"Kein Staat will als Versager dastehen"
Sozialethiker Gerhard Kruip über den Klimavertrag von Paris

"Kein Staat will als Versager dastehen"

Klimakonferenz - In Paris hat sich die Welt auf einen gemeinsamen Kampf gegen die Erderwärmung geeinigt. Der Sozialethiker Gerhard Kruip hat mit katholisch.de über die Inhalte des Vertrags gesprochen. War das Abkommen am Ende nur ein Lippenbekenntnis?

Von Björn Odendahl |  Mainz - 16.12.2015

Frage: Herr Kruip, sind Sie zufrieden mit dem Abkommen von Paris?

Kruip: Wir müssen uns nur einmal kurz vorstellen, wie es uns ginge, wenn die Konferenz gescheitert wäre. Das hätten wir als eine Katastrophe empfunden und würden sehr viel pessimistischer in die Zukunft blicken. So haben wir zumindest Grund für die Hoffnung, dass die heute lebende Generation ihrer Verantwortung gegenüber ihrem Planeten und gegenüber der gesamten Menschheit noch gerecht werden kann. Aber eine Garantie, dass es klappt, ist das natürlich nicht.

Frage: Was ist für Sie der wichtigste Beschluss der Klimakonferenz?

Kruip: Das wichtigste scheint mir zu sein, dass tatsächlich praktisch alle Staaten auf dieser Welt Einigkeit erzielt haben und den Willen erklären, die Erderwärmung gemeinsam zu bekämpfen. Sehr wichtig ist aber auch, dass nicht nur das 2-Grad-Ziel bekräftigt worden ist, sondern dass die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad gehalten werden soll, ja dass sogar Anstrengungen zu unternehmen sind, um 1,5 Grad nicht zu überschreiten.

Gerhard Kruip im Porträt

Der Theologe Gerhard Kruip ist Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik an der Universität Mainz.

Frage: Ist das nicht nur ein Lippenbekenntnis?

Kruip: Für manche Staaten, die trotz Bedenken und gegenläufigen Eigeninteressen zugestimmt haben, mag es sich um ein Lippenbekenntnis handeln. Aber ich bin sicher, dass inzwischen viele Menschen, auch viele Politiker und Verantwortliche in der Wirtschaft, verstanden haben, dass es in unserem ureigensten Interesse liegt, endlich gemeinsam und wirksam gegen die Erderwärmung vorzugehen. Je mehr das verstanden haben und je mehr das Vertrauen wächst, dass auch andere mitmachen, umso mehr wird eine politische und wirtschaftliche Dynamik in Gang kommen, die zur Begrenzung der Erderwärmung führt. Die Sorge, dass man als Vorreiter des Klimaschutzes letzten Endes "der Dumme" sein könnte, weil man selbst viel investiert hat, die Klimakatastrophe aber trotzdem eintritt, ist nach dem Ergebnis der Pariser Klimakonferenz nicht mehr gerechtfertigt.

Frage: Der Vertrag erkennt erstmals die Schäden und Verluste an, die vor allem den ärmeren Ländern durch den Klimawandel entstanden sind. Reicht das aus?

Kruip: Für sich genommen reicht das natürlich nicht aus. Aber es ist ein wichtiger Schritt, um diejenigen Länder, die bisher am meisten zur Erderwärmung beigetragen haben und durch ihre bisherige Industrialisierung ja auch viele Vorteile haben, stärker an den Kosten der Transformation in Richtung einer kohlenstofffreien Energieversorgung zu beteiligen und für die bisher schon entstandenen Schäden jedenfalls zu einem gewissen Teil aufzukommen.

Frage: Für die Zukunft sind sogenannte Unwetterversicherungen geplant, die ärmere Länder bei Umweltkatastrophen entschädigen sollen. Ist das schon echte Klimagerechtigkeit?

Kruip: Klimagerechtigkeit hat ja unterschiedliche Aspekte. Für die Zukunft geht es vor allem um die Frage, wer noch wie viel CO2 ausstoßen darf. Ich würde sagen: Nach einer möglichst kurzen Übergangsfrist in etwa alle Menschen pro Kopf gleich viel, aber so wenig, dass dieser Ausstoß nicht mehr zur Klimaerwärmung beiträgt. Dieser egalitaristische Ansatz ist unter dem Begriff der "Kohlenstoffgerechtigkeit" in die Debatte eingegangen. Von uns verlangt das sehr viel, in etwa eine Reduktion des bisherigen Ausstoßes auf 20 Prozent.

