Düfte in Kirchen als Verkaufstaktik?

Der Duft des Glaubens

Veröffentlicht am 29.01.2024 um 00:01 Uhr – Von Schwester Maria Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Spiritea

Grafschaft ‐ Gerüche lösen in uns Emotionen aus. Das kennt auch Schwester Gabriela Zinkl – und zwar nicht nur vom Hunger beim Vorbeigehen am Currywurststand. Der Geruch von Weihrauch sorgt für eine ganz besondere Atmosphäre. Dabei können Kirchen Düfte noch viel gezielter nutzen.

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Wir alle kennen das Gefühl: Wir sind irgendwo unterwegs und plötzlich steigt uns ein bekannter Duft in die Nase – der Duft des Currywurst-Stands, der uns schon das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, der wohlriechende Duft eines frischen T-Shirts nach blumigem Waschmittel, das Parfum eines lieben Menschen oder der frische Geruch von gemähtem Gras. Jeder dieser Düfte weckt in uns ganz bestimmte Erinnerungen. Und schon befinden wir uns gedanklich in einer anderen Welt. Ausgelöst durch den Duft schwelgen wir in Erinnerungen an längst vergangene Tage. Wie auf Knopfdruck holt unser Gehirn wunderbare Stimmungen und dieses einmalige Wohlgefühl aus den Untiefen unseres Duft-Gedächtnisses. Genauso gibt es dort aber auch lang verdrängte Erinnerung an bestialischen Gestank und sehr unangenehme Gerüche, die uns den Atem stocken lassen.

Düfte und Gerüche sind in der Lage, unsere Stimmung zu beeinflussen und ganz bestimmte Assoziationen und Erinnerungen zu wecken. Sie haben unterbewusst auch starken Einfluss darauf, wen wir mögen und wen nicht, wo wir uns direkt wohlfühlen und wo nicht, welches Essen wir gerne probieren möchten und welches nicht. Der richtige Duft kann uns dabei helfen zu entspannen, uns zu motivieren, uns zu konzentrieren, unsere Laune zu heben und neue Energie zu tanken. Den einen gelingt das Lernen besser mit einem Haus von Zitrusduft, anderen blühen bei Vanilleessenzen erst richtig auf. Und nicht von ungefähr hat der Duft von Rosen etwas mit Liebe und Verliebtsein zu tun.  

Wie Düfte wirken

Düfte und Gerüche werden, anderes als akustische und visuelle Reize und Sinneseindrücke – über das limbische System unseres Gehirns verarbeitet, das unter anderem auch für die Steuerung von Emotionen zuständig ist. Das hat zur Folge, dass unser Geruchssinn über unser Gehirn unsere Emotionen beeinflusst und durch bereits gespeicherte und verarbeitete Duftnoten bestimmte Erinnerungen und Assoziationen hervorrufen kann. Oft verbinden wir Gerüche mit ganz bestimmten Erfahrungen, Situationen, Orten oder Menschen. Deswegen bewertet jeder Mensch Gerüche auch unterschiedlich. Was für den einen wohlriechend ist, kann für die andere zum Davonlaufen sein. Ein Duft ist eben Geschmackssache.

Ich weiß noch ganz genau, wie es bei Oma und Opa gerochen hat. Oder wenn ein Kuchen im Backofen wartet. Der leicht miefige Geruch der Turnhalle beim Schulsport ist unserem Gehirn genauso tief eingeprägt wie der staubige Geruch beim Betreten eines Trödelladens, der medizinische Geruch in einem Krankenhaus und die vielen feinen Düfte beim Betreten einer Parfümerie. Parfumeure, Duftdesigner und Raumgestalter schwören darauf, dass sie uns mit dem richtigen Duft in Romantik-, Liebes-, Konsum- und Sympathiestimmung versetzen können. Das funktioniert tatsächlich, ob wir wollen oder nicht.

Aerothek des ZAP
Bild: ©ZAP Bochum (Symbolbild)

Fläschen mit Duftproben der "zap:aerothek" in einer Kirche.

Und wie sieht es jenseits der Shoppingmalls, Sportcenter und all der Kinofoyers mit verlockenden Popcornduft aus? Wenn ich an den Geruch in einer Kirche denke, fällt mir als ersten Kerzenwachs und Weihrauch ein, je nach Jahreszeit auch eine frische Naturduftnote des jeweiligen Blumenschmucks.

Vor kurzem haben Theologen und Duftforscher des Zentrums für Angewandte Pastoralforschung in Bochum ganz spezielle Wohlfühldüfte für den Kirchenraum und Gottesdienste entwickelt. Wie bitte, Duftzerstäuber im Gottesdienst? – Warum eigentlich nicht! Genauso wie die Bibel sind Kirche und Glaube kein duftleerer Raum, im Gegenteil, schon das Alte und Neue Testament sind voller durchweg positiver Dufterfahrungen:

Da nahm Maria (Magdalena) ein Pfund, echter, kostbarer Nardensalbe, salbte Jesus die Füße und trocknete mit ihren Haaren seine Füße ab. Das Haus, aber wurde erfüllt vom Geruch der Salbe. (Joh 12,3)

Von Myrrhe und Aloe, von Kassia duftet all dein Gewand. (Psalm 45,9)

Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf. (Psalm 141,2)

Die Verbindung zwischen Duft und Glaube, Duft und Gebet, zwischen einer wohltuenden Atmosphäre zwischen Gott und Mensch ist also nicht neu und schon gar nicht aus der Luft gegriffen. Vielleicht sollten wir wirklich ernsthaft darüber nachdenken, wie wir unsere Glaubensorte, also Kirche, Kapellen, Gebetsräume genauso wie Pfarrheime, kirchliche Akademien oder Beratungsstellen auch mit Hilfe von Wohlgerüchen so gestalten, dass sie als angenehm empfunden werden. Dass sie positiv in Erinnerung bleiben, eben nicht mit schlechtem oder fadem Beigeschmack, sondern so, dass man dort gerne hingeht und sich wohlfühlt. Das ist alles andere als billige Verkaufstaktik, sondern ein stimmiges Gesamtkonzept.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB arbeitet in der Ordensleitung des Kloster Grafschaft. Sie pendelt zwischen Deutschland und Jerusalem, wo sie in der Lehre tätig ist. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.

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