Die beste Zeit fürs Fasten

Fastenzeit: Mehr als Abnehmkur und Bestrafung

Veröffentlicht am 26.02.2024 um 00:01 Uhr – Von Schwester Maria Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Spiritea

Grafschaft ‐ Intervallfasten oder Heilfasten? Welche Fastenkur darf es sein, fragt Schwester Gabriela Zinkl. Kein Mensch kommt so wirklich an der Fastenzeit vorbei. Dabei handelt es sich um keinen neuen Trend – sondern einen Brauch, den jede Religion kennt.

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Na, welche Fastenkur darf's denn sein? Wir hätten da gerade im Angebot: Intervallfasten, Easy-going-Fasten, Heilfasten, Fasten nach Dr. Buchinger oder nach der heiligen Hildegard, und es gibt noch tausend andere Vorschläge mehr. Da wird doch wohl das Passende für mich dabei sein?

Sie ist wieder da, die Fastenzeit. Jedes Jahr steht sie so zuverlässig vor der Tür wie Geburtstag, Weihnachten, Ostern und die Sommerferien. Sie hat einen festen, wiederkehrenden Termin; theoretisch könnten wir sie ignorieren, aber wir kommen nicht wirklich an ihr vorbei. Ab Aschermittwoch und in den ersten Tagen danach ist Fastenzeit auf alle Fälle Gesprächsthema, egal, ob man nun christlich orientiert ist oder nicht. "Na, fastet du wohl?", wird dann unter Kollegen schon mal als Frage gestellt, wenn jemand bei Schokoladenkeksen dankend abwinkt. Die "Fastenzeit" ist unseren Breiten mehr noch als der Begriff "Fasten" eine feststehende und geprägte Redewendung. Natürlich hat jeder die Freiheit, zu fasten, wann er will, und könnte sich ganz individuell einen Termin für das persönliche Fasten aussuchen, manche tun das auch. Aber nicht nur für Christen ist das Thema "Fastenzeit" bedingungslos mit den zwei bekannten Terminen verbunden: Aschermittwoch und Ostern, die zugleich für Anfang und Ende der Fastenzeit stehen. Als Fastenzeit bezeichnen wir die 40 Tage vor dem Osterfest, wobei die darin vorkommenden Sonntage nicht mitgezählt werden. Startschuss für das große Fasten ist der Aschermittwoch. Genau deshalb darf die Karnevals- und Faschingssaison gerne ausschweifend und nahrhaft sein, damit wir die 40 Tage irgendwie durchhalten. Denn 40 Tage sind viel mehr als nur ein oder zwei Tage.

Unabhängig davon ist Fasten – für viele heißt das: eine Zeit lang weniger oder gar keine Nahrung oder Getränke zu sich nehmen – heute voll im Trend, gerne als Abnehm- oder Entschlackungskur. Viele lässt das Thema Fasten aber auch ratlos zurück, gerade angesichts der Fülle von Frühjahrsdiäten, Fitnessratgebern und Ran-an-den-Winterspeck-Programmen, die um den Aschermittwoch herum zielsicher in unserem Kosmos auftauchen und bekannt gemacht werden. Schließlich ist die Fastenzeit und mit ihr das Frühjahr die beste Zeit für eine "Frühjahrskur".  

Jom Kippur, Ramadan, Aschermittwoch

Alle Kulturen und Religionen der Welt kennen Bräuche des Fastens. Juden fasten jedes Jahr am Versöhnungstag Jom Kippur; für Moslems gilt die Vorschrift, im Fastenmonat Ramadan zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang keine Nahrung oder Getränke zu sich zu nehmen. Auch buddhistische Mönche fasten täglich ab dem Mittagessen bis zum nächsten Morgen. Und das Christentum ist bekannt für die vorösterliche Fastenzeit mit den beiden großen Fastentagen Aschermittwoch und Karfreitag. Bei all diesen geprägten Zeiten quer durch die Religionen geht es um einen freiwilligen, zeitlich begrenzten Verzicht auf gewisse oder alle Nahrung und Getränke. Fasten, das ist alles andere als ein Hungerstreik aus Protest. Fasten im religiösen und genauso im christlichen Sinn bedeutet vor allem: Konzentration auf das Wesentliche. Etwas reduzieren, um sensibel und aufmerksam zu werden für etwas viel Größeres, Wichtigeres: weg vom Kreisen um mich selbst, hin zu Gott. Weniger ist mehr. Oder: Aus dem "Weniger" ein "Mehr" werden lassen.