Frage: Welche Aspekte gehören noch dazu?

Kruip: Zum Beispiel die Frage, wer für Schäden aufkommt, die auf Grund früherer CO2-Emissionen schon eingetreten sind oder demnächst eintreten werden. Dafür muss es eigentlich nach dem Verursacherprinzip eine Pflicht zum Schadensersatz durch diejenigen geben, die bisher besonders viel CO2 in die Luft geblasen haben. Dafür sind vor allem die 100 Milliarden US-Dollar da, die die reicheren Länder den ärmeren zur Verfügung stellen sollen – was aber sicher nicht reichen wird. Und der dritte Aspekt ist eben, dass auch die bevorstehenden CO2-Emissionen Schäden verursachen werden, davon aber häufig nicht die Verursacher, sondern andere betroffen sein werden – auch deshalb, weil es mit gewissen Zufälligkeiten zusammenhängt, wo genau die Schäden auftreten. Dafür ist eine Art Versicherung für Extremwetterereignisse keine schlechte Idee, wobei es auch hier sehr auf die Details ankommt, nämlich auf Fragen wie: "Wer zahlt ein?" oder "Wer bekommt auf Grund welcher Schäden wie viel ausbezahlt?"

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Die Vereinten Nationen haben ein neues internationales Klimaschutz-Abkommen verabschiedet. Katholische Verbände, Hilfswerke und Bischöfe begrüßen den Vertrag. Allerdings müssten die Ziele nun auch schnellstmöglich in die Tat umgesetzt werden.

Frage: Fehlt Ihnen etwas in dem Vertrag?

Kruip: Der Vertrag ist ein wichtiger historischer Schritt. Aber für sich allein genommen, reicht er natürlich nicht aus, die Erderwärmung tatsächlich zu begrenzen. Mir fehlt die Verbindlichkeit in der Festlegung und Überwachung der Reduktionsziele. Mir fehlt auch die Vereinbarung konkreter Schritte, wie das erreicht werden soll. Am besten wäre es, auf globaler Ebene eine CO2-Steuer zu erheben oder einen gut funktionierenden globalen Handel mit CO2-Zertifikaten zu installieren. Trotz dieser Mängel ist der Vertrag aber ein wichtiger Schritt in Richtung einer Entwicklung, die hoffentlich mit der Zeit und mit der Zunahme der Probleme zu mehr gemeinsamem Handeln, zu effektiveren Maßnahmen und mehr Verbindlichkeit führt.

Frage: Der Vertrag ist eine Sache, die Umsetzung eine andere. Was muss nun passieren?

Kruip: Der Vertrag – und das ist ein sehr wichtiges Element – sieht vor, dass alle beteiligten Länder alle fünf Jahre, erstmals 2023, einen Bericht darüber vorlegen müssen, was sie gegen die Erderwärmung getan haben und ob sie die selbst gesetzten Ziele erreicht haben. Auch wenn es keine Sanktionen gibt, wenn ein Land dies nicht tut, so ist diese regelmäßige Berichtspflicht doch ein starkes Druckmittel. Wahrscheinlich wird angesichts noch zunehmender Probleme des Klimawandels kein Staat als Versager oder Trittbrettfahrer dastehen wollen. Besonders wichtig ist eine solche Berichtspflicht auch für zivilgesellschaftliche Organisationen in solchen Ländern. Denn sie können dann die eigene Regierung ihrer Versäumnisse wegen an den Pranger stellen und auf andere Länder verweisen, die viel mehr getan haben. Das kann großen politischen Druck erzeugen. Politik hält sich zwar oft nicht an die Moral, man kann die Moral aber durchaus als Ressource zur Erzeugung von Handlungsdruck in die Politik einbringen. Diejenigen, die das tun, müssen sich jedoch um Glaubwürdigkeit bemühen, was bedeutet, ihr eigenes Handeln zu ändern und klimafreundlicher zu leben. Da könnten wir alle noch viel mehr tun als bisher.

Von Björn Odendahl