Wie Jesus uns das Licht bringt

Von Licht und Dunkelheit in der Weihnachtszeit

Aktualisiert am 19.12.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Wenn Schwester Gabriela Zinkl dieser Tage durch die Straßen läuft, sieht sie überall blinkende Lichterketten und leuchtende Hirsche. Aber wäre etwas mehr Dunkelheit nicht besser? Schließlich bringt an Weihnachten Gottes Sohn das Licht in die Welt.

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Schneeflocken-Lichterkette, blinkende Rentiere, Candle-Light-Shopping, Adventskranz und Friedenslicht von Betlehem – was haben diese Stichworte gemeinsam? Ganz einfach, sie sind typisch für die Advents- und Weihnachtszeit. Die Tage und Wochen vor und nach Weihnachten, dem christlichen "Fest der Liebe" werden in vielen Ländern nicht nur mit typischen Leckereien und dekorativen Accessoires, sondern vor allem mit jeder Menge Beleuchtung gefeiert. Lichterketten, Weihnachtssterne und künstliche Kerzenflammen trotzen der dunklen und kalten Jahreszeit und flimmern auf Adventsbasaren, Weihnachtsmärkten, in den Straßen und Schaufenstern der Innenstädte und in den Vorgärten und Fenstern unserer Wohnungen um die Wette.

Weihnachtsbeleuchtung vertreibt die Dunkelheit

"Weihnachten in der Energiekrise: Bleibt es zum Fest dunkel?", fragte eine Zeitung noch Anfang Oktober. Obwohl in den letzten Wochen die Themen Stromsparen und Einschränkungen bei elektrischer Beleuchtung und stromfressenden Geräten, auch um des Klimaschutzes willen, die öffentliche Diskussion beherrschten: in den Fußgängerzonen und Wohngebieten ist davon im Dezember am Einbruch der Dunkelheit wenig an Konsequenz zu sehen: von wegen Reduzierung des Stromverbrauchs, weihnachtlich getrimmte LEDs leuchten allerorten und überall, als wäre nichts gewesen. Auch prominente Gebäude und Kirchen wie der Kölner Dom erstrahlen nach einer Pause wieder im nächtlichen Kunstlicht, zumindest zum Teil. Wer macht schon gern Abstriche beim stimmungsvollen Licht, gerade im Advent und zu Weihnachten? Da sind wir uns doch wohl alle einig, aktive Christen genauso wie die, die mit Kirche und Glaube weniger am Hut haben: Geht es in dieser Zeit nicht gerade darum, Licht ins Dunkel zu bringen, von der Steigerung der brennenden Kerzen am Adventskranz bis zum voll erleuchteten Christbaum am 24. Dezember? Und weil es so schön ist, warum soll dann nicht gleich ab Ende November jede triste Holzbude in Form ein Glühweinstandes in adventlich-kitschigem Licht groß herauskommen und uns auf künstliche Art warm ums Herz werden lassen?

Was wäre der Advent ohne Licht?

"Der Advent ist eine dunkle Zeit. Da will ich kein Licht." Mit diesen Worten verschreckte ein Pfarrer vom Niederrhein vor einigen Jahren seine Gemeinde und setzte ein Zeichen: in den Wochen des Advents schaltete er die gesamte Außenbeleuchtung der Kirche demonstrativ ab. Seine Botschaft kam bei den Einwohnern des Ortes alles andere als gut an, hatten sie doch just zu diesem Zeitpunkt ihre Straßen und Vorgärten in ein (vor-)weihnachtliches Lichtermeer verwandelt. Und da sollte ausgerechnet die Kirche, das Zentrum jedes echten Weihnachtskults, dunkel bleiben? Der Pfarrer indes brachte die Problematik auf den Punkt: "Wenn ich überall diese Beleuchtungen sehe, da muss man doch meinen, wir feiern das Fest der blinkenden Hirsche" und des weißbärtigen Opas im roten Samtkostüm, der eisgekühlte Cola bringt, ließe sich hinzufügen. Ja, was feiern wir im Advent, was feiern wir an Weihnachten? Sieht man den aufwändigen Dezember-Lichter-Shows und LED-Effekten rund um Engelchen, Rentierschlitten und Santa Claus an, worum es eigentlich geht?

