Bundesbildungsministerin Annette Schavan.
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Die Kritik an Annette Schavan trifft die Politikerin im Kern

Im Kern getroffen

Wissenschaft - Die Vorwürfe sind nicht neu. "Leitende Täuschungsabsicht" wird Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in einem Gutachten der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf angelastet, aus dem der "Spiegel" zitiert. Beim Abfassen ihrer Doktorarbeit vor 30 Jahren sei eine "plagiierende Vorgehensweise" festzustellen. Für die Politikerin könnte es schlimmer kaum kommen. Ein politisches Leben wird unter Beschuss genommen. "Es trifft mich im Kern", sagte Schavan gegenüber Medien und wies die Vorwürfe erneut zurück.

Berlin - 16.10.2012

Damit wird ein weiteres Kapitel in einem seit Mai schwelenden Vorgang aufgeschlagen. Festzuhalten bleibt vorerst, dass das fragliche Gutachten bislang weder veröffentlicht noch von der Uni bewertet worden ist. Nur an einige Medien ist es durchgesickert. Auch ist überraschend, dass Gutachter Stefan Rohrbacher, Prodekan der Philosophischen Fakultät, offenbar zu einem noch schärferen Urteil kommt als die Plattform "VroniPlag", die eine Prüfung der Arbeit mangels Masse seinerzeit mehrheitlich ablehnte.

Im politischen Berlin setzten unterdessen die üblichen Reflexe ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ über ihren Sprecher "vollstes Vertrauen" für ihre Ministerin ausrichten. In der Opposition wurden Rufe nach Rücktritt laut. Vom Koalitionspartner FDP wiederum kamen mäßigende Töne. Doch wie es weiter geht, ist unklar. Die Universität verwies am Montag auf das laufende Verfahren. Und Schavan möchte zuerst vor den zuständigen Gremien Stellung beziehen. Kampflos will sie das Feld nicht räumen.

Manifest in wissenschaftlichem Gewand

Ihre Promotion im Fach Erziehungswissenschaften stammt aus dem Jahr 1980. Das Theologiestudium der damals 25-jährigen Autorin ist dabei mit eingeflossen. Wer die Schrift inhaltlich studiert, hat zumindest nicht den Eindruck, als handele es sich dabei um eine zusammengeklaubte akademische Pflichtübung. Eher wirkt sie wie eine Art persönliches Manifest Schavans - in wissenschaftlichem Gewand.

So scheinen ihre Überzeugungen zu ethischen Fragen, die bei einzelnen katholischen Bischöfen immer wieder Kritik hervorriefen, in ihrer Dissertation bereits deutlich durch. Genau deshalb mögen sie die Plagiatsvorwürfe so massiv schmerzen. In der Doktorarbeit formuliert sie ihr Credo für die Autonomie des Gewissens und die Verantwortung des Einzelnen. Als Politikerin hat sie später immer wieder darauf rekurriert: Ob Abtreibung, Stammzellforschung oder Kopftuchstreit - in all ihren Debattenbeiträgen scheint dieser ethische Grundansatz wieder auf.

Der anonyme Autor von "schavanplag" meldet für Seite 253 der Doktorarbeit keine Beanstandung. Dort findet sich in einer verlängerten Fußnote eine Beschreibung von Kirche und Politik. Schavan schreibt: "Ein treu zu seiner Kirche stehender Katholik" müsse in seine "gewissenhafte Prüfung" die objektiven Normen des katholischen Lehramtes mit einbeziehen.

Ethik aus dem Glauben heraus

Dennoch dürfe er aber zu einer "von der lehramtlichen Entscheidung abweichenden Auffassung kommen", die er dann auch vertreten und praktizieren dürfe. Sie beschreibt das Verhältnis von "Autorität und Autonomie" in deutlichen Worten. "Der spezifische Anspruch des Lehramtes" dürfe nicht dazu führen, das "individuelle Gewissen, das heißt die selbst zu verantwortende Entscheidung des Einzelnen unmöglich zu machen".

Schavans Arbeit trägt den Titel "Person und Gewissen". Wie wichtig ihr die darin zugrundeliegende Haltung ist, wird in einem Aufsatz deutlich, den sie in diesem Jahr in der Jesuitenzeitschrift "Stimmen der Zeit" veröffentlicht hat. Erneut verteidigt sie eine "Entscheidungsethik" gegen eine "Glaubensethik", die meine, dass "christliche Sittlichkeit nicht autonom ist, sondern aus dem Glauben entwickelt werden muss".

Ethische Normen seien, so Schavan, nicht vom "Himmel gefallen", sondern Menschenwerk. Für den gestrengen Korrektor von "schavanplag" wäre das vermutlich ein Fall von "Eigenplagiat". Für Schavan ist es ihre politische Überzeugung, die ihr ebenso wichtig sein dürfte wie ihre Glaubwürdigkeit, die jetzt - ob gerechtfertigt oder nicht - auf dem Prüfstand steht.

Von Volker Resing