Die Doktorarbeit von Annette Schavan.

"Wer unter euch ohne Sünde ist..."

Wissenschaft - Die Debatte um die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan hält an. Bei aller Kritik dürfe man aber nicht die Leistungen der Politikerin für die Begabtenförderung in Deutschland und für die Wissenschaft vergessen, sagt Georg Braungart im Interview mit katholisch.de. Zugleich fordert der Leiter des Cusanuswerks, den Respekt vor den Ideen anderer in der Ausbildung junger Wissenschaftler noch stärker zu fördern.

Bonn - 16.10.2012

Frage: Herr Braungart, Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und jetzt Annette Schavan: Nicht nur diese Politiker stehen unter dem Verdacht, bei ihren Doktorarbeiten gepfuscht zu haben. Wird in der Ausbildung junger Wissenschaftler zu wenig auf Fähigkeiten wie Verantwortung und Gewissenhaftigkeit geachtet?

Braungart: Tatsächlich wird es in der Ausbildung und Betreuung junger Wissenschaftler immer wichtiger, den Respekt vor den Ideen anderer zu fördern, denn im Alltag gewinnen sie oft den Eindruck, dass dieser Respekt keine Rolle mehr spielt, weil alles ja "im Netz" steht und frei verfügbar zu sein scheint.

Frage: Welche Rolle spielen solche ethischen Werte in der Arbeit des Cusanuswerks mit jungen Wissenschaftlern?

Braungart: Die Förderung durch das Cusanuswerk steht im Zeichen einer "werte-sensiblen" und werte-orientierten Entwicklung von Hochbegabung. Das bedeutet, dass jeder Stipendiat von Anfang an darin unterstützt wird, seine Leistungen in einem ethischen und kulturellen Kontext zu sehen. Höchstleistungen, das weiß jeder Cusaner, sind kein Selbstzweck, sondern sie müssen von Verantwortungsbewusstsein getragen sein: Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, der Kirche - und auch im Hinblick auf ethische Grundsätze. Das heißt auch: Wenn man im Sinne der Begabtenförderung, wie sie das Cusanuswerk versteht, an seiner Entwicklung arbeitet und sich auf eine Laufbahn in der Gesellschaft vorbereitet, wird man an keiner Stelle seine ethischen Grundsätze, zu denen der Respekt vor den Ideen und Gedanken anderer essentiell gehört, hinten anstellen zugunsten eines schnellen Fortkommens. Aber davon ist ja im konkreten Fall auch gar nicht die Rede.

Frage: Annette Schavan hat eine lange Karriere in der Wissenschaft und der Politik hinter sich - unter anderem war sie Leiterin des Cusanuswerks. Darf ein reiches Akademikerleben auf eine 30 Jahre alte Arbeit reduziert werden?

Braungart: Das tut ja kein seriöser Journalist! Frau Schavan hat für die Begabtenförderung in Deutschland und für die Wissenschaftslandschaft insgesamt unendlich viel getan. Das bleibt, auch die Dankbarkeit dafür.

Frage: Wie bewertet das Cusanuswerk als Förderer der Wissenschaft die Arbeit von Interplattformen wie "schavanplag", die gezielt in Doktorarbeiten nach Plagiaten suchen?

Braungart: Manchmal liegt einem schon ein Satz aus dem Johannesevangelium auf der Zunge: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Aber natürlich müssen ethisch verwerfliche Verhaltensweisen Folgen haben. Nur muss dies nach den legitimierten Prozeduren erfolgen und nicht durch Selbstermächtigung. Die Mitarbeiter des Cusanuswerks und die Vertrauensdozenten sind in engem Kontakt mit ihren Stipendiaten, keiner käme auf die Idee, jemanden auszuspionieren. Interessant ist, dass gerade diejenigen, die als Plagiatsjäger auf das Ethos der Autorenschaft besonderen Wert legen, selbst oft anonym agieren. Das ist ein performativer Selbst-Widerspruch. Wenn übrigens jemand, der ein Stipendium vom Cusanuswerk erhält, in gravierender Weise gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstößt und dies von der Hochschule abschließend festgestellt wurde, muss er sein Stipendium zurückzahlen. Aber eben erst dann.

Frage: Eine persönliche Einschätzung: Was denken Sie, wie geht der Fall Schavan aus?

Braungart: Gut.

Das Interview führte Christoph Meurer

Zur Person

Georg Braungart (* 16. Juni 1955 in Schwäbisch Gmünd) ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Tübingen. Seit Oktober 2011 ist er zudem ehrenamtlicher Leiter des Cusanuswerks, der Bischöflichen Studienförderung.