Nach Musk-Übernahme hat Mastodon Konjunktur

Chaostage bei Twitter – auch kirchliche Akteure suchen Alternativen

Aktualisiert am 20.11.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Seit der Milliardär Elon Musk den Kurznachrichtendienst Twitter gekauft hat, herrscht dort Chaos – selbst ein Ende des sozialen Netzwerks scheint denkbar. Zeit für Alternativen? Erste kirchliche Akteure sind schon auf neuen Diensten präsent.

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Seit Ende Oktober ist der Kurznachrichtendienst Twitter im Ausnahmezustand: Für 44 Milliarden US-Dollar hat Elon Musk das soziale Netzwerk übernommen – und ins Chaos gestürzt. Massenentlassungen, erratische Managemententscheidungen, die teils binnen Stunden wieder kassiert werden, Warnungen vor einem drohenden Konkurs des notorisch klammen Unternehmens führen weltweit dazu, dass sich Menschen nach Alternativen umsehen und sich auf das Ende des Dienstes einstimmen.

Auch wenn Twitter im Vergleich zu anderen Plattformen wie Facebook oder Instagram eine deutlich geringere Reichweite hat: Für viele kirchliche Einrichtungen gehört es zur Kommunikationsstrategie, dort präsent zu sein. Allen voran der Vatikan: Seit 2012 ist der Papst mit Accounts in neun verschiedenen Sprachen auf Twitter vertreten, inklusive Latein. Mittlerweile folgen in Summe über 50 Millionen Menschen den Papst-Accounts. Der deutschsprachige ist der zweitkleinste: 680.000 Follower lesen die Tweets von @pontifex_de, nur der arabische Papst-Account ist kleiner.

Von solchen Zahlen können andere kirchliche Stimmen auf Twitter nur träumen. Sowohl das Bistum Essen wie das Erzbistum Berlin teilen auf Anfrage mit, dass Twitter zwar im Kommunikationsmix genutzt wird, um schnell Nachrichten zu verteilen, aber im Vergleich zu anderen Plattformen eine eher untergeordnete Rolle spielt. Unter den deutschen Bischöfen ist der emeritierte Bamberger Erzbischof Ludwig Schick mit gut 6.000 Followern der Twitterkönig und lässt damit auch sein Bistum weit hinter sich – dem Diözesanaccount folgen 2.700 Menschen. Bistumssprecher Harry Luck macht sich keine großen Sorgen. Zwar spiele Twitter eine wichtige Rolle für die Öffentlichkeitsarbeit des Erzbistums als die Plattform, auf der sich Informationen am schnellsten verbreiten ließen. Aber es ist für Bamberg nur eine von vielen Plattformen. "Ein Wegfall wäre schade, aber verschmerzbar", sagt Luck. Im Moment sieht er jedoch noch keine Notwendigkeit, zu alternativen Plattformen zu wechseln.

Twitter-Alternative Mastodon boomt

Bei den Twitter-Alternativen ist vor allem ein Name groß: Der dezentrale Dienst Mastodon. Anders als bei den großen Plattformen, die jeweils von einem Unternehmen betrieben werden, kann bei Mastodon jeder einen eigenen Server einrichten, eine sogenannte Instanz, die sich mit anderen Instanzen verknüpft – ähnlich wie E-Mail, wo die Kunden unterschiedlicher Provider wie GMX, Google oder Proton-Mail dennoch über Unternehmensgrenzen hinweg miteinander kommunizieren können.

Bischof Gebhard Fürst bei Twitter
Bild: ©BDKJ (Archivbild)

Ein Smartphone mit dem Twitter-Account des ehemaligen Medienbischofs Gebhard Fürst – so wie er sind einige deutsche Bischöfe auf Twitter aktiv.

Die Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist schon seit Mai 2021 im "Fediverse" unterwegs – so heißt die Gesamtheit der dezentralen Instanzen. Die Clearingstelle hat sich für den Server kirche.social als Heimat entschieden. Diese Mastodon-Instanz gehört zum Projekt "LibreChurch" des Vereins "Linux und Kirche" (LuKi e.V.), das sich seit Jahren für freie Software einsetzt. Das Projekt steht für digitale Gerechtigkeit, den Schutz von Persönlichkeitsrechten und die Freiheit von Bildung und Verkündigung. "Die Idee föderierter, voneinander unabhängiger und nicht kommerziell geführter Netze, halten wir für großartig und deswegen wollten wir dabei sein", erläutert der Leiter der Clearingstelle Andreas Büsch. Der Mainzer Professor für Medienpädagogik beobachtet auf dem noch kleinen Netzwerk eine kleine, interessierte und fachlich hochaktive Community: "Wenn es irgendwo auch fachliche Nachfragen oder kritische Hinweise zu Veröffentlichungen oder Services gibt, dann dort", freut er sich.

