Bislang hatte sich der vatikanische Flurfunk als unzuverlässig herausgestellt

Benedikt XVI. steht wohl bald vor seinem "ewigen Richter"

Aktualisiert am 28.12.2022  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Zu Jahresbeginn schrieb der frühere Papst Benedikt XVI. davon, bald vor seinen "ewigen Richter" zu treten. Nun, am Jahresende, ist er schwerkrank – und der Vatikan mitteilsam wie in Alarmbereitschaft.

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Auf dem Petersplatz herrscht das alltägliche Chaos aus Touristen, fliegenden Händlern und Handwerkern, die letzte Stühle aus den Weihnachtstagen zurück in die Lager transportieren. Nichts zeugt derzeit davon, dass der einst mächtigste Mann der katholischen Kirche offenbar am Ende seines Lebens steht. Der Zustand des früheren Papstes Benedikt XVI. soll sich laut Vatikanangaben in den vergangenen Stunden deutlich verschlechtert haben.

Begründet wird dies mit dem "fortschreitenden Alter" des 95-Jährigen, der die Deutschen 2005 "zum Papst" machte. Derzeit stehe das emeritierte Kirchenoberhaupt unter ärztlicher Überwachung, und die Situation sei unter Kontrolle, heißt es weiter.

Gerüchte über einen ernsten gesundheitlichen Zustand oder gar Todesnähe gab es in den Jahren seit seinem überraschenden Rücktritt 2013 häufiger. Der vatikanische Flurfunk zu dem Thema hat sich bislang aber immer als unzuverlässig herausgestellt.

Sorge von Franziskus

Dass es nun ernst um den Deutschen stehen muss, zeigt einerseits die Informationsbereitschaft der vatikanischen Pressestelle; anderseits und vor allem die große Sorge seines Nachfolgers Franziskus. Mit seinem Aufruf zu einem "besonderen Gebet" für Benedikt XVI. überraschte er am Mittwochmorgen auch die Journalisten. Am Ende der wöchentlichen Generalaudienz verkündete er, dass der frühere Papst "sehr krank" sei. "Bitten wir den Herrn, ihn zu trösten und ihn in seinem Zeugnis der Liebe für die Kirche bis zum Ende zu unterstützen", so das Kirchenoberhaupt.

Danach fuhr Franziskus direkt in das ehemalige Kloster Mater Ecclesiae. Dort lebt Benedikt XVI. mit seinem Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein, und vier Frauen einer religiösen Laiengemeinschaft seit seinem Rücktritt mehr oder weniger zurückgezogen. Ein Besuch, um seinem Vorgänger die Letzte Ehre zu erweisen?

Bild: ©picture alliance/dpa/dpa-Pool/Sven Hoppe

2020 besuchte der emeritierte Papst zuletzt Deutschland.

Wie ernst genau es um den 95-Jährigen steht, ist unklar. Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der laut eigener Angaben "öfter mit Benedikt zu tun" hat, ist derzeit nicht in Rom. Auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) teilte er mit, auch nur das zu wissen, was allgemein bekannt ist, "aber in diesem hohen Alter müssen wir jederzeit mit dem Ruf Gottes in die ewige Heimat rechnen".

Gänswein nicht erreichbar

Benedikts Privatsekretär Gänswein ist derzeit für Anfragen nicht erreichbar. Der Erzbischof äußerte sich in der Vergangenheit immer wieder zum Gesundheitszustand seines "Chefs": körperlich sehr schwach, geistig aber klar. "Er ist wie eine Kerze, die langsam und friedlich abbrennt", sagte Gänswein schon 2016.

Zuletzt hatte das Besuchsprogramm bei dem ehemaligen Erzbischof von München und Freising wieder angezogen. Seit Ende Oktober veröffentlichte die vatikanische Stiftung Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. regelmäßig Fotos von Gästen beim Emeritus in Sozialen Netzwerken. Das letzte Bild stammt vom 1. Dezember und zeigt Benedikt mit den Preisträgern des Ratzinger-Preises: Versunken in einen beigefarbenen Sessel und, wie gewohnt, ganz in weiß sitzt er dort, umringt von seinen Gästen. Seine Augen wirken eingefallen, seine Fußknöchel sind stark geschwollen.

Seit knapp zehn Jahren ist Benedikt im Ruhestand – nicht frei von Belastungen. 2020 besuchte er zum bislang letzten Mal seine alte Heimat. In Regensburg lag damals sein Bruder Georg Ratzinger im Sterben. Anfang 2022 wurde er in einem Gutachten über Missbrauch im Erzbistum München und Freising schwer belastet. Benedikt soll sich in seiner Zeit als Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen fehlerhaft verhalten haben. Die öffentliche Kontroverse darüber dürfte an dem früheren Papst nicht spurlos vorbeigegangen sein. In seiner Stellungnahme zu dem Gutachten schrieb Benedikt XVI. auch, er werde bald vor "den ewigen Richter" treten.

Von Severina Bartonitschek (KNA)