In der Bibel Fragen in allen Lebenslagen

Gott ist ein großer Frager

Aktualisiert am 31.10.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Bonn ‐ Wenn wir uns anschauen, in welcher Form Gott in der Bibel spricht, dann fallen viele Fragen auf. Gott stellt Fragen in allen Lebenslagen. Sie sind eindringlich und bringen ins Nachdenken. Die Gottesfragen haben es in sich.

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Die "Sendung mit der Maus", in ihrem Jubiläumsjahr 2021 als Rekordhalterin der Fragezeichen gefeiert, nimmt das ernst, was Kinder mit großer Ausdauer tun: fragen. Eltern wissen das, auch dass es unendlich mehr Fragen als Antworten gibt. Fragen haben ein Gegenüber. Sie entspringen einem dialogischen Denken im Angesicht der Mutter und des Vaters. Darin spiegelt sich noch etwas anderes – die Verwicklung in ein lebenslanges Gespräch mit dem, der zwar sein Angesicht verbirgt, jedoch in Hörweite bleibt.

Fragen in allen Lebenslagen

In der Bibel gibt es in allen Lebenslagen nicht nur Fragen an Gott, sondern auch Fragen Gottes an den Menschen. Sie sind eindringlich und scheinen so etwas wie die "Seele der Bibel" zu sein. Annähernd eintausend Fragen gibt es in ihr als Gottes- bzw. als Jesusfragen und als Menschenfragen. Von ihnen sind fast zwei Drittel Gottesfragen an den Menschen. Wer nicht fragt, scheint kein Interesse am Gegenüber zu haben.

Was ist die erste ausdrückliche Frage der Bibel? Es ist weder eine Gottes- noch eine Menschenfrage, es ist die Frage der Schlange in der Erzählung vom Fall des Menschen (Genesis 3,1): "Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?" Diese Frage berührt das in der guten Schöpfung Gottes grundgelegte einvernehmliche Verhältnis von Mensch und Gott entscheidend. Mit ihr sät die Schlange ein tiefes Misstrauen: "Hat Gott wirklich gesagt?" Sie drängt zu einer Grenzüberschreitung, zur Auflehnung gegen Gott. Das ist ihr Ziel. Sie trennt und verbindet doch zugleich. Denn mit dieser Frage ist ein Fragezeichen zwischen Mensch und Gott gesetzt. Mit ihr kann Gottes plötzliche Ferne nahekommen, seine Nähe auch in die Ferne rücken. Beides ist schwer auszuhalten.

Gott stellt Fragen

Gott nimmt den Faden der Schlangenfrage und ihrer Folge im menschlichen Verhalten auf. Er ergreift die Initiative und zeigt sich als "großer Frager": „Mensch, wo bist du?“ (Genesis 3,9), "Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?" (Genesis 3,10), "Was hast du getan?" (Genesis 3,13). Und er fragt den Kain: "Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?" (Genesis 4,6), und: "Wo ist Abel, dein Bruder?" (Genesis 4,9). Dann erst kommt die erste Menschenfrage durch Kain: "Bin ich der Hüter meines Bruders?" (Genesis 4,9). Später erst, mit Abraham beginnend, nehmen die Menschenfragen zu.

Bild: ©stock.adobe.com/Sensay (Symbolbild)

Im Buch der Bücher gibt es viele Fragen.

Aus Fragen entsteht Beziehung

Fragen sind die Schrittmacher auf dem Weg der Beziehung zwischen Gott und Mensch und umgekehrt. "Die richtigen Fragen zu stellen, ist wahrscheinlich die höchste Intuition" (Peter Handke). Offen zu fragen, wie sein Seismograf, das erfordert Eingebung, Einfühlungsgabe, Klugheit, Takt. Gute Fragen sind mehr als Erkundigung. Sie öffnen Lebenslandschaften, zeigen, wo wunde Punkte und Quellen im Leben liegen. Aus "richtigen Fragen" entsteht zumeist eine tiefe Verbindung zwischen Fragendem und Gefragtem.

Beten heißt fragen

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat in seinen Tagebüchern festgehalten: "Eine religiöse Frage ist nur entweder Lebensfrage oder sie ist leeres Geschwätz." Das Hin und Her von Gottes- und Menschenfragen ist nur mit Lebensfragen möglich. Andernfalls trifft das zu, was der Dichter SAID in einem Psalm schreibt: " … sie bedrängen mich von allen seiten / die gottesbesitzer / doch befragen sie nie ihren gott / denn sie fürchten seine antwortlosigkeit / ich aber vertraue meinem gebet …" Diese Spur ist in der Bibel unumgänglich. Beter sind Fragensteller. In einem Aphorismus des israelischen Dichters Elazar Benyoëtz (*1937) heißt es: "Gott schätzt den Fragenden."

Fragen unterbrechen das Leben

Fragen im Alten und Neuen Testament entreißen einer fahrlässigen Gleichgültigkeit dem eigenen Leben gegenüber. Sie lassen hellhörig für das werden, was sich in meinem Leben tut, wer sich darin bemerkbar macht. Fragen haben eine unterbrechende Kraft gegen das Beharren auf gewohnten Abläufen und Strukturen. Sie ähneln einem Angelhaken, um in neue Horizonte hineinzuziehen. Wenn Jesus etwa den blinden Bartimäus fragt: "Was willst du, dass ich dir tue?" (Markus 10,51), bringt er den Gefragten auf einen unerwarteten Weg ("und er folgte Jesus auf seinem Weg nach"), den Jesus selbst mitgeht, um ihn mehr und mehr in sein Geheimnis einzuweihen. Darin liegt schließlich die biblisch ausgelotete Freiheit, mit dem Herrn in Freiheit zusammen zu leben, ihm zu glauben und nicht wieder in Verhältnisse der Blindheit, Knechtschaft und Ausbeutung zurückzufallen. Fragen der Bibel erweisen sich als Türöffner zur Lebenswahrheit. Sie wollen dem verkehrten Denken auf den Grund kommen, so dass keine Antwort ohne Frage bleibt. Starrgewordenes kann so zum Fließen und Dynamik ins Leben kommen.

Fragen führen zu Neuem

Durch Fragen kann ich Unerwartetes entdecken. Mit der Frage "Was ist das?" (Exodus 16,15) entdeckt Israel in der Manna-Erzählung im fremden Fund nicht nur Speise für den weiteren Wüstenzug, sondern wird unvermutet mit der Zuteilung des Manna des Sabbats gewahr, der durch das Manna die Gegenwart Gottes bei den Menschen offenbart. So kann sich der Horizont öffnen und durch die Öffnungen kann frischer Wind bzw. der Heilige Geist das Leben durchpusten und Klärung verschaffen.

Sich hinüberfragen

In seiner Übersetzung und Deutung des mit Gottes- und Menschenfragen voll gespickten Buches Ijob hat Fridolin Stier das Ziel der Fragen so formuliert: "Gott … fragte ihn hinüber, hinein in das Seine." Gott und Mensch sollen zueinander finden – auch mithilfe von Fragen, sich gegenseitig hinüberfragen. Niemandem ist erlassen, die Fragen der Bibel aufzunehmen, um Gottes Lebens-Wort zu empfangen.

Von Paul Deselaers

Der Autor

Dr. Paul Deselaers ist Spiritual in Münster.