Die Macht des Gesprochenen oder Geschriebenen

Worte können die Welt verändern

Veröffentlicht am 13.05.2024 um 00:01 Uhr – Von Schwester Maria Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Spiritea

Grafschaft ‐ Manche Menschen sprechen wenig, andere mehr. Schwester Gabriela Zinkl gehört zur zweiten Sorte – das heißt aber längst nicht, dass sie eine Tratschtante ist. Dabei steckt hinter vielen Wörtern eine große Macht.

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Ein Mann, ein Wort. Eine Frau, ein Wörterbuch. Das Klischee von weiblichen Quasselstrippen und eher wortkargen Männern ist so bekannt wie wenige andere und nicht nur unter Machos ein beliebter Spruch.

Ich muss zugeben, dass ich Teil 2 dieses Klischees, also den Part der Frau mit dem Wörterbuch, ziemlich genau erfülle. Denn der Umgang mit Worten, Wörtern und Texten ist meine Welt. So wie andere vielleicht in ihrer Arbeit mit Wasserhähnen, Speicherplatinen, Zahnimplantaten oder Gemüsesorten aufgehen, sind es bei mir eben Buchstaben, Kommas und ganze Texte. Ich mag Wörter, ich rede und erzähle gerne – manchmal mehr als dass ich anderen zuhöre, noch lieber lese ich, was mir unter die Finger und Augen kommt. Das heißt lange nicht, dass ich eine Tratschtante bin, nur fühle ich mich im Umgang mit Worten und Texten ziemlich wohl und "Bücher sind meine Freunde", wie man so schön sagt. Zur Freude oder zum Leidwesen anderer bin ich auch schon mal ein Korrekturfuchs, nicht dass ich den Duden immer parat hätte, sondern eher, dass ich mit den Wörtern vertraut bin und ein Gefühl dafür habe, ob es richtig oder falsch geschrieben ist, manchmal tut einem ein Schreibfehler beim Lesen richtig weh.

Entscheidende Worte

Aber egal, ob männlich, weiblich oder divers, als Menschen denken wir in Worten. Wir verwenden Worte für unsere Kommunikation mit anderen, im Flüstern, Sprechen, Singen, Schreien, handgeschrieben oder getippt. Wir urteilen mit Worten, wir loben mit Worten, wir bedanken uns mit Worten.

Worte sind entscheidend für die Art und Weise, wie wir der Welt, den Menschen und den Gefühlen in uns einen Sinn geben. Worte, Texte und Sprache sind mächtige Werkzeuge, die uns helfen, uns in unserer Realität zurecht zu finden, sie zu verstehen und sie mit unseren Mitmenschen zu gestalten. Deshalb ist es so wichtig, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, frühzeitig lesen und schreiben zu lernen – denn das bedeutet Teilhabe und Mitgestaltung in unserer Welt und Gesellschaft.

Bild: ©stanislav_uvarov/Fotolia.com (Symbolbild)

"Ja": Gerade bei einer Trauung ist das ein wichtiges Wort.

Manche von uns kommen mit wenig Worten aus und bringen den Inhalt auf den Punkt, andere schweifen und schmücken gerne etwas aus oder insistieren auf Details, so wie ich zum Beispiel. Ist am eingangs erwähnten Klischee zur unterschiedlichen Redseligkeit von Männern und Frauen tatsächlich etwas dran? Ist der Gebrauch von Wörtern und Sprache geschlechtsspezifisch? Neuere sozialpsychologische Untersuchungen haben nachgewiesen, dass das nicht der Fall ist; ob jemand viel oder wenig redet, hängt vom Charakter und Temperament ab, weniger vom Geschlecht. Ursprünglich stand der erste Teil der Redewendung, "ein Mann, ein Wort", sowieso für sich allein und bezieht sich auf die frühere Tradition, als man Verträge noch per Handschlag abgeschlossen hat. Dieses "Ja" galt so viel wie die Unterschrift unter einen Vertrag.

Das eben genannte "Ja" ist nicht nur eines der kürzesten Wörter der deutschen Sprache, sondern auch eines der mächtigsten und einflussreichsten. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein Wort die Welt verändern kann. Am "Ja-Wort" bei der Eheschließung sieht man das ganz deutlich: Das Ja ist das entscheidende Wort der ganzen Trauungszeremonie und -liturgie, ein Nein wäre eine echte Katastrophe, und nicht umsonst sagt man, dass dieses Wort gut überlegt sein soll, weil es so persönlich einschneidenden Konsequenzen für beide Partner mit sich bringt.

Sprachwissenschaftlicher haben erforscht, dass Goethe rund 100.000 Wörter verwendete, in den aktuellen Ausgaben des Rechtschreib-Dudens stehen fast 150.00 Wörter, das Grimm’sche Wörterbuch (1852-1971) kommt auf etwa 450.000 Stichwörter. Durch viele Ableitungen oder Zusammensetzungen, wie "Vampirdarstellerin" oder "Vogelschutzgutachten" kommt unser Wortschatz derzeit auf über 5 Millionen Wörter, eine sagenhafte Zahl angesichts der Tatsache, dass wir in unserer mündlichen Kommunikation doch nur rund 12.000 bis 16.000 Wörter gebrauchen, viel weniger als beim Schreiben ganzer Sätze, geschweige denn Doktorarbeiten.

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Nicht nur Glaube versetzt Berge, sondern Worte können die Welt verändern. Manchmal braucht es dazu einen Satz oder Halbsatz aus mehreren Wörtern; bestes Beispiel dafür ist das bekannte "Ich habe einen Traum" aus der Rede des Baptistenpredigers und Menschenrechtlers Martin Luther King (28. August 1963). Worte können hart oder weich sein, schmeichelnd oder böse. Dass Worte Emotionen auslösen und ein gutes Verkaufsargument sein können, wissen nicht nur die Werbeagenturen und Kommunikationsstrategen – das Video-Beispiel eines Bettlers mit verbesserter Botschaft zeigt das sehr anschaulich.

Worte, die die Welt verändern, es gibt sie; wir nutzen jeden Tag sogar so viele, dass wir sie nicht wirklich wahrnehmen. Solche Worte sind mehr als gut gemeinte Sprüche und mehr als das "Abakadabra" oder "Hocuspocus" eines Zauberers. Das Ja oder Nein eines Brautpaars, eines Politikers, einer Lehrerin, eines Elternteils oder eines Kindes kann vieles in Gang setzen. So ähnlich empfinde ich es jeden Tag in der Feier der Eucharistie, beim Hören der Einsetzungsworte: "Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegen wird", heißt es zuerst. Es sind nicht allein diese Worte, die Brot und Wein so verwandeln, dass Christus in ihnen gegenwärtig ist. Dazu gehört viel mehr: dass ich daran glaube und noch mehr, dass ich das wirklich annehme, beim Empfang der Kommunion. Es liegt also an mir, dass ich zulasse, das ein Wort die Welt verändern kann.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB arbeitet in der Ordensleitung des Kloster Grafschaft. Sie pendelt zwischen Deutschland und Jerusalem, wo sie in der Lehre tätig ist. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.

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