Die Gemeinde als Ort der Zugehörigkeit

Auf der Suche nach dem Vibe der Stadt

Aktualisiert am 07.11.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Bonn ‐ Unsere Redakteurin Meike ist in eine neue Stadt gezogen. Sie will wissen: Wie fühlt sich diese neue Stadt an? Wie sind die Menschen hier drauf? In der neuen Gemeinde hat sie eine überraschende Erkenntnis.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

In diesem Jahr bin ich in eine neue Stadt gezogen, ich wohne nun zwar nicht weit weg von meinem alten Wohnort und kann meine Freunde regelmäßig besuchen, aber trotzdem möchte ich meine Nachbarn kennenlernen. Ich möchte den "Vibe" der neuen Umgebung spüren. Was macht man also, um in einer neuen Stadt Fuß zu fassen? Motiviert gehe ich schon am ersten Abend in mein neues Fitnessstudio – und merke schnell, dass meine Definition von "motiviert" in dieser Umgebung nicht dieselbe ist, wie in meinem alten Fitnessstudio. "Ein bisschen Sport und viel quatschen" war da das Motto. Hier ist es eher "viel Pumpen hilft viel". Außerdem wirken hier alle Menschen irgendwie gleich. Eine homogene Masse (wortwörtlich) und alle sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Ob ich den Vibe der Stadt hier finde? Hoffentlich nicht.

Alle sind mit sich selbst beschäftigt.

Meinen Nachbarn begegne ich selten. Business-Leute mit schicken Autos. Sie sind bestimmt nett, haben aber immer schrecklich viel zu tun. Und auch sie wirken alle irgendwie ähnlich. Bis heute weis ich nicht mal, ob ich schon allen meinen Nachbarn im Haus begegnet bin. Dasselbe Gefühl erschleicht mich beim Einkaufen im Laden gegenüber. Jeder hat es unglaublich eilig und holt sich nur einen schnellen Snack zwischen zwei Meetings. Ist etwa Anonymität der Vibe der neuen Stadt?

Betende Hände abgestützt auf einer Kirchbank
Bild: ©KNA/Elisabeth Schomaker (Symbolbild)

Gemeinde ist Gemeinschaft.

Schließlich ist es Sonntag und ich besuche zum ersten Mal den Gottesdienst der neuen Gemeinde. Die Kirche ist praktischerweise nur ein paar hundert Meter weit weg, ich habe den Weg überschätzt und bin ziemlich früh. Trotzdem sind schon ein paar andere da. Ich setze mich nach hinten, um erstmal nicht aufzufallen, da setzt sich direkt eine ältere Dame neben mich. "Sind sie neu hier?" Sie ist nicht die letzte, die mir heute diese Frage stellt. Auch der Pfarrer entdeckt mich schnell und heißt mich Willkommen. Er erzählt mir direkt, welche Angebote es in der Gemeinde alles gibt und lädt mich ein, meinen Vornamen an einer Tafel zu verewigen. Ich merke förmlich, wie sich das Zugehörigkeitsgefühl einstellt, auf das ich bisher vergeblich gewartet habe. Viele Menschen sind heute hier, jüngere, ältere, Familien mit und ohne Kinder. Hier ist niemand gehetzt und niemand nur auf sich selbst bezogen. Alle quatschen miteinander und binden mich direkt in die Gespräche ein. Als der Gottesdienst anfängt, habe ich das Gefühl, in der Stadt angekommen zu sein. Wann immer ich den Menschen begegnen möchte, hier kann ich hingehen.

Die Gemeinde als Anlaufstelle

Sicher ist das nicht in jeder Gemeinde so. Vielleicht war mein Erlebnis auch ein Glücksgriff. Aber ich glaube, dass viele Gemeinden ein Anlaufpunkt für Menschen in den unterschiedlichsten Situationen sind. Solche Anlaufstellen findet man natürlich nicht nur in der Kirche. Aber ich habe festgestellt, dass ich gar nicht den Vibe der Stadt gesucht habe, sondern meinen Vibe in dieser Stadt. Und den habe ich unter anderem in meiner neuen Gemeinde gefunden.

Von Meike Kohlhoff