Gesicht Kardinal Lehmanns und Kirchturm aus der Froschperspektive
Bild: © KNA
Kardinal Lehmann über seine Erinnerungen an das Konzil

Dialog ist unersetzlich

Geschichte - Das Zweite Vatikanische Konzil brachte Änderungen für die katholische Kirche in einer Zeit, in der die Kirchen zwar noch voll waren, die Bischöfe aber schon von einer beginnenden Glaubenskrise sprachen. Kardinal Karl Lehmann war damals im Vatikan dabei und spricht über seine Erinnerungen.

Von Janina Mogendorf |  Bonn - 02.10.2012

Frage: Herr Kardinal, Sie haben vor fünfzig Jahren das Zweite Vatikanische Konzil hautnah miterlebt. Was sind Ihre prägendsten Erinnerungen an diese Zeit?

Lehmann: Für mich sind im Rückblick drei Phasen für das Konzil wichtig: Erstens der packende dynamische Aufbruch nach der Konzilsankündigung am 25. Januar 1959 mit der eindrucksvollen Figur von Papst Johannes XXIII. Zweitens das Erlebnis der vier Konzilsperioden (1962-1965) mit den spannenden Dialogen und Auseinandersetzungen um die zentralen Themen. Hier muss Papst Paul VI. als entschiedener Reformer genannt werden. Drittens die nachkonziliare Zeit mit dem Andauern einer grundlegenden Begeisterung über das Konzil, aber auch mit schwerwiegenden Spannungen zwischen "Progressiven" und "Konservativen" über die Verwirklichung des Konzils.

Frage: 2013 feiern Sie Ihr goldenes Priesterjubiläum. Das heißt, Sie wurden in einer Zeit geweiht, in der der Gang zum Sonntagsgottesdienst noch selbstverständlich war. Wo sehen Sie die bedeutendsten Veränderungen in der Glaubensausübung seit damals?

Lehmann: Die am meisten sichtbaren Veränderungen liegen in der Gestaltung der Liturgie, der Eucharistiefeier und der Sakramente, weil es hier nicht nur um den Gebrauch der Muttersprache, sondern auch um eine Erneuerung der liturgischen Gestalt geht. Unübersehbar war auch die Vereinfachung vieler Dinge in der Kirche, zum Beispiel der Gewänder von Papst und Bischöfen, die Stellung des Altars zum Volk und in der Mitte der Gemeinde und so weiter. Aber die äußere Gestaltsveränderung darf man nicht überschätzen, wie es manchmal leider von verschiedener Seite geschehen ist.

Frage: Konzile finden meist in großen Abständen statt. Braucht die Kirche in der heutigen Zeit mehr Bischofsversammlungen dieser Größenordnung, um mit den gesellschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten?

Lehmann: Nein, Konzile dürfen nur in dringlichen Situationen durchgeführt werden, wenn die Lehre und Praxis der Kirche grundlegend auf dem Spiel steht. Wir haben ja heute viele andere Formen der Meinungsbildung unter den Bischöfen, zum Beispiel die sehr verschiedenen Typen einer Bischofssynode in Rom (Weltebene, Kontinente, Länder), die Mitwirkung der Bischöfe aus aller Welt in den römischen Behörden, die leichten Reise- und Kommunikationsmöglichkeiten überhaupt.

Die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils war für mich über Jahre eine tiefe Glaubenserfahrung, freilich mit Höhen und Tiefen.

Zitat: Karl Kardinal Lehmann

Frage: Papst Benedikt XVI. hat ein "Jahr des Glaubens" ausgerufen. Was war das intensivste Glaubenserlebnis Ihrer geistlichen Laufbahn?

Lehmann: Schon Papst Paul VI. hat für das Jahr 1967/68 ein "Jahr des Glaubens" ausgerufen, also sehr bald nach dem Konzil. Geblieben ist vor allem sein "Credo des Gottesvolkes". Ich bin gegenüber diesen ausgerufenen Jahresthemen ein wenig skeptisch, denn sie werden oft zu spät angesagt, laufen während eines Jahres schnell ab und werden selten wirklich nachgearbeitet. Ich kann für mich selbst, um darauf zurückzukommen, kein hinreißendes, mein Leben schlagartig veränderndes "Glaubenserlebnis" präsentieren. Ich habe den Glauben während schwieriger Jahre des Krieges und der Nachkriegszeit als starke Kraft für viele Menschen erfahren. Dieses Mitleben mit der Kirche, besonders auch im Reigen eines Kirchenjahres, mit allen Höhen und Tiefen, war für mich immer wichtiger als schnell vergängliche Höhepunkte. Die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils war für mich über Jahre eine tiefe Glaubenserfahrung, freilich mit Höhen und Tiefen.