Richtiges Fasten ist eine Kur oder eine Meditation für Körper, Geist und Seele. Rückbesinnung, sich vom Alltag zurückziehen, zur Ruhe kommen, etwas sonst so Vertrautes weglassen, um sich dadurch auf etwas Wesentliches zu konzentrieren, von dem man sonst leicht abgelenkt ist.

Fasten ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern steht für Christen in guter biblischer Tradition. Jesus zog sich vor seinem öffentlichen Wirken 40 Tage zum Fasten in die Wüste zurück. Mose stieg auf den Berg Sinai und fastete 40 Tage lang. Fasten und Buße tun und dafür für andere gut sichtbar auch ein äußerliches Zeichen zu setzen, nämlich sich zum Beispiel die "die Kleider vom Leib reißen", in ein Büßergewand hüllen und Asche auf das Haupt streuen – all das sind nicht nur schöne Redensarten, sondern biblische Traditionen seit der Zeit des Alten Testaments. Doch vor allem sind diese Fastentraditionen Unterbrechung des sonstigen Alltags.

Symbole für Islam, Judentum und Christentum
Bild: ©picture alliance/Photononstop/Fred de Noyelle/Godong (Symbolbild)

Das Fasten gibt es in allen Religionen.

In der Bibel fasten Menschen einmal, um ein Zeichen von Trauer und Klage zu setzen, aus Verzweiflung oder aus Klage um einen Verstorbenen. Zum anderen kennt das Alte und Neue Testament das Fasten als Vorbereitungszeit auf eine Begegnung mit Gott. Das heißt lange nicht, dass Gott am Ende der Fastenzeit tatsächlich vor der Tür steht und mich für meine Mühen mit einem üppigen Präsentkorb begrüßt. Im Gegenteil, das Fasten ist eine Chance, mich mehr als sonst zu öffnen und frei zu werden, damit ich wieder aufmerksamer bin für Gott. Schon die Propheten des Alten Testaments haben das Fasten mit dem Aufruf verbunden, sich wieder neu auf Gott auszurichten und zu hoffen, dass er einem in einer ganz bestimmten Angelegenheit beisteht und hilft.

Die Tradition des Christentums hat das Fasten bewahrt und im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich akzentuiert. Im Mittelalter etwa wurde das Fasten deutlicher als Bußhandlung benutzt, die zum Teil auch bei der Beichte als Strafe, Sühne oder zur Wiedergutmachung verordnet wurde. Viele Menschen gingen in Klöster, um freiwillig asketisch zu leben. Sie versprachen sich eine intensive spirituelle Erfahrung und eine besondere Stellung bei Gott. Auch heute stehen Klöster und Abteien für einen spirituellen Weg der Askese, der Enthaltung und Konzentration auf das Eigentliche. Deshalb sind sie nicht nur in der Fastenzeit beliebte Anlaufpunkte, auf das "auf Zeit" und in einem unterstützenden Kontext auszuprobieren.

Fasten ist lange nicht alles

Trotzdem: Fastenzeit ist nicht gleich Fastenkur und auch nicht reines Fitnessprogramm, um den Winterspeck loszuwerden. Fastenzeit heißt nicht: sich selbst zu bestrafen und zu kasteien, sondern bewusst auf etwas Liebgewonnenes zu verzichten, um dadurch mehr "Platz für Gott" zu schaffen. Und Fasten ist lange nicht alles. Denn eigentlich ist das im christlichen Verständnis eine Trias: Fasten, Gebet und Almosen geben. Neu ist das nicht, das predigte der Prophet Jesaja schon vor mehr als 2.500 Jahren – und doch ist es bis heute brandaktuell:

"Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt? – Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: […] Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, / auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst / und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf / und deine Finsternis wird hell wie der Mittag." (Jes 58,5.10).

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB arbeitet in der Ordensleitung des Kloster Grafschaft. Sie pendelt zwischen Deutschland und Jerusalem, wo sie in der Lehre tätig ist. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.

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