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Zu meinen, zwischen heutigen Debatten und Vorgängen in der NS-Zeit irgendwelche Parallelen ziehen zu müssen, geht nie gut. Das dürfte man erst recht wissen, wenn man das diplomatische Parkett kennt, wie es bei Kardinal Kurt Koch eigentlich der Fall ist. Schließlich vertritt er als "Ökumene-Minister" den Vatikan im Gespräch mit anderen Kirchen. Umso erschreckender ist es, dass Koch nun genau das getan hat, um seine Zweifel an der theologischen Grundlegung des Synodalen Wegs auszudrücken. Konkret, dass der Orientierungstext die "Zeichen der Zeit" als neue Quelle neben den Offenbarungsquelle Schrift und Tradition sehe – denn auch die evangelischen "Deutschen Christen" hätten während der Nazi-Zeit in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers eine neue Offenbarung gesehen. Hier irgendeinen Vergleich anstellen zu wollen, ist nicht nur auf kommunikativer Ebene, sondern gerade in der Sache völlig desaströs. Daran ändert auch Kochs nachgeschobene Erklärung nichts.

Bricht man Kochs Argumentation in diesem Punkt herunter, will er davor warnen, dass man sich in kirchlichen Debatten voreilig auf angebliche "Zeichen der Zeit" beruft, da das gerade in Deutschland schon einmal gravierend misslungen ist. Letzteres ist richtig. Doch während die "Deutschen Christen" einst eine ideologische Überformung des Glaubens unternahmen, die ein menschenfeindliches diktatorisches System theologisch rechtfertigen sollte, geht es beim Synodalen Weg um ein ehrliches theologisches Ringen von Katholiken um eine Zukunft der Kirche in Deutschland unter den Bedingungen einer demokratischen Gesellschaft. Zudem will er denen, die unter der Kirche leiden und gelitten haben – Missbrauchsbetroffene, Homosexuelle – Gerechtigkeit verschaffen.

Kardinal Koch hat den Synodalen Weg zwar bereits öfter mit deutlichen Worten kritisiert. Bislang ist er dabei aber keinesfalls als Scharfmacher wie etwa Kardinal Gerhard Ludwig Müller aufgefallen, der den Synodalen Weg mit dem Ermächtigungsgesetz der Nazis aus dem Jahr 1933 verglichen hatte. Ein global geschätzter und bestens vernetzter Kirchenmann und Theologe wie Koch, der in der katholischen Kirche die Verantwortung für die weltweite ökumenische Arbeit trägt, disqualifiziert sich mit solchen Aussagen für den weiteren Diskurs um den Synodalen Weg, womöglich sogar darüber hinaus. Bischof Georg Bätzing hatte eine umgehende Entschuldigung für die Äußerungen gefordert. Doch die Antwort des Kardinals lässt darauf schließen, dass er das Grundproblem seiner Aussage nicht erkannt hat.

Von Matthias Altmann

Der Autor

Matthias Altmann ist Redakteur bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.