Frage: Ziel des Glaubensjahres ist es, möglichst zahlreiche Christen zum Glauben zurückführen. Wie kann das gelingen, wenn sich immer mehr Gläubige enttäuscht von der Kirche abwenden?

Lehmann: Die Kirchenaustrittsbewegung vor allem nach den Missbrauchsskandalen hat wohl etwas nachgelassen. Menschen wenden sich aus sehr vielen Gründen von der Kirche ab. Wir gewinnen auch nicht wenige neu, was man oft übersieht. Deswegen muss man die enttäuschten Mitglieder, ob sie nun ausgetreten sind oder nicht, dort abholen, wo die Konflikte sind. Zuhörenkönnen und Gespräch, Argumentation und neue positive Kirchenerfahrung helfen am meisten.

Frage: In seinem Motu proprio schreibt Benedikt, die Christen kümmerten "sich mehr um die sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen ihres Einsatzes", während der Glaube keine selbstverständliche Voraussetzung mehr sei. Was bedeutet das konkret und wie sollte danach der Alltag eines engagierten Christen besser aussehen?

Lehmann: Ich kann den Alltag des Christen, das Leben des Glaubens und den Einsatz im gesellschaftlichen Feld nicht in Gegensatz zueinander bringen oder gar ausspielen. Das eine braucht das andere, um selber wahr zu sein. Dies ist ja im Verhältnis der drei Grundaufgaben der Kirche, jeder Gemeinde und aller Christen – nämlich Glaubensvermittlung, Gottesdienste/Sakramente, Caritas/Diakonie – oft und an vielen Exempeln durchgespielt worden. Natürlich muss man immer für ein ausgewogenes Verhältnis sorgen. Dafür ist zuerst eine Praxis des Glaubens und ein eigenes konkretes Engagement notwendig.

Der Dialogprozess muss die anstehenden Fragen einer Lösung näherbringen. Sonst ist die Enttäuschung groß.

Zitat: Karl Kardinal Lehmann

Frage: Die Gegenwart ist durch schnelle multimediale Informationsvermittlung geprägt. Wie muss sich die Form der Glaubensvermittlung an heutige Gegebenheiten anpassen? Was kann katholisch.de als das katholische Internetportal dazu leisten?

Lehmann: Auch wenn wir die modernen Medien und ihre Möglichkeiten reich benutzen, dürfen wir die klassischen Wege der Glaubensweitergabe nicht vernachlässigen, zum Beispiel in der Familie, im Kindergarten und in der Schule, in der Jugendarbeit, in der Vielfalt der Presseorgane und so weiter. Ein Internetportal wie "katholisch.de" ist hier so etwas wie ein Türöffner und ein erster Wegweiser, die nicht zu unterschätzen sind. Das Vorfeld und seine Bereitung, das Wecken von Interesse und das Gewinnen von Neugierigen, die weitersuchen, dies ist gewiss eine erste große Aufgabe. Dafür braucht es dann die Zusammenarbeit mit anderen.

Frage: Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich inmitten eines Dialogprozesses. Welche Rolle wird dieser im Glaubensjahr spielen?

Lehmann: Der Dialogprozess ist ja auf mehrere Jahre angelegt. Im "Jahr des Glaubens" kann er eine lebendige religiöse und spirituelle Mitte finden, die alles trägt. Von da aus wird wieder diese lebendige Glaubensmitte in die verschiedenen Formen des Zeugnisses und der Bewährung dieses Glaubens in der Gesellschaft und auch beim Einzelnen entfaltet.

Frage: Wie beurteilen Sie den Fortgang des Prozesses und was erhoffen Sie sich davon für die kommenden Jahre?

Lehmann: Der Dialog ist die unersetzliche Form der Zusammenarbeit heute in der Kirche. Er muss aber sehr ernsthaft und gut vorbereitet sein, gerade auch, wenn die Etappen dieses Prozesses ziemlich kurz sind. Vor allem aber muss der Dialogprozess die anstehenden Fragen einer Lösung näherbringen. Sonst ist die Enttäuschung groß. Hier stehen wir noch am Anfang. Die Erfahrungen mit der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971-1975) und Studientage, auch mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, waren dafür gute Erfahrungen und machen Mut.

Von Janina Mogendorf