Eine Hand hält einen Kompass, weiter vorne gabelt sich der Weg aus Holzplanken.
Psychologin Anjeli Goldrian über gelingende Neujahrs-Absichten

Wie geht das mit den Vorsätzen?

Vorsätze - Anjeli Goldrian ist Psychologin und arbeitet für die Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Erzdiözese München und Freising. Vorsätze spielen im Leben eines jeden Menschen eine große Rolle, meint Goldrian. Wichtig sei zu bedenken, dass der Mut zu Veränderung nicht an Neujahr gebunden ist. "Man kann sich sein Neujahr an allen 365 Tagen im Jahr immer wieder selbst setzen", sagt sie.

- 27.12.2012

Frage: Frau Goldrian, warum glauben Sie, nehmen sich die Menschen gerade zu Neujahr gute Vorsätze vor?

Goldrian: Silvester ist eine Zeit des Innehaltens. Das alte Jahr endet, man besinnt sich, überdenkt die eigenen Prioritäten und hat Gelegenheit, Bilanz zu ziehen: Wie zufrieden ist man mit dem Jahr gewesen? Sind Kurskorrekturen nötig?

Frage: Ist es überhaupt hilfreich, gute Vorsätze zum Neuen Jahr zu beschließen?

Goldrian: Gute Vorsätze zu formulieren, kann nützlich sein. Aber nicht nur an Silvester. Auch an jedem anderen Tag im Jahr, bei jeder Art von Veränderung kann und sollte man seine Prioritäten überdenken und falls etwas schief läuft, versuchen, das zu verbessern.

Frage: Bergen diese guten Vorsätze nicht nur Frust und Stress?

Goldrian: Es hängt davon ab, wie man die Vorsätze formuliert. Sie müssen realistisch sein. Lieber kleine Schritte wagen, als sich gleich eine Riesenveränderung vorzunehmen. Außerdem gehört Scheitern auch immer wieder dazu. Das muss man sich einfach gestatten. Dann ist der Frust auch nicht so groß. Und wenn Vorsätze sich ganz und gar nicht einhalten lassen, muss man überlegen, ob es die richtigen Vorsätze waren. Ob man das, was man sich vorgenommen hat, wirklich will, oder ob es eher ein Vorhaben ist, dass ich mir von anderen habe einreden lassen, oder von anderen übernommen habe. Man sollte sich ganz einfach fragen: Was macht mich wirklich glücklich?

Frage: Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass sich die Menschen meist vornehmen, etwas nicht mehr zu tun, zum Beispiel mit dem Rauchen aufzuhören, oder weniger Süßes zu essen? Sollte man Vorsätze nicht besser positiv formulieren?

Goldrian: Das stimmt, denn negative Vorsätze haben etwas "selbstbestrafendes" an sich. Das sabotiert die Seele. Und genau deshalb funktioniert es dann auch nicht mit der langfristigen Veränderung. Man sollte Vorhaben immer positiv formulieren: Nicht: "Ich muss mich gesünder ernähren", sondern "Ich gönne mir eine gesunde Mahlzeit". Nicht: "Wir müssen mehr miteinander unternehmen", sondern "Ich wünsche mir eine intensive Zeit mit Dir allein". Selbstbelohnung ist ein ganz wichtiger Aspekt für uns Menschen.

Frage: Sind Rückfälle in alte Muster denn erlaubt?

Goldrian: Rückfälle sind gestattet. Wir sind alle fehlbar. Aber man kann dennoch an dem Vorsatz festhalten. Auch wenn ich während einer Diät gesündigt habe, heißt das nicht, dass das eine Stück Torte das Ende meiner Bemühungen darstellt. Man sollte sich eher sagen, gut, heut hat es nicht so gut geklappt, dafür wird es morgen wieder besser. Wer Rückfälle mitberücksichtigt, oder von vornherein einkalkuliert, für den ist ein kleines Versagen auch kein Drama mehr. Das gilt im Großen, wie im Kleinen.

Frage: In Ihrer Arbeit haben Sie sehr viel Kontakt zu Menschen, die die verschiedensten Sorgen umtreibt. Inwieweit spielen gute Vorsätze hier eine Rolle?

Goldrian: Zu uns kommen Menschen in Lebens- und Partnerschaftskrisen. Sie wünschen sich Veränderung und Verbesserung ihrer Situation. Um etwas zu erreichen, ist es wichtig, Wünsche und Träume zu formulieren und daraus einen Vorsatz abzuleiten. Zum Beispiel: "Wir möchten eine liebevollere Beziehung zueinander aufbauen" – das ist ein wunderbarer Vorsatz; nicht nur an Silvester. Man muss sich aber, wie schon erwähnt, realistische Schritte vornehmen. In unserer Arbeit geht es nämlich nicht darum, Idealbildern nachzueifern, sondern das Mögliche zu erreichen. Und zwar gemeinsam. Man darf in der Lebensberatung, wie auch bei den Neujahrsvorsätzen einfach nicht davon ausgehen, dass alles nach drei Tagen besser wird. Wahre Veränderungen brauchen einfach Zeit.

Das Interview führte Diana Steinbauer