Junge vor weihnachtlichem Schaufenster
Bild: ©Adobe-Stock/Maria Sbytova (Symbolbild)

Jedes Jahr werden am Friedenslicht in Betlehem Kerzen entzündet und in die Welt getragen.

Weihnachten ist Ende Dezember, wenn in den nördlichen Breiten unserer Erdhalbkugel die Tage am dunkelsten und die Nächte am längsten sind. Auf manche übt die Dunkelheit und Nacht einen besonderen Reiz aus. Nachtclubs leben von der Attraktion der Dunkelheit, nachts sind alle Katzen grau. In künstlichen Dark Rooms wird Unsichtbarkeit und Anonymität regelrecht zelebriert. Anderen Menschen dagegen macht die Dunkelheit Angst. Man sieht nicht viel, wenn es dunkel ist. Deshalb ist die Dunkelheit auch ein Symbol für tiefergehende Ängste. Niemand tappt gerne im Dunkeln, lieber möchte man die Dinge erhellen. Niemand sieht gerne Schwarz, lieber erkennt man Licht am Ende des Tunnels und hat wenigstens einen Hoffnungsschimmer vor Augen. Von "geistiger Umnachtung" spricht die deutsche Sprache, wenn jemand nicht mehr im Vollbesitz seiner Sinne ist und sich ganz vom Leben abgewandt hat. Diese Sprachbilder über Dunkel und Hell machen deutlich: in einem ganz tiefgründigen Sinn steht die Dunkelheit für das Bedrohliche und den Tod. Licht steht dagegen für die Hoffnung und das Leben.

Zu wenig Platz für Dunkelheit?

Kann es sein, dass all die Lichterketten und kuriosen Weihnachtsbeleuchtungen ab Anfang Dezember der Dunkelheit zu wenig Raum lassen? Als Christen glauben wir an Jesus Christus, der durch seine Menschwerdung Licht in diese Welt und ihre Nöte gebracht hat, das heißt: Licht und Hoffnung für jeden und jede von uns. Das ist gemeint, wenn wir am 24. Dezember den Heiligen Abend feiern, wenn es draußen dunkel ist. Da scheint es auf, das Geheimnis der "Heiligen" Nacht. Da kommt Licht ins Dunkel, ein kleiner Funke Hoffnung, durch den Mensch gewordenen Gott. Er ist nicht der Superhero, der alles Leid aus dem Weg räumt, aber er ist der an unserer Seite, der auch jetzt und heute den schweren Weg mit uns geht und uns bestärkt, in Liebe und Frieden zu leben. Nicht mehr und nicht weniger.

Jesus, das Licht der Welt

Wir feiern an Weihnachten das Licht, ein Symbolwort für das kleine Jesuskind, das vor mehr als 2000 Jahren in einer unscheinbaren Krippe und Umwelt geboren worden ist. Dieses Jesuskind, dieser Jesus, setzt bis heute ein Leuchtsignal unter den Menschen, grandios flankiert vom Stern von Betlehem. Das heißt: so etwas passiert nicht alle Tage. Und es herrscht auch nicht aller Tage schöner Sonnenschein, das wissen wir aus unserer eigenen Erfahrung ganz genau. Deshalb hat der Pfarrer vom Niederrhein zu Recht den Finger in die Wunde gelegt, als er aus Protest die Beleuchtung der Kirche in der Adventszeit ausschaltete. Es wäre schön, wenn wir immer gleich den Lichtschalter anknipsen und damit die Welt retten könnten. So einfach ist das aber nicht. Erst einmal müssen wir die Dunkelheit wahrnehmen und annehmen, sie lässt sich mit Lichterketten nicht einfach vertreiben, sie wird durch den schönen Schein nur ausgeblendet. Die Wochen der Vorbereitung auf Weihnachten, die Adventzeit sind dazu da, um die Dunkelheit auszuhalten. Warten auf das Kommen des Erlösers, des Lichts, und zwar des wahren Lichts, nicht des künstlichen. Erst wenn dieses kleine göttliche Kind "das Licht der Welt erblickt, wird es hell in den Seelen. Aber eben nicht davor" (Andreas Öhler).

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.