Vergessene Katastrophe
Das Hilfswerk Misereor warnt vor Unterschätzung des Ebola-Virus

Vergessene Katastrophe

Ebola - Die Bilder der Ebola-Katastrophe waren grausam. Doch inzwischen spielt die Krankheit in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle. Das ist fatal, warnt das Hilfswerk Misereor. Denn erst vor wenigen Tagen gab es neue Todesfälle.

Von Sophia Michalzik |  Bonn/Aachen - 08.07.2015

In einer Pressemitteilung forderte das katholische Hilfswerk am Mittwoch die Weltgemeinschaft und die deutsche Bundesregierung dazu auf, die von Ebola betroffenen Länder weiter bei der Stärkung ihrer Gesundheitssysteme zu unterstützen und bei der akuten Hilfe nicht nachzulassen. Der Grund für diesen Aufruf liegt unter anderem in Liberia. Dort glaubte man, den Kampf gegen das heimtückische Virus gewonnen zu haben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte das Land im Mai für Ebola-frei erklärt. Doch dann folgte der Rückschlag. Ende Juni starb eine 17-Jährige an der Seuche. Wenige Tage später erkrankten zwei Angehörige.

Auch in Sierra Leone hat es nach Wochen ohne Neuinfektionen im Juni zwei neue Ebola-Fälle gegeben. Die Verzweiflung darüber ist groß: Um weitere Ansteckungen zu vermeiden, werde jeder, der eine Leiche wasche und heimlich begrabe, mit einer Gefängnisstrafe belegt, sagte der Leiter des nationalen Ebola-Zentrums, Paulo Conteh. Aus Guinea wurden zuletzt insgesamt knapp 30 neue Fälle pro Woche gemeldet, wie die Weltgesundheitsorganisation mitteilte.

200 Menschen stehen in Liberia unter Beobachtung

"Der erneute Ausbruch der Krankheit in Liberia zeigt, wie fragil die Situation in den als 'Ebola-frei' erklärten Ländern ist", sagt Martin Bröckelmann-Simon. Der Geschäftsführer von Misereor hat zuletzt vor vier Monaten Liberia besucht, um sich einen Eindruck von der Situation zu machen. 200 Menschen befinden sich dort derzeit unter strenger Beobachtung, Krankenhäuser und Gesundheitsstationen sind in Alarmbereitschaft.

Die gelben Schutzanzüge der Ärzte und Pfleger prägten das Bild der öffentlichen Wahrnehmung während der Ebola-Seuche. Inzwischen ist die Krankheit kaum noch Thema.

Die neuen Zahlen wecken Erinnerungen an überwunden geglaubte Zustände. Nach Auskunft der WHO sind in den drei westafrikanischen Ländern seit Ausbruch der Seuche vor rund eineinhalb Jahren etwa 27.400 Menschen erkrankt und mehr als 11.200 daran gestorben. Dass diese Zahlen nicht noch einmal erreicht werden, versucht unter anderem die Misereor-Partnerorganisation "Mother Patern College of Health Sciences" zu verhindern. Sie hat nach Auskunft des Hilfswerkes in den vergangenen Monaten die landesweiten Präventionsmaßnahmen in Liberia fortgeführt. Ärzte und Pfleger wurden zusätzlich ausgebildet und mit Schutzkleidung, Desinfektionsmitteln und anderen medizinischen Gegenständen ausgestattet.

"Wir hatten nie das Gefühl, wir dürften mit unseren Anstrengungen nachlassen", sagt Schwester Barbara Billant. So lange das Virus noch in den Nachbarländern wüte, könne man auch in Liberia vor einem erneuten Ausbruch der Krankheit nicht sicher sein, so die Leiterin des Gesundheitskollegs. Zudem will die Partnerorganisation auch die liberianische Regierung verstärkt in die Pflicht nehmen, um das Gesundheitssystem weiter zu verbessern.

Erhebliche Mängel im Gesundheitssystem

Denn hier liegt einer der Knackpunkte in der gesamten Ebola-Misere. Nach Auskunft von Misereor ist das Gesundheitswesen in westafrikanischen Ländern nach wie vor unterversorgt. Es fehle an ausreichendem Impfschutz, Maleria, HIV und Durchfallerkrankungen machten den Menschen zusätzlich zu schaffen. In Ausbildung und Ausstattung des Gesundheitspersonals gibt es erhebliche Mängel, beklagt Misereor.

Um hier Abhilfe zu schaffen, setzt das Hilfswerk auf langfristige Hilfe und hat nach eigenen Angaben bereits 2,5 Millionen Euro eingesetzt. Außerdem soll die Arbeit der Partner im Gesundheitsbereich langfristig unterstützt werden. Hier müssten auch internationale Geldgeber mitziehen, fordert Bröckelmann-Simon. "Sollte die Hilfe vorschnell reduziert werden, ist der Kampf gegen das Virus nicht zu gewinnen."

Von Sophia Michalzik