Standpunkt

Umgang mit "Judensau": Gelungenes Beispiel von "German Leitkultur"

Aktualisiert am 25.01.2023  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Über den Umgang mit Schmähplastiken wie der Regensburger "Judensau" wird immer wieder gestritten. Die gebürtige Regensburgerin Schwester Gabriela Zinkl lobt die am Regensburger Dom gefundene Lösung.

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Schnitzel, Sauerkraut, Kindergarten, "Leitmotif", "German Angst" oder "Gemutlichkeit" – nicht wenige typisch deutsche Begriffe wie diese sind heute fester Bestandteil der englischen Sprache. Dazu zählt auch das bis ins Mittelalter zurückreichende deutsche Wort "Judensau". Während mit den kulinarischen oder kulturellen Eigenheiten der "Krauts" im angelsächsischen Sprachraum ein Wohlklang von "German Leitkultur" verbunden ist, stellt sich bei der "Judensau" im Englischen wie im Deutschen ein äußerst fahler Beigeschmack ein. Das hängt in erster Linie zusammen mit der seit dem 13. Jahrhundert dokumentierten und wohl schon lange vorher praktizierten Judenfeindlichkeit maßgeblicher kirchlicher und weltlicher Autoritäten in ganz Europa. Die vorwiegend an Kirchen angebrachten, aus Stein geschlagenen Reliefs der "Judensau" zeigen jüdische Männer, wie sie an den Zitzen eines Schweins saugen oder sich auf obszöne Weise mit dem Tier verlustigen. Maßgebliches Ziel dieser steinernen Karikaturen von Köln bis Wittenberg und von Uppsala bis Wien war die Diffamierung von Juden. Die allen Motiven eigene Obszönität der Darstellung wollte Juden öffentlich lächerlich machen, sie in ihrem religiösen Selbstverständnis verletzen und beim Betrachter Verachtung hervorrufen.

Auf diese Weise wurde Antisemitismus in Reinform jahrhundertelang propagiert und praktiziert, und das gerade von Christen. Man betrat die Kathedrale und betete fromm zu Jesus, dem König der Juden am Kreuz, während man vorher und nachher anrüchige Zoten über Juden riss. Selbstredend mündete dies in niederträchtige Quälerei von Nachbarn und Mitmenschen.

Jedes bis heute erhaltene Relief der "Judensau" ist steinerner Zeuge dieser dunklen Vergangenheit. Wie wird man nun solchen Zeitzeugen gerecht – sollten sie besser von der Bildfläche verschwinden oder weiterhin erhalten werden? In nicht wenigen Städten gibt es darüber seit Jahren Diskussionen und Rechtsstreitigkeiten. In Regensburg hat man nun gemeinsam eine Lösung gefunden: Vertreter von Judentum, Kirche, Politik und Wissenschaft entschieden sich demonstrativ für die Beibehaltung der "Judensau" an der mittelalterlichen Kathedrale der Stadt. Jetzt kommt niemand mehr am Schmährelief vorbei ohne die Mahnung der Texttafel, gegen jede Form von Antisemitismus einzutreten und die Würde eines jeden Menschen zu achten. Das sieht ganz nach einem gelungenen Beispiel von "German Leitkultur" aus, gerne mehr davon!

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB kommt aus Regensburg und ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem. Sie arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.