Ein Aufnäher mit dem Schriftzug "Polizei Seelsorge" an der Jacke eines Polizeiseelsorgers aus Nordrhein-Westfalen.
Die zunehmende Zahl der Flüchtlinge belastet auch Polizisten im Einsatz

Stress und spontane Hilfe

Polizeiseelsorge - Die vielen Flüchtlinge, die seit Monaten in Bayern ankommen, stellen auch Polizisten vor immer größere Herausforderungen. Im Interview erläutert der katholische Landespolizeidekan Andreas Simbeck, was die Polizeiseelsorger für die Betroffenen tun können.

Von Barbara Just (KNA) |  München - 26.08.2015

Frage: Herr Simbeck, die vielen Flüchtlinge machen den Polizisten zunehmend zu schaffen. Welche Sorgen bekommen die Seelsorger zu hören?

Simbeck: In der Tat fühlen sich die Polizeibeamten zunehmend überfordert. Noch aber sind die großen Sorgen und Nöte bei uns nicht angekommen. Wir stellen uns allerdings darauf ein und bereiten uns entsprechend vor, damit wir reagieren oder auch präventiv die eine oder andere Unterstützung anbieten können.

Andreas Simbeck ist Landespolizeidekan und hauptamtlicher Polizeiseelsorger für Südbayern.

Frage: Wo drückt der Schuh am meisten?

Simbeck: In erster Linie ist es die Arbeitsüberlastung. Denn neben der normalen Polizeiarbeit müssen sie sich zusätzlich noch um die Asylbewerber kümmern. Da bleibt natürlich auch einiges liegen. Und dann gibt es die persönliche Betroffenheit des einen oder anderen Beamten angesichts der Schicksale, die einem in Gestalt der Flüchtlinge begegnen. Aber er soll professionell agieren und reagieren, auch wenn sich unter den Flüchtlingen hin und wieder Aggressivität aufbaut. In solchen Hochstress-Situationen muss klar sein, was ich tue, vor allem darf ich nicht selber aggressiv werden.

Frage: In Deggendorf und Rosenheim gibt es "Bearbeitungsstraßen", in denen die Polizei die Flüchtlinge amtlich erfasst. Waren Sie schon dort?

Simbeck: Nein. Wir werden uns aber dort Anfang September ein Bild machen. Das habe ich mit meiner evangelischen Kollegin bereits vereinbart.

Frage: Sie selbst sind aber schon am Münchner Hauptbahnhof gewesen, wo täglich Flüchtlinge per Zug ankommen und registriert werden müssen.

Simbeck: Richtig. Die Situation war einerseits schockierend. Aber sehr positiv ist mir aufgefallen, dass die Beamten nicht nur ihren Dienst erledigen, sondern auch den einzelnen Menschen, der dort ankommt, im Blick haben. Sie versuchen, spontan und unbürokratisch zu helfen.

Hintergrund: Polizeiseelsorge

Wer bei der Polizei arbeitet, muss damit rechnen, irgendwann etwas Schockierendes zu sehen. Polizeibeamte stehen oft in der Schussbahn, eine Situation, die bisweilen Nerven und Gemüt überfordert. Für solche Fälle, aber auch für jede Art von Alltagssorgen im Polizeiberuf, stehen in Deutschland mehr als hundert Männer und Frauen als katholische Seelsorger zur Verfügung.

Frage: Wie sieht das aus?

Simbeck: Sie haben für diese Leute eingekauft. Das reichte von Kosmetikartikeln über Damenbinden bis hin zu Windeln für Säuglinge.

Sie beschafften also all das, was man braucht, um einigermaßen anständig und würdevoll leben zu können. Wenn die Leute mit nichts oder kaum etwas in der Tasche auf der Flucht sind, brauchen sie eben ein Stück Seife, Duschgel oder was auch immer, um gewisse Grundbedürfnisse stillen zu können.

Frage: Erzählen Ihnen die Polizisten, was Sie berührt?

Simbeck: Ja, natürlich. Deswegen haben wir Seelsorger in unseren Ansprachen zu Weihnachten letzten Jahres versucht zu sensibilisieren, was es heißt, auf der Flucht zu sein und wie schnell das gehen kann.

Dass es für diese Beamten Stress bedeutet, dass auch Emotionen wie Ärger und Frust über die Bürokratie hochkommen, ist verständlich. Wir versuchen, das in Einzel- und in Gruppengesprächen aufzufangen.

Frage: Wie wird man auf diesen offenen Brief eines Polizeibeamten, der einem Hilfeschrei gleicht, reagieren?

Simbeck: Ich finde den Brief grundsätzlich nicht schlecht, einfach auch um über die Gewerkschaften die Politik zu erreichen. Denn die muss reagieren und sich fragen, wie es ihren Einsatzkräften geht, egal ob Landes- oder Bundespolizei. Wie weit dann etwas passiert oder passieren kann, muss man abwarten. Da können wir als Seelsorger noch zu wenig sagen. Aber dass es vereinzelt verärgerte Stimmen gibt, ist nachzuvollziehen.

Zur Person

Msgr. Andreas Simbeck ist katholischer Landespolizeidekan und hauptamtllicher Polizeiseelsorger in Südbayern.

Von Barbara Just (KNA)