Zwei Nazis kleben Schilder an eine Schaufensterscheibe, um die anderen Deutschen zum Boykott ihrer Mitbrüger aufzurufen.
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Boykott der Geschäfte eröffnet systematische Juden-Verfolgung

Beginn des Horrors

Geschichte - Deutschland, 1. April 1933, 10 Uhr: Landesweit ziehen vor jüdischen Geschäften uniformierte und zum Teil bewaffnete SA-Trupps auf. Sie setzen um, was die Parteiführung der NSDAP vier Tage vorher angeordnet hat - und was nun an Schaufensterscheiben und auf Plakaten in Großbuchstaben zu lesen ist: "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!"

Berlin - 01.04.2013

Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte, in den Ärzte und Rechtsanwälte einbezogen werden, zeigt das nationalsozialistische Regime vor 80 Jahren erstmals seine antisemitische Fratze - nur zwei Monate nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar.

Fadenscheinige Begründung

Zum Teil brutale Übergriffe der SA, Boykottmaßnahmen, Plünderungen und Schikanen mussten jüdische Händler und Gewerbetreibende schon in der Weimarer Republik über sich ergehen lassen. Anfang 1933 nehmen sie zu. Doch dabei handelt es sich um lokale Einzelaktionen. Am 1. April 1933 wird jedoch aus staatlich geduldeter Gewalt erstmals staatlich organisierter Terror.

Als fadenscheinige Begründung ziehen die Nazis die wachsende Kritik im Ausland an der Juden-Verfolgung heran. So wird etwa in den USA öffentlich über einen Boykott deutscher Waren diskutiert. Jüdische Organisationen raten jedoch zur Mäßigung. Sie befürchten Vergeltungsmaßnahmen an den deutschen Juden. Genauso kommt es: Am 26. März schreibt Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: "Wir werden gegen die Auslandshetze nur ankommen, wenn wir ihre Urheber oder doch wenigstens Nutznießer, nämlich die in Deutschland lebenden Juden, die bisher unbehelligt blieben, zu packen bekommen. Wir müssen also zu einem groß angelegten Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland schreiten."

Mehr als nur Boykott

Am 28. März ergeht ein Aufruf der NSDAP-Parteileitung: "Kein Deutscher kauft noch bei einem Juden (...). Der Boykott muss ein allgemeiner sein. Er wird vom ganzen Volk getragen und muss das Judentum an seiner empfindlichsten Stelle treffen." Der Boykott soll "bis in das kleinste Bauerndorf hinein" organisiert werden.

Zum Leiter der Aktion wird der Herausgeber des Hetzblattes "Der Stürmer", Julius Streicher, ernannt. Er lässt in einem Aufruf vom 30. März keinen Zweifel, dass es den Nazis um mehr als den zeitweisen Boykott von Geschäften geht: "Am Samstag (...) beginnt des deutschen Volkes Abwehraktion gegen die jüdischen Weltverbrecher."

Bevölkerung bleibt passiv

Doch der "staatlich verordnete Antisemitismus", von dem später der Politologie-Professor Karl Dietrich Bracher spricht, funktioniert nur begrenzt. Zwar herrscht in weiten Kreisen der Bevölkerung eine latent judenfeindliche Stimmung vor, aber viele Bürger sind vom brutalen Auftreten der Schlägertruppe der NSDAP angewidert . Wer von ihnen demonstrativ doch in jüdischen Geschäften einkauft, wird selbst drangsaliert. SA-Leute fotografieren die Kunden, die Bilder werden in der Zeitung gedruckt, die Namen öffentlich ausgehängt. Die Masse der Bevölkerung bleibt passiv. Am Abend setzt die Regierung den Boykott aus, drei Tage später erklärt sie ihn für beendet.

Der 1. April 1933 hat die "Funktion eines Startzeichens", so der israelische Historiker und Ökonom Avraham Barkai. Er markiert den Beginn der Vertreibung der rund 500 000 Juden in Deutschland aus dem Wirtschaftsleben. Schon am 7. April holen die Nazis mit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" zum nächsten Schlag aus. Danach sind "nichtarische Beamte" in den Ruhestand zu versetzen. Mit den "Nürnberger Gesetzen" vom 15. September 1935 und 13 weiteren Verordnungen in den folgenden Jahren werden den Juden nach und nach alle Möglichkeiten der Berufsausübung genommen.

Verlust der ökonomischen Basis und Entzug der bürgerlichen Recht

Der Verlust der ökonomischen Basis geht einher mit dem Entzug der bürgerlichen Rechte und dem Ausschluss aus der Gesellschaft. Der Terror nimmt in den Folgejahren an Brutalität zu, führt über die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 schließlich zu Deportation und Ermordung, zum Holocaust. Unverhohlen droht Propagandaminister Goebbels schon am 1. April 1933 bei einer Kundgebung im Berliner Lustgarten, wenn die "Gräuelpropaganda" des Auslands nicht endlich aufhöre, dann werde "der Boykott der nationalen Erhebung die jüdische Rasse in Deutschland bis zur Vernichtung treffen".

Der Philologe und Schriftsteller Victor Klemperer aus Dresden, selbst aus einer jüdischen Familie stammend, sieht die Entwicklung schon 1933 kommen. Am 30. März hält er in seinem Tagebuch eine "Stimmung wie vor einem Pogrom" fest. Er notiert weiter: "Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor (...), dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde."

Von Ulrich Steinkohl