Für die Präsenz von kirchlichen Einrichtungen im Fediverse sprechen für ihn auch grundsätzliche medienethische Erwägungen. Die Präsenz auf den großen Netzwerken sei nie unproblematisch: "Denn bei allen großen Chancen, die in sozialen Netzwerken liegen, können wir nicht ausblenden, dass die aufgrund ihrer schieren Größe relevanten Player nach ökonomischen Prinzipien betrieben werden", so Büsch. Und das bedeute in der Regel eine Erhebung und Ausforschung von Nutzerdaten in erheblichem Ausmaß. Für Büsch steht zwar fest, dass es vorerst keine Option ist, ganz auf die großen Netzwerke zu verzichten – schließlich sei da die Reichweite immer noch am größten. Auf mittelfristige Sicht sei es daher für kirchliche Akteure ratsam, beide Seiten zu bespielen.

Trotz geringer Reichweite wichtig für Lobbyarbeit

Relevant ist Twitter trotz seiner verhältnismäßig geringen Reichweite vor allem deshalb, weil viele Politiker und Journalisten dort präsent sind. "Wir nutzen Twitter als Lobbyinstrument, Rechercheplattform und zur Netzwerkpflege", erläutert ein Sprecher von Misereor den Blick des Hilfswerks auf die Plattform. Der Account richte sich an Menschen, die an entwicklungspolitischen Themensetzungen von Nichtregierungsorganisationen interessiert seien. Ein Umzug zu Mastodon ist für Misereor derzeit noch keine Option, auch wenn man die Entwicklung kritisch beobachte. Bei Missio Aachen ist das anders: Dort wird schon seit April ein Mastodon-Account betrieben, wie bei der Clearingstelle auf der Instanz kirche.social. Auch hier ist der Auftritt aber nur eine Alternative, ohne dass ein Abschied von Twitter geplant wäre. "Wir verfolgen die Aktivitäten von Elon Musk und die intransparenten Entwicklungen rund um die Übernahme von Twitter intensiv und kritisch, werden aber zumindest vorerst weiter Twitter bespielen", teilte ein Sprecher mit. Man habe aber beobachtet, dass es durchaus eine Absatzbewegung von Twitter Richtung Mastodon gebe.

Logo von missio, Internationales Katholisches Missionswerk, am Eingang des Sitzes in Aachen.
Bild: ©Julia Steinbrecht/KNA (Archivbild)

Missio Aachen gehört zu den ersten kirchlichen Einrichtungen, die auf der Twitter-Alternative Mastodon aktiv sind.

Auch beim Deutschen Caritasverband werden die aktuellen Entwicklungen auf Twitter kritisch betrachtet. "Sowohl der Umgang des neuen Eigentümers mit seiner Belegschaft als auch die Aussagen zur zukünftigen inhaltlichen Ausrichtung geben Anlass zu Sorge und Vorsicht", teilte die Caritas-Sprecherin Mathilde Langendorf mit. Die Frage nach einem Verbleib auf Twitter stelle sich für die Caritas durchaus. Twitter sei zwar ein wichtiger Kanal, um die Themen des Sozialverbands bei Medienvertretern und Politikern zu platzieren und eine flexible Ergänzung zur klassischen Pressearbeit – "wobei hate speech, Anfeindungen und ein rauer Ton schon vor der Musk-Übernahme ein Problem waren", so Langendorf weiter. Auch wenn für die Caritas noch kein Abschied geplant ist: Seit dem 10. November, also genau 125 Jahre und einen Tag nach ihrer Gründung, ist sie auch auf Mastodon präsent.

Ein Ende der Chaostage bei Twitter ist nicht absehbar. Stündlich kommen neue Nachrichten, die nichts Gutes verheißen für eine verlässliche Zukunft des Dienstes. Möglicherweise stellt sich also bald gar nicht mehr die Frage, ob man auf Twitter vertreten sein will – sondern wo stattdessen. Dann müsste sich auch der Papst eine neue Social-Media-Heimat suchen – wenn er das denn will. In einem aktuellen Tweet hat sich Papst Franziskus nämlich wieder einmal als Fan der nicht-digitalen Welt geoutet: "Bevor ihr euch im Internet schlau macht, sucht immer nach guten Ratgebern im Leben, nach weisen und zuverlässigen Menschen, die euch Orientierung geben und euch helfen können", twitterte er.

Kirche auf Mastodon

Kirchliche Mastodon-Instanzen

Anders als bei zentralen sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter funktioniert Mastodon ähnlich wie E-Mail: Man meldet sich auf einem Server, einer Instanz, an, und kann dann mit allen anderen Menschen, auch auf anderen Instanzen, in Kontakt treten. Der Verein "LuKi" ("Linux-User im Bereich der Kirchen") betreibt eine eigene Mastodoninstanz, kirche.social, der sich an Christinnen und Christen und kirchliche Institutionen richtet. Digital interessierte Christen aus dem Erzbistum Paderborn betreiben libori.social. Weitere Instanzen findet man auf joinmastodon.org.

Kirchliche Institutionen auf Mastodon (Auswahl)

Von Felix Neumann