Eine arme Frau zählt Geld in ihrer Hand.

In der Armutsfalle

Soziales - Am heutigen Mittwoch will das Bundeskabinett den neuen Armuts- und Reichtumsbericht beschließen. In dem Bericht wird dargestellt, wie sich die Einkommensverhältnisse in Deutschland entwickelt haben. Michaela Hofmann ist Referentin für Armutsfragen beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln und stellvertretende Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz. Im Gespräch mit katholisch.de äußert sie sich zur sozialen Situation in Deutschland und der Frage, ob Armut dumm macht.

Freiburg - 14.11.2012

Frage: Frau Hofmann, wann gilt man in Deutschland eigentlich als arm?

Hofmann: Wer weniger als 688 Euro netto pro Monat zur Verfügung hat, ist als arm zu bezeichnen. 688 Euro sind der Wert, der einer alleinstehenden Person als Transferleistung im Rahmen der Grundsicherung im Alter oder der Grundsicherung für Arbeitssuchende pro Monat für Miete, Strom, Lebensmittel, Kleidung, Mobilität und weitere Dinge des täglichen Lebens ausgezahlt wird.

Frage: Laut dem Bericht verfügen die reichsten zehn Prozent der Deutschen über mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens, der unteren Hälfte der Haushalte gehört gerade mal ein Prozent vom großen Kuchen. Was läuft da falsch in diesem Land?

Hofmann: Bedingt durch die Steuerpolitik, die hohe Einkommen und Vermögen begünstigt, die Arbeitsmarktpolitik, die auf Niedriglöhne setzt sowie den Abbau des sozialen Wohnungsbaus ist es Menschen mit geringem Einkommen nicht möglich, Vermögen aufzubauen. Für rund 30 Prozent der Haushalte mit den niedrigsten Einkommen gilt sogar, dass sie mehr Geld ausgeben als sie einnehmen. Und dies nicht für Luxusgüter sondern für Miete, Nahrungsmittel und Kleidung. Auch die politisch gesetzten geringen Regelsätze machen Ansparungen oder eine Vorsorge für das Alter unmöglich und tragen somit zu einer Verfestigung der Vermögensverhältnisse bei.

Frage: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Was glauben Sie, wie sich das auf das gesellschaftliche Klima hierzulande auswirkt?

Hofmann: Eine Studie der Bundesagentur für Arbeit zur Einstellung der Bevölkerung gegenüber Langzeitarbeitslosen hat ergeben, dass jeder zweite Bundesbürger Vorurteile gegenüber Erwerbslosen hat und glaubt, dass diese nicht arbeiten wollen, sich in der sozialen Hängematte wohlfühlen und Schmarotzer seien. Hierdurch wird ein Bewertungssystem geschaffen, welches Menschen, die sich in Not befinden, ausgrenzt und ihnen immer wieder vor Augen führt, dass sie nicht erwünscht sind. Gerade für Kinder hat dies fatale Folgen. Abwertungen und Ausgrenzungen führen zu Perspektivlosigkeit und Versagen. So wird eine ganze Generation junger Menschen abgehängt.

Abwertungen und Ausgrenzungen führen zu Perspektivlosigkeit und Versagen. So wird eine ganze Generation junger Menschen abgehängt.

Zitat: Michaela Hofmann

Frage: Es gibt Menschen, die das Ganze als "Neiddebatte" abtun und mehr Eigeninitiative von den ärmeren Schichten fordern. Überall geistern Klischees vom faulen "Hartz-IV-Empfänger" herum, der sich auf Kosten des Staates ausruht – wie argumentieren Sie dagegen an?

Hofmann: Die Argumentation ist äußerst schwierig, denn Menschen, die dies glauben wollen, sind unbelehrbar. In den Diskussionen ziehen wir Statistiken und Studien hinzu und informieren darüber, wie Armut entsteht und welche Rahmenbedingungen Armut hervorrufen. Aber es scheint einfacher zu sein, das Klischee vom Faulen zu bedienen, denn auch Journalisten versuchen ständig die Komplexität zu vereinfachen und bilden dadurch Stereotype ab.

Frage: In keinem anderen Land sind die Bildungschancen von Kindern so abhängig vom Verdienst der Eltern wie in Deutschland. Macht Armut also auch dumm?

Hofmann: Geld sorgt nicht für die Intelligenz eines Menschen. Allerdings sorgt Geld dafür, ob Bildung möglich wird, ob Chancen gegeben werden, einen Schulabschluss und einen höheren Bildungsabschluss zu erhalten. Kindertageseinrichtungen und Schulen müssen qualitativ besser ausgestattet und zu einem lebendigen Lernort umgestaltet werden, damit alle eine Chance haben.

Frage: In den USA gibt es die Kampagne "The Giving Pledge" ("Das Spenden-Versprechen") von Bill Gates und Warren Buffett. 92 Milliardäre haben zugesagt, die Hälfte ihres Vermögens zu spenden. Könnten Sie sich so etwas auch in Deutschland vorstellen?

Hofmann: Wer spenden will, kann heute auch schon spenden und bekommt dafür schon jetzt Lob und Anerkennung. Ich bin eher dafür, eine Kampagne dafür zu starten, dass Unternehmer mehr Arbeitsplätze schaffen, dass sie Menschen so entlohnen, dass davon gelebt werden kann, dass die 400-Euro-Jobs abgeschafft werden und dass die Einkommenssteuer wieder angehoben und Abschreibungsmöglichkeiten verringert werden. Dadurch könnte sich die Kluft zwischen Arm und Reich verkleinern und wer dann noch Spenden möchte, der kann das gerne tun.

Das Interview führte Steffi Schmitz