Der schönste Weg der Welt
Die achtjährige Ines aus Mosambik träumt davon, eines Tages Lehrerin zu werden

Der schönste Weg der Welt

Heute ist der Weltalphabetisierungstag, der an das Problem des Analphabetismus erinnern soll. Wie wichtig Bildung ist, zeigt sich zum Beispiel in Mosambik. Dort geht die kleine Ines gerne in die Schule. Sie träumt davon, Lehrerin zu werden.

Von Manfred Kutsch |  Aachen - 08.09.2015

Auf dem Schulhof der katholischen Missionsstation Estaquinha fällt das quirlige Mädchen mit neugierigen Augen und bunten Perlen im geflochtenen Haar auf. "Ich bin total gut im Schreiben und Rechnen", erzählt sie mit einem breiten Lächeln.

Im Unterricht sitzt Ines gemeinsam mit ihrer Freundin Filipa ganz weit vorne in der Klasse - die Hefte aufgeschlagen, die Stifte in den Händen. Aufmerksam hören sie den Erklärungen von Lehrerin Amelia Mucone zu und schreiben Rechenaufgaben und Schreibübungen in ihre Hefte. Am Ende der Stunde packen Ines und Filipa ihre Sachen zusammen, Ines nimmt ihren roten Baumwollbeutel, Filipa den blauen. Im Gepäck haben beide natürlich auch die Hausaufgaben.

Ein langer Schulweg über Feldwege und Pfade

Der Schulweg, den die Mädchen jeden Tag gehen, dauert insgesamt eine knappe Stunde. Er führt über Feldwege und Pfade, vorbei an kargen Sträuchern und Affenbrotbäumen, dann endlich liegt die heimische Siedlung vor den Mädchen. Ines Familie lebt in einer Hütte mit einem Dach aus Palmzweigen und bräunlichen Wänden aus Lehm und Geäst.

Hier ist Ines zu Hause: Ein Dorf im Nordosten von Mosambik.

Mutter Elisa Filipe und Vater Tomas Mutumbame warten auf ihre Tochter im Schatten eines mächtigen, ausladenden Mangobaums. "Es ist unheimlich wichtig, dass Ines Schreiben, Rechnen und noch Vieles mehr lernt", sagt der Vater. Sie habe schon als Kleinkind zur Schule gehen wollen und sei sehr ehrgeizig.

Stolz blickt Tomas Mutumbame auf seine Tochter. Ines grinst, greift in ihren Baumwollbeutel und zieht ihre Hefte heraus. Es wird Zeit für die Hausaufgaben, denn später muss sie ihrer Mutter beim Kochen helfen. Das gehört in Mosambik zu den Aufgaben der Mädchen. Doch Ines hat Glück, denn im Gegensatz zu vielen anderen darf sie neben der Hausarbeit auch zur Schule gehen.

Bildung als Sprungbrett in eine bessere Zukunft

Ihre Schulausbildung ist für Ines das Sprungbrett in eine bessere Zukunft. Das Beispiel der Achtjährigen steht für inzwischen mehr als 7.000 Schüler, darunter auch Mädchen und Jungen mit Behinderung, die durch das lokale Hilfswerk ESMABAMA gefördert werden. Aber ESMABAMA ist noch mehr als Schule. Die Organisation unterhält eine eigene Landwirtschaft, auf knapp 3.000 Hektar Anbaufläche und Weiden für hunderte Rinder und Ziegen.

Diese sichern den Grundbedarf der Schulen - vor allem der 1.760 Internatsschüler, die auf den Feldern mitarbeiten und im Gegenzug kostenlos im Internat untergebracht und versorgt werden. Neben 238 staatlich bezahlten Lehrerinnen und Lehrern und den professionellen Ordenskräften halten rund tausend Freiwillige das Riesenrad ESMABAMA in Schwung. Seit 2008 wird ihre Arbeit vom Kindermissionswerk "Die Sternsinger" in Deutschland unterstützt.

Stichwort: Missionsstation Estaquinha

Die katholische Missionsstation Estaquinha wurde 1992 vom Missionar Pater Ottorino Poletto gegründet. Als Pädagoge, Landwirt, Viehzüchter und Gesundheitsbeauftragter gründete er die Organisation ESMABAMA, benannt nach den ersten beiden Buchstaben der vier Missionsstationen Estaquinha, Machanga, Barada und Mangunde, die heute an ihren Schulen die Kinder der entlegenen Region unterrichten und stärken. ESMABAMA angeschlossen sind eine eigene Krankenstation, Landwirtschaft und Tierhaltung. "Für die Familien in den ländlichen Regionen war das die einzige Chance auf eine bessere Zukunft", sagt Julia Biermann vom Kindermissionswerk "Die Sternsinger", die das ESMABAMA-Projekt besucht hat. "Die Kinder lernen Vieles nicht nur für sich, sondern können ihr Wissen auch an ihre Eltern weitergeben, zum Beispiel, wie wichtig Händewaschen oder das Abkochen von Trinkwasser ist."

Zurück unter dem Mangobaum. Hunde rangeln miteinander, schnatternd ziehen drei Enten davon, eine Henne nebst Nachwuchs marschiert quer durch das Geschirr, das Ines abwäscht. "Wir können unseren Kinder nicht mehr bieten als das hier", sagt Ines' Mutter und deutet auf die Hühner und den Bottich, in dem sie Mais zerstampft hat. "Aber wenn unsere Kinder zur Schule gehen, haben sie die Chance, später einmal ein besseres Leben zu führen", ergänzt sie mit einem Lächeln.

Erst Schülerin, dann Lehrerin: "Ein Traum hat sich erfüllt"

Ines hat Glück, dass ihre Eltern sie unterstützen. Viele Mädchen in Mosambik müssen von heute auf morgen die Schule abbrechen, weil sie früh verheiratet werden. Manche Eltern schicken auch ihre Söhne nicht zum Unterricht, damit sie stattdessen zuhause fürs tägliche Überleben arbeiten können. All dies käme in Ines' Familie nie infrage: "Von unseren sechs Kindern sind drei bereits aus dem Haus - und auch die anderen sollen eine Ausbildung abschließen", sagen Elisa Filipe und Tomas Mutumbame.

Vielleicht wird Ines' Wunsch, eines Tages als Lehrerin zu unterrichten, wahr werden. Ein Vorbild hat sie in der Schule auch schon gefunden: ihre Lehrerin Amelia Mucone. "Ich war selbst als Schülerin hier in der Schule und bin als Lehrerin zurückgekehrt", berichtet die 27-Jährige. "Ein Traum hat sich erfüllt", sagt Amelia stolz. Ihre Eltern waren Analphabeten.

Linktipp: "Es geht viel über Hände und Füße"

Regina Merkl ist Leiterin der katholischen Sternsingergrundschule in Köln-Longerich, in der seit einem Jahr Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Zum Weltalphabetisierungstag am heutigen Dienstag spricht Merkl über die neuen Herausforderungen für Schüler und Lehrer - denn auch hier in Deutschland ist die Alphabetisierung für Mädchen und Jungen von enormer Bedeutung.

Von Manfred Kutsch